FMH

Kommentar

Erste Hilfe für erschöpfte Ärztinnen und Ärzte

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.21125
Veröffentlichung: 16.11.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(46):26-29

Franco Renato Gusberti

Dr. med., Psychiater-Psychotherapeut FMH, Genf, Mitglied der nationalen Leitung ReMed, Unterstützungsnetzwerk für Ärztinnen und Ärzte

ReMedWenn Ärztinnen und Ärzte ausgelaugt sind und keinen Sinn mehr in ihrem Beruf sehen, können sie mit den Erstberatenden des Unterstützungsnetzwerks ReMed sprechen, zum Beispiel mit Franco Gusberti. Er beschreibt, woran die Jungen zerbrechen und weshalb es auch Vorgesetzten und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten schlecht geht.

Nach zwei Jahren COVID-19 in der Schweiz – wie auch bei unseren europäischen Nachbarn – leben die Spitäler im Stress. Die Teams sind ausgelaugt, Abwesenheiten häufen sich, und die Auswirkungen eines Teils der Massnahmen, die während der ie verhängt wurden, haben negative Folgen hinterlassen: Die Ärztinnen und Ärzte leiden darunter und brauchen Hilfe, insbesondere die Jungen, die in Weiterbildung stehen.

Nun, wo sich meine berufliche Laufbahn eher dem Ende nähert, lässt mich diese Krise nicht unberührt. Seit über zehn Jahren bin ich einer der «Erstberatenden» von ReMed Schweiz, dem Netzwerk für Ärztinnen und Ärzte (siehe Kasten). Es handelt sich um ein Netzwerk der Solidarität und der Unterstützung, von der FMH geschaffen, um Ärzten und Ärztinnen zu helfen, die sich in schwierigen Situationen befinden und zum Teil befürchten. ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können. Wir bieten für die Ratsuchenden zwei Stunden kostenfreie Gespräche an, um die Schwierigkeiten zu identifizieren und nach Wegen und Lösungen zu suchen. Als Erstberatender stelle ich eine Zunahme der hilfesuchenden Kollegen und Kolleginnen fest. Hier einige Beispiele der Anrufe, die ich erhalte. (Die Zitate entsprechen den Realitäten, werden aber so präsentiert, dass die Identifikation der Personen nicht möglich ist.) «Ich verfüge nicht mehr über die Begeisterung, die mich sonst auszeichnet. Am schlimmsten ist, dass ich den Eindruck habe, gegenüber den Patienten meine menschliche Seite verloren zu haben …»; oder: «Zunehmend habe ich die Motivation und die Lust verloren, Arzt zu sein … das Selbstvertrauen fehlt mir … und ich habe die Nase voll von diesem Beruf …»

Berufsbedingte Erschöpfung

Meine ReMed-Beratungen, via Telephon oder in meiner Praxis, konfrontieren mich mit einer Anhäufung von Beschwerden. Manchmal kommt es auch vor, dass der oder die Kollegin beim Suchen nach Worten in Tränen ausbricht. Das akzeptiere ich, höre dann zu und versuche zu verstehen. Was mich während der Gespräche beeindruckt, ist die allgegenwärtige Angst: die Angst, Fehler zu machen, nichts zu wissen, im Nachtdienst allein gelassen zu werden, nachts von Schlaflosigkeit und Grübeln geplagt zu werden. Ich habe jedoch intelligente, gewissenhafte und sensible Kolleginnen und Kollegen vor mir! Ich entdecke hinter diesem Leiden, was zur Bitte um Hilfe geführt hat. Oft geht es um depressive Zustände oder das, was man «Burn-out» nennt, um einen Motivationsverlust, um chronische Stresszustände, die unerträglich geworden sind; um Entmutigung, die bis zu Suizidgedanken führen kann. Oft wird ausgedrückt, dass der Sinn des Arztseins verschwunden ist. Es handelt sich demnach häufig um kennzeichnende Symptome einer berufsbedingten Erschöpfung.

Kontakt zu ReMed

www.swiss-remed.ch; Kontakt (24/24): 0800 07 36 33 oder remed[at]hin.ch

Der Verlust der beruflichen Motivation junger Ärztinnen und Ärzte ist besorgniserregend. Oft ist sie das Ergebnis vieler Stunden am Computer, um Formulare und administrative Dokumente auszufüllen, die die Spitalleitung benötigt, um die Kosten zu rechtfertigen. Die Zeit für Patientinnen, Patienten und das Pflegeteam schrumpft. Das Ausmass dieser bürokratischen Anforderungen stellt das Wesen des Arztseins in Frage. Veränderungsbestrebungen der Vorgesetzten, die ebenso unter diesen Auflagen leiden, erweisen sich als schwierig. So führt das «Burn-out» zu einem «Brown-out»: Der Beruf verliert seinen Sinn. Die in Weiterbildung stehenden Ärztinnen und Ärzte fühlen sich im zur Maschinerie gewordenen Spital eingeschlossen, ohne Aussicht auf Entkommen. Zusammen mit den angehäuften Überstunden entsteht die Überzeugung, kein Recht auf ein privates, persönliches Leben mehr zu haben: «Seit einigen Monaten habe ich Mühe, mich in meiner Arbeit zu entfalten. In diesem Spital herrscht überall zu viel Stress und ich habe Mühe, meine Gefühle zu beherrschen. Ich werde impulsiv und reizbar.» Oder: «Ich habe beinahe Lust, alles aufzugeben, weil ich kein Vertrauen mehr habe, mich wertlos fühle, erschöpft bin und den Faden verliere.»

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ReMed bietet Hilfe für erschöpfte Ärztinnen und Ärzte.

© Jametlene Reskp / Unsplash

Die Folge von all dem ist eine Verschlechterung der psychischen Verfassung dieser Ärzte und Ärztinnen, mit Ängsten, Nervosität, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten und einem Mangel an Selbstvertrauen. Das sind Beschwerden, die ihre Arbeit und damit auch die Patientensicherheit gefährden. Hinzu kommt, dass die Qualität der begleitenden Betreuung durch die Vorgesetzten Probleme bereitet. Sie ist sehr unterschiedlich, je nach Abteilung, Fachgebiet und nicht zuletzt auch Erschöpfungszustand der Vorgesetzten. So wird die Weiterbildung zur Last und nicht mehr als Bereicherung und Grundlage einer zukünftigen Autonomie erlebt.

Weiterbildung und Schwangerschaft

Die folgenden Beispiele veranschaulichen dies: «Ich bin derzeit Assistenzärztin in einer Kinderklinik im ersten Jahr … Vor allem im Nachtdienst fühle ich mich sehr gestresst und ich spüre, dass meine Moral sinkt. Ich habe Angst davor, meinen Vorgesetzten zu stören, wenn ich Fragen habe!» Oder: «Ein Vorgesetzter zieht es vor, die Arbeit selbst auszuführen und somit renne ich ihm nur hinterher …»

Heute machen Frauen die Hälfte – oder sogar mehr – der in Weiterbildung stehenden Ärzte und Ärztinnen aus. Als Therapeut sehe ich, wie die doppelte «geistige Belastung», das heisst die Anforderungen der Weiterbildung und die enormen Veränderungen, die durch Schwangerschaft, Geburt, eventuelle Post-Partum-Depressionen, Mutterschaftsurlaub, Stillzeit und Organisation der Wiederaufnahme der Arbeit hervorgerufen werden. Letzteres ist immer sehr schwierig, da die Vorgesetzten, die die Dienste planen, ein ohnehin schon komplexes Arbeitsgesetz berücksichtigen müssen.

Eine Mutter, Oberärztin, erleidet eine Fehlgeburt und sagt: «Ich bin erschöpft, deprimiert und verliere mehr und mehr die die Lust und die Befriedigung, Ärztin zu sein; ich habe genug davon, zwischen Privatleben und Beruf jonglieren zu müssen.»

Auch Vorgesetzte betroffen

Aber es sind nicht nur die jungen Leute, die leiden und ihre Motivation verlieren. Auch Vorgesetzte sind betroffen. Kader- und Chefärzte und -ärztinnen, die für Abteilungen und Departemente verantwortlich sind, stehen oft vor immensen Problemen; nach den zahlreichen Reorganisationen in den zwei COVID-Jahren, der demotivierenden Verwaltungsarbeit, der Bewältigung unvermeidlicher Konflikte und den bürokratischen Hürden und der Planung ihrer Karriere...

Ein Chefarzt, Kliniker und Forscher, wird von den überzogenen Forderungen seiner Direktion belästigt:

«Ich habe meinen Enthusiasmus für meine Leitungsaufgaben, für die Umsetzung von Erneuerungen in meiner Klinik und meine Bemühungen für die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte verloren. Ich fühle mich von einer Direktion erdrückt, die das Krankenhaus nach wirtschaftlichen Kriterien und einer Ideologie organisieren will, die dem Geist der Medizin feindlich gegenübersteht.»

Nöte niedergelassener Ärzte

Bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten handelt es sich um andere Sorgen: die Angst vor Arbeitsüberlastung, Kontrollverlust, finanzielle Sorgen; der Eindruck, dass die Patientinnen und Patienten sie mit zu komplexen, unlösbaren Krankheitsbildern konfrontieren, dass sie ungeduldig sind, sich anspruchsvoll und manchmal sogar aggressiv verhalten und von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin Unmögliches erwarten. Hinzu kommen das grosse Gewicht der politischen Einschränkungen und Drohungen und die Undurchsichtigkeit sowie der unangemessene Druck der Versicherer. All dies stellt die Ärzte und Ärztinnen vor Entscheidungen, die mit dem realen Leiden der Patientinnen und Patienten nichts zu tun haben.

Aufgabe von ReMed

Die Betreuungsaufgabe durch die Erstberatenden von ReMed und das damit verbundene Eingehen auf Hilferufe ist komplex: Es geht jedes Mal darum, die verschiedenen Ebenen zu differenzieren und zu berücksichtigen, was bei der hilfesuchenden Person eine Rolle spielt: Berufliche gegenüber privaten Problemen, also Probleme auf Abteilungen und in Institutionen, bezüglich Begleitung und Weiterbildung der jungen Kolleginnen und Kollegen; andererseits die individuellen, persönlichen und familiären Schwierigkeiten; manchmal auch Immigrationsprobleme.

Es geht also darum, zu helfen, auf die Vielfalt von Beschwerden und Leiden einzugehen und Antworten zu finden. Wichtig ist, dass die hilfesuchende Person sich von einer Ärztin respektive von einem Arzt angehört fühlt, die oder der die Situation kennt oder genügend gut verstehen kann. Manchmal muss man auch bei der Suche nach einem spezialisierten Anwalt oder einem Treuhänder helfen. In den meisten Fällen liegen das Problem und dessen Lösung jedoch im medizinischen Bereich. Dann geht es darum, eine bio-psycho-soziale Medizin mit dem ganzen Horizont der Differentialdiagnose anzuwenden und gleichzeitig die Erfordernisse der Arzt-Patienten-Beziehung zu respektieren. Dies birgt dort, wo der Patient oder die Patientin auch ein Arzt oder eine Ärztin ist, gewisse Fallstricke. Beispielsweise besteht die Gefahr einer Überidentifikation des Behandlers mit dem (tatsächlichen oder vermuteten) Leiden des Kollegen oder der Kollegin oder einer Projektion des überdimensionierten Bildes des Vorgesetzten auf den Therapeuten durch den Patienten (Übertragung-Gegenübertragung).

Helfen heisst, jemandem einen Rettungsring zuzuwerfen, der sich in den Fluten eines überbordenden Flusses, eines Sturzbachs, mitgerissen fühlt. Oft erweist es sich als notwendig, Kollegen oder Kolleginnen nach Abschluss der Erstberatung durch ReMed mittels einer Psychotherapie oder einer Integrierten Psychiatrisch-Psychotherapeutischen Behandlung (IPPT) ausserhalb des Rahmens von ReMed weiter zu betreuen oder dazu zu überweisen. Das Begleiten während der längerfristigen Entwicklung, das hilfreich ist für die Zukunft der Ratsuchenden, ist aber auch sehr lehrreich und bereichernd für mich als Erstberatenden.

Blick in die Zukunft

Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt uns, dass die Unterstützung von ReMed den ratsuchenden Ärztinnen und Ärzten wirksam hilft. Ich bin jedoch weiterhin besorgt über die Zukunft der Aus- und Weiterbildung der Ärzte und Ärztinnen und der Ausübung der Medizin. Kann es nur darum gehen, sich besser anzupassen und das Leiden besser zu ertragen? Ich bin überzeugt, dass es nicht sinnvoll ist, sich nur auf die Funktion des Feuerwehrmanns zu beschränken, sondern dass auch Prävention nötig ist. Die Organisation der Weiterbildung in den öffentlichen Krankenhäusern muss neu überdacht werden und dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Medizin und ihr Umfeld in den letzten Jahrzehnten radikal verändert haben. Die Generation der jungen Ärztinnen und Ärzte von heute sieht sich mit einer ganz anderen Welt konfrontiert als ich als junger Arzt vor 50 Jahren.

Dr. med. Franco R. Gusberti

Psychiater-Psychotherapeut FMH, Genf, Mitglied der nationalen Leitung ReMed, Unterstützungsnetzwerk für Ärztinnen und Ärzte

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Korrespondenz

frgusberti[at]hin.ch, Literatur auf Anfrage beim Autor

Es ist eine Stärke, Hilfe anzunehmen

«[…] und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen […]» steht prominent in der Präambel unserer Bundesverfassung. Wenn wir diese grundlegende Aussage nicht toter Buchstabe sein lassen wollen, so bedeutet dies einerseits Einsatz und andererseits Einsicht. Einsatz im Sinne dessen, das auf jeder Stufe eine helfende Hand gereicht wird, und Einsicht, dass jede und jeder von uns in die Lage kommen kann, lieber rechtzeitig nach einer solchen Hand zu greifen, um wieder auf die Beine zu kommen und als Ärztin oder als Arzt selbst wieder helfen zu können. Die FMH hat dazu das Unterstützungsnetzwerk ReMed geschaffen. Dieses funktioniert dank dem unermüdlichen Einsatz all derjenigen, die bereit sind, diese Unterstützung zu geben. Ich danke Kollege Franco Renato Gusberti für seinen Einsatz und auch dafür, uns durch seinen Artikel daran teilhaben zu lassen. Möge dieser Beitrag auch dazu dienen, die eine oder den anderen unserer Kolleginnen und Kollegen in schwierigen Situationen zu ermuntern, die helfende Hand zu ergreifen. Es ist eben keine Schwäche, sondern es ist auch eine Stärke, Hilfe anzunehmen!

Christoph Bosshard

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Das Unterstützungsnetzwerk ReMed ist eine Anlaufstelle für Ärztinnen und Ärzte.

© Youssef Naddam / Unsplash

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