Reportage

«Auch Häftlinge haben ein Recht auf Gesundheit»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20971
Veröffentlichung: 07.09.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(36):14-18

Julia Rippstein

GefängnispsychiatrieDepressionen, Angstzustände, Suchterkrankungen: Jeder zweite Häftling in der Schweiz hat psychische Störungen. Psychiaterin Dr. Corinne Devaud Cornaz behandelt sie. Was sie antreibt – und wie sie den Insassen hilft. Eine Reportage aus dem Gefängnis Bellechasse.

Das PTJ ist ein Anfang 2021 unter der Leitung von Corinne Devaud Cornaz gegründetes Therapieangebot, an dem Freiburger Gefangene teilnehmen, die nach Artikel 59 verurteilt wurden. Diese leiden an einer schweren psychischen Störung und ihre Straftaten stehen in engem Zusammenhang mit ihrer Krankheit. «Das sind keine Schwerverbrecher», betonte die Psychiaterin vor Beginn der Visite. «Sie sollten in geeigneten Einrichtungen behandelt werden, dafür kämpfe ich, aber aufgrund des Platz- und Personalmangels bleiben sie oft im Gefängnis.» Corinne Devaud Cornaz kommt ein- bis zweimal pro Woche nach Bellechasse und kennt die Patienten daher gut. Sie nutzt informelle Momente wie das Frühstück, um sich mit den Häftlingen und dem Pflegeteam auszutauschen und Informationen für die therapeutische Betreuung zu sammeln. Nach der Pause wird Kuchen gebacken: Ein Insasse feiert seinen Geburtstag. Jeden Tag nehmen die Gefangenen an therapeutischen Aktivitäten teil. Es wird angenommen, dass 50 bis 60% der Gefängnis-insassen an einer psychischen Störung leiden [1]. «Die Gefängnisleitungen erkennen allmählich, dass auch für diese Personen Angebote geschaffen werden müssen.»

Gute juristische Kenntnisse

Während die Backöfen vorheizen, begibt sich die Psychiaterin in den «Kerker», um den vierten Insassen zu sehen. Sein psychotisches Delirium hat sich verschlimmert. Die Zelle ist spartanisch eingerichtet: auf 10 m2 ein Betonklotz mit Matratze und Decke, ein Waschbecken, eine Hocktoilette und ein kleines Oberlicht, durch das ein paar Lichtstrahlen einfallen. Mit zerzaustem Haar sitzt der junge Mann auf der Bettkante und unterhält sich mit dem Pflegefachmann. Um seine Halluzinationen abzuschwächen, wurden ihm Beruhigungsmittel verabreicht. Mit sanfter, aber sicherer Stimme fragt Corinne Devaud Cornaz ihn, wie es ihm geht. Seine Sprache ist wirr. Er hatte seine Mutter angerufen, obwohl ihm dies verboten worden war. Diese Kontakte haben seinen Zustand so verschlechtert, dass die Psychiaterin seine Verlegung in eine Klinik beantragt hat. «Er braucht eine angemessene Behandlung in einer Pflegeeinrichtung, nicht in einem Gefängnis.» Ein solcher Antrag muss von der Gefängnisleitung und den Strafvollzugsbehörden genehmigt werden. «Das Gefängnisumfeld beeinflusst, welche Behandlung angeboten wird», sagt die Expertin. Sie hat zwar die gleichen klinischen Kompetenzen wie der Allgemeinpsychiater, muss aber den rechtlichen Rahmen berücksichtigen. «Das erfordert gute juristische Kenntnisse», sagt die Absolventin eines CAS in forensischer Psychiatrie an der Universität Lausanne (CHUV).

Rückkehr in die oberen Stockwerke für das Netzwerktreffen, das diesem Fall gewidmet ist. Sozialarbeiter, Kriminologen, Vertreterin der kantonalen Strafvollzugsbehörde, Strafvollzugsbeamte und das Pflegeteam nehmen daran teil. Während der Sitzung betont Corinne Devaud Cornaz die Notwendigkeit, seinen psychotischen Zustand zu stabilisieren und Familiengespräche zu führen. Das Meeting verläuft erfolgreich, die Psychiaterin ist erleichtert: «Wir sind quasi die Anwälte der Patienten, wir müssen immer dafür sorgen, dass etwas in ihrem Sinne geschieht und institutionelle Massnahmen gegen sie infrage stellen.» Angesichts der Gefahr, von den Gefängnisverantwortlichen instrumentalisiert zu werden, muss der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin stets die Unabhängigkeit bewahren. «Unser Blick ist immer ein medizinischer, aber die anderen Instanzen neigen dazu, ihn zu verrechtlichen.»

Vorbild französisches Modell

Für Corinne Devaud Cornaz stehen weitere Einzelberatungen an, die aus Platzmangel in einem Musikzimmer stattfinden. «Das zeigt die räumlichen Gegebenheiten, die uns zur Verfügung stehen.» Dass die Präsenz von psychiatrischen Fachkräften von den Gefängnisleitungen immer besser akzeptiert werden, ist in erster Linie der Mobilisierung der Fachärzte selbst zu verdanken. 2013 verlässt Corinne Devaud Cornaz das CHUV und zieht nach Bellechasse, wo es im Bereich der Gefängnispsychiatrie «überhaupt nichts gab». Zusammen mit einem spezialisierten Krankenpfleger gründet sie eine forensische Therapieeinheit. Ab 2015 wird eine 50%-Stelle in der Psychiatrie geschaffen. Corinne Devaud Cornaz erlebt eine «bereichernde Zeit, weil alles neu geschaffen werden musste». Seit den 1990er-Jahren ist die Integration von Psychiaterinnen und Psychiatern in die Westschweizer Gefängnisse eine Neuheit. Prof. Dufour, der damals in den Psychiatrischen Dienst des CHUV berufen wird, lässt sich vom französischen Modell inspirieren. Zuvor waren Allgemeinmediziner für die Konsultationen in den Gefängnissen zuständig. «Sie wurden von den Anfragen überrollt, die immer psychiatrischer wurden.»

Der erste Insasse betritt den Raum voller Musikinstrumente. Diese Sitzungen dienen dazu, die psychische Entwicklung der Patientinnen und Patienten zu verfolgen und die Wirksamkeit der therapeutischen Massnahmen zu beurteilen. Obwohl diese Nachsorge so wichtig und anspruchsvoll ist, fristet sie ein Schattendasein, da sich die Medien auf psychiatrische Gutachten konzentrieren, erklärt die Expertin. «Aus diesem Grund ist die forensische Therapie nach wie vor verkannt.» Corinne Devaud Cornaz öffnet das Dossier und fragt den Patienten, wie es ihm geht. «Gut», aber er hätte gerne einen Heroinersatz im Hinblick auf eine mögliche Entlassung aus dem Gefängnis. Sie runzelt die Stirn, da ihr eine derartige Suchterkrankung nicht bekannt ist. Sie zählt seine Medikamente auf und sagt ihm, sie werde seinen Antrag prüfen, jedoch ohne Garantie. «Man muss die Notlage der Person anerkennen, ohne sich instrumentalisieren zu lassen. Der Strafvollzugsrahmen kann manche Häftlinge hierzu drängen.»

Realitäts-Schock

Vor 25 Jahren begeistert sich Corinne Devaud Cornaz durch Zufall für die Gefängniswelt. «Ich interessierte mich für Essstörungen bei Jugendlichen, das Gefängnis lag ausserhalb meines Blickfelds», erklärt sie lachend. Durch ihre Doktorarbeit, die sie in Québec über das Therapieangebot für Sexualstraftäter schrieb, wurde sie auf dieses Thema aufmerksam. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz landet sie in den Etablissements de la plaine de l’Orbe (EPO), wo sie eine kalte Dusche erlebt. «Ich war im Hochsicherheitsgefängnis mit Insassen, die schwere Verbrechen begangen hatten. Die psychiatrischen Fälle waren sehr schwer.» Eine grosse mentale Stärke und Berufsnetzwerke halfen ihr. «Wenn man ständig mit der Gewalt von Patientinnen und Patienten sowie von Institutionen konfrontiert ist, ist der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen eine grosse Hilfe. Man sucht nach Lösungen, insbesondere dafür, wie man die Behandlung im Gefängnis organisieren kann», sagt die Frau, die Mitglied der Konferenz Schweizerischer Gefängnisärzte, der Schweizerischen Gesellschaft für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie und Vizepräsidentin der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter ist.

Spiegel der Gesellschaft

Im Laufe ihrer Karriere hat sich ihr Beruf weiterentwickelt – zum Besseren. «Am Anfang hatte ich das Gefühl, alles alleine machen zu müssen. Die Interprofessionalität hat unseren Alltag vereinfacht.» Fachkräfte für soziale Arbeit, somatische Pflege, Psychologie und Psychiatrie teilen sich die Betreuung, die sich stark verändert hat. «Man sperrt die Insassen nicht mehr 23 Stunden am Tag ein. Man ist sich der Not bewusst geworden, die dadurch entsteht», sagt die Psychiaterin. Die häufigsten Beschwerden: Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen. Auch das Profil der Inhaftierten hat sich verändert: Die Insassen sind jünger und haben vermehrt einen Migrationshintergrund [2]. «Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wir machen fast eine Art Migrationspsychiatrie. Ich, die gern humanitär tätig gewesen wäre, tue dies nun hier in den Gefängnissen.» Ihre Motivation? Ihr Interesse an der Community Health und der Wunsch, sich um eine benachteiligte Bevölkerung zu kümmern. Sie ist von der Relevanz ihrer Tätigkeit überzeugt: «Mit unserer Berufsethik tragen wir dazu bei, den Kreislauf der Gewalt im Gefängnis zu stoppen.»

Der Bedarf ist jedoch bei Weitem nicht gedeckt. Auf 6310 Häftlinge in 91 Anstalten [3] kommen gerade einmal 40 bis 50 forensische Psychiater. Theoretisch wäre ein Vollzeit-Psychiater pro 50 Insassen erforderlich. Doch nur im Strafvollzug zu arbeiten sei langfristig nicht haltbar, meint Corinne Devaud Cornaz, die auch in einer Praxis arbeitet, die mit dem Freiburger Netzwerk für psychische Gesundheit verbunden ist. Teilzeitstellen zu schaffen, sie sichtbar zu machen und die Mandate zu diversifizieren, sei der Schlüssel. Sie verabschiedet sich: «Ich muss die neue Psychologin in unserem Team begrüssen.» Es gibt ihn also doch, den Nachwuchs.

Literatur

1 www.snm.ch/images/documents/snm_news/63_snmnews_psychiatrie_prison.pdf?phpMyAdmin=ad5e229b938c67878df4528979c2b319

2 www.swissinfo.ch/fre/societe/-vivreensuisse_pourquoi-en-suisse-7-prisonniers-sur-10-sont-ils-%C3%A9trangers-/44900836

3 www.bfs.admin.ch/bfs/fr/home/statistiques/criminalite-droit-penal/execution-penale/etablissements-penitentiaires.html

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