Praxistipp

Die Atmosphäre macht den Unterschied

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.21191
Veröffentlichung: 09.11.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(45):72-73

Wolf Langewitz

Arzt-Patienten-KommunikationIst die Atmosphäre während eines Patientengesprächs angenehm, kann sie zur Heilung beitragen. Eine Reflexion über einen schwer greifbaren Zwischenbereich in der Kommunikation, den Ärztinnen und Ärzte aktiv gestalten können.

Mendelssohn hat in seinen «Liedern ohne Worte» die Idee verfolgt, Inhalte und Stimmungen nicht über den gesungenen Text, sondern allein durch die Musik zu erzeugen. Er wendet sich dezidiert gegen die Zumutung, in Worten ausdrücken zu müssen, was er wohl gemeint haben könnte: «Es wird soviel über Musik gesprochen und doch so wenig gesagt. Ich glaube, die Worte reichen nicht hin dazu; und fände ich, dass sie hinreichten, so würde ich am Ende gar keine Musik mehr machen. – Die Leute beklagen sich gewöhnlich, die Musik sei so vieldeutig; es sei zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und die Worte verstehe doch ein jeder. - Mir geht es gerade umgekehrt. […] Das, was mir eine Musik ausspricht, die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte […].» [1]

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© Luca Bartulović

Persönliche Note in tristem Ambiente

Die Erfahrung, von etwas erfasst zu werden, das physikalisch schwer zu beschreiben ist, kennen wir nicht nur von der Musik, sondern auch von der sprichwörtlich «dicken Luft» im Sitzungszimmer oder vom Joggeli, wenn auf der richtigen Seite ein Tor fällt: Die Muttenzer Kurve fängt an zu hüpfen und schreit im Chor. Atmosphären werden von und mit bestimmten Räumen oder Landschaften hervorgebracht. Kirchenarchitektur oder das Grossartige einer Aussicht von Bergeshöh’n affizieren Personen, die sich dieser Atmosphäre aussetzen. Wer die ganze Zeit ins Natel schaut und sei es, um Aufnahmen zu machen, wird diese Wirkung am eigenen Leib kaum spüren. Damit ist gesagt, dass Atmosphären sich in der Regel nicht aufdrängen, sie brauchen Zeit zur Entfaltung und eine gewisse Bereitschaft, sich ihnen auszusetzen. Atmosphären begegnen uns auch im medizinischen Alltag, sie können ebenso heilsame Wirkungen entfalten wie sie irritierend wirken. Spitalarchitektur ist im günstigen Fall eine Healing Architecture, die vor allem bei chronisch kranken Menschen Genesungsprozesse beeinflussen kann [2, 3]. Auf all diese Segnungen der Ästhetik verzichten allerdings die Menschen, die nicht in den Genuss einer Behandlung auf der Chef-Etage kommen, sondern das Besprechungszimmer auf der Station in Anspruch nehmen – die meist karge und bestenfalls funktionale Einrichtung ist eher nicht dazu geeignet, per se eine positive Atmosphäre zu schaffen; es liegt ganz allein an der Ärztin, dem tristen Ambiente eine persönliche Note zu geben. Die Frage ist, wie das und wem das am ehesten gelingen kann.

Heilung mithilfe der Atmosphäre

Sich bei einer Ärztin wohlfühlen ist sicher nicht nur bestimmten Atmosphären geschuldet, sondern auch Folge eindeutiger Merkmale ihrer Behandlungsqualität. Dennoch: Gerade in der Grundversorgung herrscht in vielen Fällen eine gewisse Unsicherheit, weil eindeutige Befunde fehlen. Dann verlassen sich viele Kollegen und Kolleginnen auf ihr Bauchgefühl und liegen damit offenkundig nicht schlecht [4, 5]. Patientinnen und Patienten akzeptieren die Vorstellung, dass auch ihre Behandler auf ihre Bauchgefühle achten [6]. Das ist nur zu verständlich, weil sie selber in der Regel Hilfe suchen, wenn ihr Bauchgefühl ihnen nahelegt, «etwas stimmt nicht mit mir».

Es gibt einen Zwischenbereich in der Welt und speziell in der Kommunikation, der Bedeutungen besitzt, ohne dass wir sie im Einzelnen ableiten könnten. Das gilt für die Lieder ohne Worte, das gilt für das Bauchgefühl und das gilt für Atmosphären. Eine medizinische Erklärung gibt es dafür nicht. Das perzeptive Organ, das diese zwischen den Zeilen der expliziten Rede entstehenden vielsagenden Eindrücke empfängt, wird von vielen Menschen als «im Bauch» lokalisiert, ohne dass klar wäre, auf welche anatomische Struktur sich diese Aussage bezieht.

Trotzdem sollten Medizinerinnen und Mediziner den hier beschriebenen Phänomenen Beachtung schenken und Atmosphären schaffen, die zur Heilung beitragen.

Wolf Langewitz

ist Professor emeritus für Psychosomatik am Universitätsspital Basel und schreibt an dieser Stelle regelmässig über Arzt-Patienten-Kommunikation.

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Literatur

1 Felix Mendelssohn Bartholdy: I. Ueber Operntexte II. Ueber Deutung und Bedeutung von Musikstücken. Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler, Herausgegeben von Prof. Ludwig Bischoff, Band 11, S. 307–8, 1863

2 Jennifer DuBose, Lorissa MacAllister, Khatereh Hadi, and Bonnie Sakallaris: Health Environments, in: Research & Design Journal 2018, Bd. 11:43–56

3 Wolf Langewitz: Atmosphären im Medizinischen Umfeld. In: Wolf B & Julmi, Chr. (Hrsg.): Die Macht der Atmosphären. Carl Alber Verlag 2021. S. 327-344; doi.org/10.5771/9783495823781

4 Van den Brink N, Holbrechts B, Brand PLP, et al. Role of intuitive knowledge in the diagnostic reasoning of hospital specialists: a focus group study. BMJ Open 2019; 9: e022724

5 Claire Friedemann Smith, Benedikte Møller Kristensen, Rikke Sand Andersen, FD Richard Hobbs, Sue Ziebland, Brian D Nicholson: GPs’ use of gut feelings when assessing cancer risk: a qualitative study in UK primary care. British Journal of General Practice 2021; 71: e356-e363. DOI: 10.3399/bjgp21X714269

6 Claire Friedemann Smith, Benedikte Møller Kristensen, Rikke Sand Andersen, Sue Ziebland and Brian D Nicholson: Building the case for the use of gut feelings in cancer referrals: perspectives of patients referred to a non-specific symptoms pathway. Br J Gen Pract 2021;DOI: https://doi.org/10.3399/BJGP.2021.0275

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