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Kinder und Jugendliche aus der Ukraine

Junge Flüchtlinge optimal versorgen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20927
Veröffentlichung: 03.08.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(3132):974-977

Fabienne N. Jäger, Christoph Berger, Michael Buettcher, Sarah Depallens, Ulrich Heininger, Yvon Heller, Malte Kohns Vasconcelos, Bodil Leforestier, Nicole Pellaud, Christa Relly, Johannes Trück, Saskia von Overbeck Ottino, Sara Bernhard-Stirnemann, Noémie Wagner, Nicole Ritz

Für die Referenzgruppe Migrationsgesundheit von paediatrie schweiz und Paediatric Infectious Disease Group of Switzerland (PIGS)

Bei der medizinischen Versorgung minderjähriger Flüchtlinge aus der Ukraine ist es von Vorteil, deren Bedürfnisse zu kennen und darauf einzugehen. Um diese Personengruppe optimal zu behandeln, haben paediatrie schweiz und PIGS gemeinsame Empfehlungen ausgearbeitet.

Mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine im Februar 2022 wurde eine seit dem zweiten Weltkrieg beispielslose Flüchtlingswelle ausgelöst. Über 55 000 Flüchtenden, meist Frauen und Kindern, wurde in der Schweiz bereits der Schutzstatus S zugesprochen, der ihnen neben Aufenthaltsrecht auch eine Gesundheitsversorgung im Rahmen des schweizerischen Krankenversicherungsgesetzes (KVG) zusichert. Um die minderjährigen Patientinnen und Patienten optimal betreuen zu können, ist es hilfreich, über die Bedürfnisse im Zusammenhang mit Herkunft und Flucht informiert zu sein. Ziel ist es, zugezogenen Kindern die gleiche gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen wie Kindern, die in der Schweiz geboren sind.

Als Hilfestellung für Kinderärztinnen und Kinderärzte und Hausärzte, welche minderjährige Flüchtlinge aus der Ukraine betreuen, wurden deshalb Konsensempfehlungen von der Referenzgruppe Migrations­gesundheit von paediatrie schweiz und PIGS (paediatric infectious disease group of switzerland) erarbeitet, die dem aktuellen Stand des Wissens entsprechen. Diese sollen an die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten und deren Familien angepasst werden.

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Michele Ursi | Dreamstime.com

Der Gesundheitszustand der Geflüchteten

Über 200 000 Kinder befanden sich bereits vor ­Februar 2022 wegen des Konflikts im Osten des Landes intern auf der Flucht, einige haben Angriffe erlebt. Die Gesundheitsversorgung in der Ukraine war nicht einheitlich, unter dem Krieg hat sie aber weiter gelitten. Die Kleinkindsterblichkeit war doppelt so hoch wie in der Schweiz, multiresistente Tuberkulose, hohe Hepatitis C Raten und vereinzelte Poliomyelitis Impfvirus-Ausbrüche sind erwähnenswert. Während ein nationales HIV-Mutter-Kind-Programm bis zu 97 % der Schwangeren erfasste und die vertikalen Übertragungsraten massiv senken konnte, bleibt das Screening für Hepatitis B und C für Schwangere inkonsistent. Vorsorge­untersuchungen sind vorgesehen, über Geldforderungen bei offiziell unentgeltlichen Konsultationen und Impfängsten bei angeblich mangelhafter Impfstoffqualität wird berichtet. Die Impfempfehlungen weichen von denen der Schweiz etwas ab [1].

Die Flucht bedeutet für die meisten Minderjährigen die Trennung von ihrem Vater, da dieser meist nicht aus der Ukraine ausreisen darf. Die widrigen Umstände auf der Flucht, zum Beispiel Crowding, können das Risiko für Infektionen und weitere Vulnerabilitäten erhöhen. Das Einleben in der Schweiz ist nicht immer einfach, nicht nur wegen der Sprache. Formalitäten, ein neuer Alltag, das Wegfallen von Betreuungsressourcen und potenziell sinngebende Arbeiten, die Sorge um die Daheimgebliebenen, die Wut über den Krieg und Zukunftsängste können auch die für die Stabilität und das Erleben des Kindes wichtigen Hauptbezugspersonen beeinträchtigen, weshalb das Erfragen der psychosozialen und gesundheitlichen Situation von Kind und Bezugspersonen unerlässlich ist. Die Tabelle gibt die wichtigsten Empfehlungen für Gesundheitsfachkräfte wieder.

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Abbildung 1: Geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sollten in der Schweiz ­sorgfältig untersucht werden. ­Psychologische und soziale Aspekte spielen bei ihrer ­medizinischen Versorgung eine besondere Rolle. © Pressmaster | Dreamstime.com

Fluchtbedingt sind Impfdokumente nicht immer vorhanden, oft jedoch können Fotos davon von den Begleitpersonen organisiert werden. Generell ist aber davon auszugehen, dass Kinder unter 6 Jahren erst eine Masern-Mumps-Röteln-Impfung gehabt haben, weshalb es sich – im Gegensatz zu anderen Impfungen – nicht lohnt, hierfür auf eine Fotodokumentation zu warten, sondern mit MMR direkt geimpft werden sollte. Auf der Webpage von paediatrie schweiz befinden sich nebst anderen nützlichen Dokumenten auch ein Ukrainischer Impfausweis mit Übersetzung [3].

Die psychologische und soziale Situation von Kind/Adoleszent und Betreuungspersonen sollten ein spezielles Augenmerk erhalten. Niederschwellige Unterstützung und soziale Angebote, wie lokale Treffpunkte mit anderen Betroffenen, können für viele bereits Erleichterung bringen [4]. Psychologisch/psychiatrische Betreuung oder eine Anmeldung beim Ambulatorium für Folter und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes sind Optionen bei Bedarf.

Einige aus der Ukraine Geflüchtete sind auf Zeit bei ­Familien untergebracht, andere befinden sich in Asylunterkünften. Zudem besteht die Hoffnung auf Rückkehr. Um wichtige Informationen auch in Zukunft für Patientenfamilie und Gesundheitsfachleute sicherzustellen, sollten, wenn immer möglich, medizinische Informationen den Hauptbezugspersonen idealerweise in elektronischer Form und auf Papier mitgegeben ­werden (Impfungen, Resultate, Konsultationen, besprochenes Vorgehen usw.). Hilfreich kann es auch sein, das Gesundheitsheft (insb. Seiten 30/31 Neuzuzüger) auszufüllen, welches auf der Webseite des CSS gratis bestellt werden kann [5].

Empfehlungen
Kommunikation
Ermitteln Sie den Einsatzbedarf für eine(n) Dolmetschende(n) und informieren Sie alle freiwilligen Dolmetschenden über Vertraulichkeit/Arztgeheimnis. Stellen Sie sicher, dass Patientinnen und Patienten sowie Familienangehörige offen sprechen können.
Allgemein
Identifizierung ­dringlicher medizinischer Probleme• Akute oder chronische Krankheit mit dringendem Behandlungsbedarf, fehlende Medikamente.
• Erkennen von Isolation- oder Schutzbedarf.
Anamnese • Chronische Krankheiten, bekannte Gesundheits-/Entwicklungsprobleme.
• Bisherige kurative und präventive Behandlung und erhaltene Ratschläge.
• Transit, Ankunftsdatum, aktuelle Situation in der Schweiz (Unterkunft, Gefühl, in Sicherheit zu sein, Einschulung, Kinderbetreuung, finanzielle Situation, familiäre Situation, soziale Kontakte, Freizeitgestaltung, Ressourcen).
• Bedürfnisse der Hauptbetreuungspersonen evaluieren (Gesundheit/Stabilität/emotionale Verfügbarkeit/Unterstützung bei der Kinderbetreuung).
Status • Durchführung einer gründlichen, altersgerechten Vorsorgeuntersuchung gemäss der Checkliste von paediatrie schweiz [2]
Psychische Gesundheit
Beurteilung des 
psychischen Wohlbefindens, Suche einer möglichen Belastungsstörung, Evaluation eines Behandlungsbedarfs• Vermeiden Sie es, traumatische Erlebnisse unnötig im Detail zu besprechen, ausser der ­Patient will darüber sprechen.
• Fragen Sie nach Schlafstörungen, Albträumen, Verhaltensänderungen, Hypervigilanz, neu aufgetretenem Bettnässen, Angstattacken, Depression usw. und stellen Sie sicher, dass sich der Patient/die Familie sicher fühlt.
• Beurteilung des Bedarfs von Kindern/Jugendlichen/Eltern/Betreuern an psychosozialer Unterstützung/spezialisierter Betreuung.
Impfungen
Sicherstellung eines altersgerechten Impfschutzes
• In der Regel sollten nur dokumentierte Impfungen berücksichtigt werden.
• Sicherstellen eines guten Impfschutzes und bei Bedarf Verabreichung von Nachhol- und ­Auffrischimpfungen nach Schweizer Empfehlungen (BAG).
• Alle DTPa/dTpa-Auffrischungsimpfungen sollten zusätzlich Poliomyelitis (IPV) enthalten, auch für Adoleszente.
• Die zweite Dosis der Masern, Mumps und Röteln (MMR) Impfung wird in der Ukraine erst im Alter von 6 Jahren verabreicht: Impfen Sie Kinder im Alter von 1 bis unter 6 Jahren umgehend mit MMR.
• 3 Dosen Hepatitis B (Ukrainisches Impfschema: Tag der Geburt, 2 Monate, 6 Monate) gelten als vollständige Grundimmunisierung für Hepatitis B.
• Der Tetanustoxin-Antikörperspiegel kann 4 Wochen nach einer Einzeldosis eines Tetanustoxoid-haltigen, altersgerechten Kombinationsimpfstoffs (einschliesslich Polio) bestimmt werden, um festzustellen, ob eine weitere Nachholimpfung erforderlich ist.
• Die Varizellenimpfung soll auch für < 11-Jährige in Betracht gezogen werden, die für längere Zeit in Asylunterkünften leben, sofern sie diese nicht bereits durchgemacht haben oder geimpft sind.
Screening
Nach übertragbaren oder Stoffwechselkrankheiten suchen.• Tuberkulose-Screening mittels Mantoux oder IGRA sollte allen angeboten werden. Dies kann ­zeitnah mit anderen Blutuntersuchungen durchgeführt werden, sofern ­anamnestisch keine Exposition/Symptome vorliegen. Das Screening kann zeitgleich aber nicht innert 4 Wochen nach Masernimpfung durchgeführt werden.
• HIV 1/2: Eine Serologie sollte angeboten werden, insbesondere in Abwesenheit eines verlässlich negativen ­HIV-Tests der Mutter während der Schwangerschaft und/oder bei Exposition/ Risiko­faktoren angeboten ­werden.
• Hepatitis B: Eine Serologie sollte angeboten werden, wenn keine vollständige Hepatitis-B- Impfungen in der Vergangenheit durchgeführt wurde (3 Dosen).
• Hepatitis C: Eine Serologie sollte angeboten werden.
• Neugeborenen-Screening (Guthrie): Für in der Ukraine geborene Säuglinge <= 6 Monaten soll, ­unabhängig eines früheren ukrainischen Neugeboren-Screenings, ein CH-Neugeborenen-­Screening in Betracht gezogen werden.
Informationen und Dokumentation
An die für das Kind verantwortlichen ­Erwachsenen weiter­leiten• Geben Sie altersgerechte Präventionsinformationen, informieren Sie über Gesundheitsdienste und Kostenübernahmen und darüber, wohin sie sich in Notfällen wenden können (einschliesslich der Notrufnummer 144 für lebenswichtige Notfälle).
• Die Patientendokumentation (Konsultation, Impfungen, Resultate von Untersuchungen usw.) sollte – wenn möglich elektronisch und in Papierform – dem begleitenden Elternteil / der verantwortlichen Bezugsperson mitgeben werden. Das Ausfüllen des Gesundheitshefts (insb. Seiten 30/31) kann hilfreich sein.

Chancengleichheit für Migrantenkinder

Da viele Haus- und Kinderärzte bereits jetzt stark ausgelastet sind, scheinen diese Empfehlungen auf den ersten Blick für manche nicht umsetzbar. Die ­Empfehlungen fussen auf den Prinzipien der Chancengleichheit für alle Kinder in der Schweiz. Sie ­beinhalten klassische ­Praxispädiatrie mit Vorsorgeuntersuchung, wenig zusätzlichen Screenings, ­bekannten Impfungen und einer speziellen Berücksichtigung der sozio-emotionalen Bedürfnisse, ­welche durch die Erfahrung von Krieg und Flucht beeinflusst sind. Die Webseite von paediatrie schweiz wird laufend mit nützlichen Informationen und Links aktualisiert.

Manche Kantone haben Migrationssprechstunden eingerichtet, andere haben jetzt neue aufgebaut und ­einige stellen bereits Dolmetschende kostenlos auf ­Abruf zur Verfügung. Sicherzustellen, dass die ukrainischen Kinder und Jugendlichen am Ende des Konflikts so gesund wie nur möglich in ihre Heimat zurückreisen können, kann als Beitrag für den Wiederaufbau der Ukraine betrachtet werden. Wir danken all jenen, die sich für die Gesundheit der schutzsuchenden Kinder und ­Jugendlichen und ihrer Begleitpersonen engagieren.

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag, der in Swiss Medical Weekly erschienen ist [6]. Die Affiliationen der Autorinnen und Autoren können dort eingesehen werden.

Das Wichtigste in Kürze

• Mehr als 55 000 ukrainische Personen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, haben seit Februar 2022 in der Schweiz den Ausweis S erhalten.

• Der Schutzstatus S verleiht ihnen das Recht auf Unterkunft, Unterstützung und medizinische Versorgung.

• Um Kinderärztinnen und -ärzte sowie Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner, die minderjährige Flüchtlinge aus der Ukraine betreuen, zu ­unterstützen, haben die Referenzgruppe Migrationsgesundheit von paediatrie schweiz und PIGS (paediatric infectious disease group switzerland) Empfehlungen ausgearbeitet.

• Die ausführlichen Empfehlungen, auf denen dieser Artikel aufbaut, finden sie unter: Paediatric Refugees from Ukraine: Guidance for health care professionals https://smw.ch/article/doi/smw.2022.w30200.

Korrespondenzadresse

fabienne.jaeger[at]unibas.ch

Literatur

1 https://en.moz.gov.ua/uploads/ckeditor/docs/145r.jpg

2 https://cdn.paediatrieschweiz.ch/production/uploads/2021/11/Checklist_Vorsorgeunt_Formular_2017_DE.pdf

3 https://www.paediatrieschweiz.ch/unterlagen/migration/

4 Siehe Beispielsweise die «Femmes-Tische»: https://www.femmestische.ch/de/standorte-27.html)

5 https://www.css.ch/de/leistungserbringer/partnerschaft/partner-werden/patienten-dienstleistungen.html

6 Jaeger FN, Berger C, Buettcher M, Depallens S, Heininger U, Heller Y, et al.; Migrant Health Reference Group of Paediatrics Switzerland; Paediatric Infectious Disease Group in Switzerland (PIGS). Paediatric refugees from Ukraine: guidance for health care providers. Swiss Med Wkly. 2022;152:w30200. doi: 10.4414/smw.2022.w30200. 

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