Horizonte

Persönliche ­Impfberatung

Reden statt lesen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20930
Veröffentlichung: 31.08.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(35):1122-1123

Philip Tarra, Bernhard Wingeierb

a Medizinische Universitätsklinik und Infektiologie/Spitalhygiene, Kantonsspital Baselland, Bruderholz, Universität Basel; b Abteilung Pädiatrie, ­Klinik ­Arlesheim, Arlesheim BL

Die neu aufgelegte Broschüre zu Kinderimpfungen der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) kann Eltern als eine Grundlage für ihre Impfentscheidung dienen. Sie will Meinungen gegenüberstellen – allerdings ersetzt sie nicht die persönliche Impfberatung.

Als im Jahr 2004 eine Neuauflage der SKS Broschüre erschien, wurde sie harsch kritisiert. Die SÄZ druckte vernichtende Stellungnahmen und fachliche Richtigstellungen der eidgenössischen Kommission für Impffragen EKIF (14 Seiten!) und der Fachgesellschaften, ein 6-seitiges Interview mit der damaligen EKIF-Präsidentin sowie Kommentare des Bundesamts für Gesundheit (BAG) [1–4]. Die Broschüre sei «Propaganda», «Ideologie», sie schüre «Misstrauen gegenüber den Ärzten» und bringe die Gesundheitsbehörden «in Verruf». Das BAG erkannte in der Bevölkerung eine «vielfältig zusammengesetzte Impfgegnerschaft», deren Ziele «bis zur kritischen Haltung gegenüber einzelnen Impfungen» reiche [4].

Die Behörden und das Vertrauen

Wie haben sich die Zeiten geändert. Während der 
Covid-19 Pandemie hiess es: Druck erzeugt Gegendruck. Die Bekämpfung einer «Impfgegnerschaft» scheint heute wie damals nicht zielführend, um die Impfraten zu steigern. Spätestens während der Pandemie ist zudem klar geworden, dass einseitig positive behördliche Kommunikation (Impfungen sind «wirksam und sicher» [5]) vor allem die ohnehin impffreundlich eingestellten Personen erreicht und – ebenso wie behördliche Richtigstellungen von Impffalschaussagen – paradoxe Konsequenzen haben kann, nämlich die Förderung von Verschwörungstheorien, Impfskepsis und Misstrauen in die Behörden [6–8].

Australische Expertinnen und Experten gehen noch weiter: Wenn Behörden beharrlich den Grund für (zu) tiefe Covid-19-Impfraten in der Impfskepsis suchen, dann lenken sie ab vom eigentlichen Problem: ihren eigenen, insuffizienten Anstrengungen [9] (Stichworte: zielgruppengerechte Impfkommunikation, z. B. für ­bildungsferne Gruppen, Immigranten sowie Wählerinnen und Wähler von staatskritischen Parteien). Das in der Pandemie verlorene Vertrauen müssen die Behörden erst wieder aufbauen. Es braucht auch keine aufgeregten Diskussionen zu ­einer möglichen Impfpflicht wie in Deutschland [10–13] – erst wenn Behörden abweichende Meinungen zulassen, können sie «auf nachhaltige Legitimation rechnen» [14].

Broschüre stellt Meinungen gegenüber

Was hat das alles mit der SKS Broschüre zu tun? Ziemlich viel, denn ihr Konzept besteht ja darin, «Informationen und Meinungen verschiedener Akteure aus dem Gesundheitswesen einander gegenüber[zustellen]». Der SKS verzichtet bewusst auf Impfempfehlungen – die Eltern sollen selber die verschiedenen Meinungen «abwägen» und eine Impfentscheidung «treffen, die Sie verantworten können». Die Forschung von uns (Nationales Forschungsprogramm NFP74 zu Impfskepsis [15]) und anderen zeigt, dass impfskeptische Eltern kaum ein Informationsdefizit haben (wie die EKIF Präsidentin 2005 vermutete [3]), sondern sogar überdurchschnittlich viele Impfinformationsquellen konsultieren, also auch Bücher lesen, Zweitmeinungen bei impfkritischen Ärztinnen und Ärzten oder Medien einholen und sich darin verlieren können [16,17].

Hier könnte die Broschüre also die Informationsbedürfnisse der Eltern unterstützen. Sie präsentiert jeweils, eine Impfung nach der anderen, die offizielle BAG/EKIF Impfempfehlung. Danach folgen die Empfehlungen der WHO, der deutschen und US-Behörden sowie die Ansichten von zwei impfkritisch eingestellten Websites und des prominenten Münchner Kinderarztes und Buchautors Dr. Martin Hirte. Ob das Konzept, die verschiedenen Sichtweisen einander gegenüberzustellen, die impfbesorgten Eltern überzeugt oder sie im Gegenteil zusätzlich verwirrt, müsste man sie selbst fragen. Unsere NFP74 Forschungsgruppe bevorzugt eine andere Strategie: Die Schul- und Komplementärmedizin an einen Tisch zu bringen und eine neue Sprache zu finden, in der Form von gemeinsam geschriebenen Fortbildungsartikeln, mit dem Ziel der Synthese und Gewichtung der verschiedenen Meinungen [18–23]. Das funktioniert erstaunlich produktiv und soll die Schweizer Ärzteschaft bei der Impfberatung unterstützen.

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Pexels / CDC

Broschüre ist nicht immer aktuell

Die SKS Broschüre hat sich über die Jahre verändert, und im positiven Sinn: Längst widerlegte Themen wurden fallengelassen, z. B. dass die MMR Impfung Autismus verursachen kann oder dass Kombinationsimpfungen weniger wirksam als Einzelimpfungen sind oder schlechter vertragen werden. Bei hartnäckigen behördlichen Dogmen (z. B. hohe Wirksamkeit der Grippeimpfung [24]) ist der Hinweis auf die schwache Datenlage willkommen. Leider ist die Broschüre nicht immer auf dem aktuellen Stand. So gibt es z. B. seit Herbst 2020 solide Daten, dass die HPV Impfung nicht nur Dysplasien, sondern auch Zervixkarzinome zuverlässig verhindert [25]. Solch wichtige Evidenz darf in der SKS Broschüre nicht fehlen.

Impfberatung ergebnisoffen gestalten

Unsere Forschung zeigt: Viele Eltern wünschen sich einen offeneren Diskurs mit ihrem Arzt und breitere Informationen [26, 27]. Somit ist das Ziel der Broschüre begrüssenswert. Statt dass Eltern nur passiv ärztliche Anordnungen entgegennehmen, gilt heute die gemeinsame Entscheidungsfindung als zentral [28, 29] –auch beim Impfentscheid [30–32]. Der SKS betont zu Recht: Eltern sollen sich Fragen zu Impfungen stellen können, «ohne dabei generell als unsolidarisch oder impfkritisch abgestempelt zu werden». Die Nationale Ethikkommission fordert, dass wir die Autonomie der Patientinnen und Patienten respektieren, selbst wenn uns ihre Entscheide falsch scheinen [33]. Interessant ist, wie die EKIF Präsidentin diese medizin-kulturellen Veränderungen (und den Vertrauensmangel in die Behörden) schon 2005 klar erkannte [3].

Auf ein detailliertes Quellen- und Literaturverzeichnis verzichtet die Broschüre leider – die Leserinnen und Leser werden auf die Homepage des SKS verwiesen. Insbesondere die impfkritischen Aussagen von Martin Hirte erscheinen so oft als plakativ, weil die Literaturangaben fehlen. Wer sich kritisch mit Hirtes Aussagen auseinandersetzen will, müsste seine Bücher kaufen.

Kurz, Eltern stehen nach dem Lesen der SKS Broschüre für ihre persönliche Impfentscheidungsfindung vor dem Problem der Wertigkeit der sich teils widersprechenden Angaben. Gerade in diesem sensiblen Bereich lässt die Broschüre die Eltern allein und kann eine persönliche Impfberatung nicht ersetzen. Am besten ­geschieht diese durch die immer wieder durch Eltern als vertrauenswürdigste Quelle: Die Hausärztinnen oder Kinderärzte. Diese gestalten im Jahr 2022 die Impfberatung nicht direktiv, ­sondern am besten ergebnisoffen. Und dies gilt für Schul- wie Komplementärmedizinerinnen und Komplementärmediziner.

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Abbildung 1: Kinder-­Impfun­gen – eine Entscheidungshilfe, Konsumenten­schutz, Bern: Stiftung Konsumentenschutz 2022, ­4. überarbeitete ­Auflage, 112 Seiten

Korrespondenzadresse

philip.tarr[at]unibas.ch

Literatur

 1 C.-A. Siegrist, C. Aebi, D. Desgrandchamps, U. Heininger, B. Vaudaux. Impfratgeber: Evidenz anstelle von Behauptungen. Schweizerische Ärztezeitung 2005;86(9):539–52.

 2 Société Suisse de Pédiatrie (SSP/SGP)/Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie (SSI)/Pädiatrische Infektiologiegruppe Schweiz (PIGS). Stellungnahme zur Broschüre «Impfen – Grundlagen für einen persönlichen Impfentscheid» des schweizerischen Konsumentenschutzes (6. Auflage). Schweizerische Ärztezeitung 2006;87(35):1485–90.

 3 Siegrist CA, Trutmann M, Bonfils P. Impfungen – ein weiterhin ungelöstes und hochaktuelles Problem.
Gespräch mit Prof. Claire-Anne Siegrist vom 20. Oktober 2004. Schweizerische Ärztezeitung 2005;86(9):533–8.

 4 Kommentar des Bundesamtes für Gesundheit zum Interview von Frau Professor Claire-Anne Siegrist. Schweizerische Ärztezeitung 2005;86(9):552.

 5 Spaar A, Heininger U, Stronski Huwiler S, Masserey Spicher V. Die HPV-Impfung ist wirksam und sicher. Aktueller Stand zur Wirksamkeit und Sicherheit der verfügbaren Impfstoffe. BAG Bulletin 2018;(3):16–24. https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/mt/infektionskrankheiten/hpv/hpv-impfung-wirksam-sicher.pdf

 6 Kahan DM. A Risky Science Communication Environment for Vaccines. Science. 2013;342(6154):53–4.

 7 Petersen MB, Bor A, Jørgensen F, Lindholt MF. Transparent communication about negative features of COVID-19 vaccines decreases acceptance but increases trust. Proc Natl Acad Sci USA. 2021;118(29):e2024597118. DOI: 10.1073/pnas.2024597118

 8 Betsch C, Sachse K. Debunking vaccination myths: Strong risk negations can increase perceived vaccination risks. Health Psychology. 2013;32(2):146–55. DOI: 10.1037/a0027387

 9 Attwell K, Hannah A, Leask J. COVID-19: talk of ‹vaccine hesitancy› lets governments off the hook. Nature 2022;602:574–7.

10 Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin DEGAM. DEGAM-Positionspapier zur Impfpflicht [Internet]. 2019 [cited 2019 Oct 15]. Available from: https://www.degam.de/files/Inhalte/Degam-Inhalte/Ueber_uns/Positionspapiere/DEGAM_Positionspapier_Impfpflicht_final.pdf

11 Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin NEK. Die Covid-19-Impfung. Ethische Abwägungen zu Grundsatzfragen und spezifischen Anwendungsbereichen. Stellungnahme Nr. 27/2021. https://www.nek-cne.admin.ch/inhalte/Themen/Stellungnahmen/NEK_Stellungnahme_Impfung_Zusammenfassung_und_Empfehlungen.pdf

12 Wolff E. «Eine Impfpflicht kann das politische Klima im Land stark verändern». Tagesanzeiger 22.7.2021. https://www.tagesanzeiger.ch/eine-impfpflicht-kann-das-politische-klima-im-land-stark-veraendern-483393750362

13 Krones T. Ethikerin zur Impfpflicht: «Wir müssen die Gesellschaft zusammenhalten, komme, was wolle». NZZ 26.11.2021. https://www.nzz.ch/wissenschaft/impfpflicht-moralisches-gebot-versus-ethische-abwaegungen-ld.1656871

14 Gujer E. Wie sich Demokratien gegen Diktaturen behaupten, ist das zentrale geopolitische Thema des 21. Jahrhunderts. NZZ 25.5.2022. https://www.nzz.ch/meinung/der-sieger-des-ukraine-kriegs-ist-china-ld.1685562

15 Deml MJ, Jafflin K, Merten S, et al. Determinants of vaccine hesitancy in Switzerland: study protocol of a mixed-methods national research programme. BMJ Open. 2019 Nov;9(11):e032218. DOI: 10.1136/bmjopen-2019-032218

16 Ebi SJ, Deml M, Jafflin K, et all. Parents’ vaccination information seeking, satisfaction with and trust in medical providers in Switzerland: a mixed-methods study. BMJ Open 2022;0:e053267. doi: 10.1136/bmjopen-2021-053267. http://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-053267

17 Jafflin K, Deml MJ, Schwendener C, et al. Parental and provider vaccine hesitancy in Switzerland: A survey study. Vaccine 2022, May 20;40(23):3193–202. doi: 10.1016/j.vaccine.2022.04.044. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0264410X22004728?via%3Dihub

18 Dietrich L, Notter J, Huber B, et al. HPV-Impfung: Update 2019 für die Impfberatung. Swiss Medical Forum. 2019 Mar 27;19(1314):220–6. DOI: 10.4414/smf.2019.08064

19 Dietrich L, Abreu De Azevedo M, Wirz S, et al. Grippeimpfung: Kritische Beurteilung und praktische Empfehlungen. Primary and Hospital Care. 2021 Feb 3;21(02):52–9. DOI: 10.4414/phc-d.2021.10341

20 Wingeier B, Avoledo P, Schmid Thurneysen L, et al. Sollen wir Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 impfen? Primary and Hospital Care. 2021 Jul 7;21(07):223–5. DOI: https://doi.org/10.4414/phc-d.2021.10428

21 Zimmermann C, Schmid Thurneysen L, Deml MJ. Impfskepsis – Teil 1: Einführung. Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022;22(2):52–57. https://doi.org/10.4414/phc-d.2022.20108. https://primary-hospital-care.ch/article/doi/phc-d.2022.20108

22 Schmid Thurneysen L, Zimmermann C, Deml MJ, et al. Impfskepsis: 10 Punkte für eine erfolgreiche Impfberatung. Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022;22(3):85–91. doi.org/10.4414/phc-d.2022.20103. https://primary-hospital-care.ch/article/doi/phc-d.2022.20103

23 Lanz C, Béguelin C, Künzli E. Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und FSME-Impfung. Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2022; 22(6):178–184. https://primary-hospital-care.ch/article/doi/phc-d.2022.20142

24 Dietrich L, Abreu De Azevedo M, Wirz S, et al. Grippeimpfung: Kritische Beurteilung und praktische Empfehlungen. Primary and Hospital Care. 2021 Feb 3;21(02):52–9. DOI: 10.4414/phc-d.2021.10341

25 Lei J, Ploner A, Elfström KM. HPV vaccination and the risk of invasive cervical cancer. N Engl J Med 2020;383:1340–8. DOI: 10.1056/NEJMoa1917338

26 Deml MJ, Notter J, Kliem P, Buhl A, Huber BM, Pfeiffer C, et al. “We treat humans, not herds!”: A qualitative study of complementary and alternative medicine (CAM) providers’ individualized approaches to vaccination in Switzerland. Social Science & Medicine. 2019 Nov;240:112556. DOI: 10.1016/j.socscimed.2019.112556

27 Deml MJ, Buhl A, Notter J, Kliem P, Huber BM, Pfeiffer C, et al. ‘Problem patients and physicians’ failures’: What it means for doctors to counsel vaccine hesitant patients in Switzerland. Social Science & Medicine. 2020 Jun; 255:112946. DOI: 10.1016/j.socscimed.2020.112946

28 Gerber M, Kraft E, Bosshard C. Grundlagenpapier der DDQ. Shared Decision Making – Arzt und Patient entscheiden gemeinsam. Schweizerische Ärztezeitung 2014;95(50):1183–9.

29 Rosca A, Krones T, Biller-Andorno N. Shared decision making: patients have a right to be informed about possible treatment options and their risks and benefits. Swiss Med Wkly. 2020;150:w20268

30 Tudrej BV, Rehman MB, Booussageon R. Debate & analysis. Improving public health information for patients: shared decision making and influenza vaccination. British Journal of General Practice, September 2017; 421–2. DOI: https://doi.org/10.3399/bjgp17X692477

31 Sanftenberg L, Kuehne F, Anraad C, et al. Assessing the impact of shared decision making processes on influenza vaccination rates in adult patients in outpatient care: A systematic review and meta-analysis. Vaccine 39 (2021) 185–96. https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2020.12.014

32 Dietrich LG, Lüthy A, Lucas Ramanathan P. Healthcare Professional and Professional Stakeholders’ Perspectives on Vaccine Mandates in Switzerland: A Mixed-Methods Study. Vaccine 2022 Feb 11:S0264-410X(22)00007-X. doi: 10.1016/j.vaccine.2021.12.071. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0264410X2200007X?via%3Dihub

33 Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften / Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (2020). Autonomie in der Medizin: 7 Thesen. Swiss Academies Communications [Internet]. 2020 Nov 5 [cited 2021 Apr 11];15(11). Available from: https://zenodo.org/record/4009253

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