Interview

«Alle arbeiten sieben Tage in der Woche»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.21209
Veröffentlichung: 16.11.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(46):12-15

Interview: Nadja Papageorgiu

SingapurDie Schweizer Chirurgin Nadine Rüedi arbeitet ein Jahr lang am National Cancer Centre Singapore (NCCS). Die hochspezialisierte Medizin mit den hohen Fallzahlen hat sie besonders gereizt. Im Interview erklärt sie, welchen medizinischen und kulturellen Herausforderungen sie begegnet.

Nadine Rüedi, Sie sind derzeit für ein Fellowship als Ärztin im National Cancer Centre Singapore (NCCS) tätig. Was waren Ihre ersten Eindrücke von Ihrer aktuellen Arbeitsstelle?

Alles ist riesig. Das neue NCCS-Gebäude hat 24 Stockwerke und liegt auf dem Campus des Singapore General Hospital (SGH), dem grössten Spital von Singapur. Ausserdem befinden sich noch verschiedene andere Gesundheitsinstitutionen auf dem Gelände, welche zusammen mit weiteren Spitälern die Singhealth Gruppe bilden. Dabei sind die meisten Gebäude zwischen 10 und 20 Stockwerken hoch. Jährlich werden allein am SGH 756 ​000 ambulante und 81 000 stationäre Patienten behandelt und 111 ​000 Operationen durchgeführt.

Was ist Ihre Aufgabe in diesem grossen Gefüge?

In unserem kleinen SPRinT-Team (Department of Sarcoma, Peritoneal and Rare Tumours) wird hochspezialisierte Medizin gemacht. Wir operieren an drei Tagen in der Woche ausgedehnte Sarkome – Befunde, die ich in dieser Häufigkeit in der Schweiz nie gesehen habe [1]. Ausserdem werden regelmässig CRS-HIPEC und PIPAC bei Peritonealkarzinosen durchgeführt.

Können Sie das genauer erklären?

Bei der CRS-HIPEC (zytoreduktive Chirurgie und hypertherme intraoperative intraperitoneale Chemotherapie) wird das Chemotherapeutikum erwärmt und während der OP direkt in die Bauchhöhle gegeben. Das hat den Vorteil, dass lokal deutlich höhere Dosen des Chemotherapeutikums vorhanden sind, verbunden mit weniger systemischen Nebenwirkungen. Die PIPAC (Pressurized Intra Peritoneal Aerosol Chemotherapy) wird in palliativen Situationen zur symptomatischen Therapie angewendet. Dabei wird das Chemotherapeutikum unter hohem Druck über eine Düse als Aerosol in die Bauchhöhle appliziert.

Warum sind denn die Fallzahlen für Peritonealkarzinosen in Singapur so hoch?

Die eigentliche Inzidenz ist nicht höher als in der Schweiz. Aufgrund der kleinen Fläche von Singapur können die Patientinnen und Patienten von überall problemlos anreisen und zentralisiert am NCCS behandelt werden. Ausserdem stellen sich auch regelmässig Patienten aus anderen südostasiatischen Staaten vor. Unser Team behandelt im Jahr 500 bis 600 Personen mit peritonealen Erkrankungen [2]. Das Peritoneum wird hier als eigenes Organ gesehen, unabhängig des Primärtumors, und entsprechend durch das SPRinT-Team behandelt. Beispielsweise beim peritoneal metastasierten kolorektalen Karzinom kann die Fünf-Jahres-Überlebensrate auf bis zu 50 Prozent gesteigert werden.

Wie macht Ihr Team das?

Es findet eine enge Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen statt. Sowohl bei den Sarkomen als auch bei den Peritonealkarzinosen wird immer mit denselben Onkologen, Pathologen, Radiologen und Strahlentherapeuten zusammengearbeitet, wodurch ein enormes Wissen vorhanden ist und die Qualität der Behandlung verbessert werden kann. Auch intraoperativ, wenn bei radikalen Resektionen fachfremde Chirurgen, wie Gefässchirurgen, Urologen oder plastische Chirurgen hinzugezogen werden müssen, handelt es sich immer um die gleichen Personen. Dadurch ist das gesamte Team extrem gut eingespielt. Selbst der Anästhesist ist immer der gleiche, wodurch auch von seiner Seite die Risiken einer Operation sehr gut eingeschätzt werden können und er teilweise wichtige Inputs geben kann.

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Nadine Rüedi empfindet die Zeit in Asien als grosse Bereicherung.

Was heisst das?

Letztens war ein Patient nach einer ausgedehnten, mehrstündigen zytoreduktiven Operation instabil, dennoch war eine HIPEC vorgesehen. Daraufhin kam die Anweisung des Anästhesisten, den Bauch für die HIPEC nicht zu verschliessen, sondern diese ausnahmsweise offen durchzuführen. Dadurch, dass auch er jeden Operationsschritt kennt, können mögliche Komplikationen vorzeitig verhindert werden.

Wie ist der Umgang im Team?

Eher formell. Alle Ärzte werden mit Doktor und Vornamen angesprochen, also Dr. Claramae, Dr. Johnny, Dr. Nadine und so weiter. Auch von den Patientinnen und Patienten. Das ist für mich gewöhnungsbedürftig, liegt aber wahrscheinlich an den komplizierten Familiennamen. Hier arbeiten Personen chinesischen, malaysischen und indischen Ursprungs, welche alle unterschiedliche Muttersprachen haben. Auch wenn sie schon viele Jahre miteinander arbeiten, sprechen sie sich weiter mit Dr. Johnny oder Dr. Jane an. Die Pflegekräfte werden nur mit dem Vornamen angesprochen.

Ist der Leistungsdruck hoch?

Das Team macht viele Eingriffe, die andere nicht mehr machen würden, sie gehen operativ viel weiter. Sie haben gute Resultate, aber sie werden auch genau beobachtet. Daher spürt man während jeder Operation diesen Erfolgsdruck. Work-Life-Balance ist hier kein Thema. Alle arbeiten sieben Tage in der Woche, auch wenn sie Kinder haben.

Gibt es viel Hierarchie?

Ja, man spürt sie an Kleinigkeiten. Dass zum Beispiel ein Assistenzarzt hektisch aufspringt, wenn ein Vorgesetzter kommt und kein Stuhl frei ist. Oder dass die Vorgesetzten im Chat mit Boss angesprochen werden.

In welchem Chat?

Es gibt hier keine Telefone im Spital, alles läuft über private Handys. Bei vielem, was in der Schweiz mündlich besprochen würde, gibt es hier Absprachen via WhatsApp-Gruppenchats. Ärztelisten gibt es auch nicht.

Das klingt anstrengend.

Ja, es ist alles ein bisschen chaotisch hier und viel weniger strukturiert als in der Schweiz. Unsere Patientinnen und Patienten liegen auch nicht alle schön auf einer Abteilung, sondern in mehreren Hochhäusern verteilt. Da läuft man dann am Morgen bei der Visite im ganzen Areal herum: Treppen hoch, Treppen runter, über die Verbindungsbrücken hin und her. Aber für das Personal hier ist das ganz normal, sie machen das ja schon seit ihrer Ausbildung so.

Wie ist denn die Tagesstruktur?

Die gibt es nicht so richtig. Zum Beispiel ist eine Besprechung für 13 Uhr geplant, und wenn ich um 13 Uhr komme, hat sie schon eine halbe Stunde eher begonnen und ich habe einen Teil verpasst. Solche Anpassungen werden nicht wirklich kommuniziert. Ich versuche immer noch herauszukriegen, wie das funktioniert. Oder die Sprechstunde: Niemand weiss, welche Patientinnen oder Patienten kommen. Die kommen dann eben und es wird geschaut, welcher Arzt den Fall übernimmt und was das Problem ist. Aber es funktioniert!

Wie ist das Arzt-Patient-Verhältnis?

Alles geht sehr schnell. Zum Beispiel heute Morgen hatten wir einen 51-jährigen Patienten. Ihm wurde eröffnet, dass er generell eine schlechte Prognose habe und eine CRS-HIPEC braucht, wodurch er eine Fünf-Jahres-Überlebensrate von 30 bis 50% habe. Der Patient hat Okay gesagt und alles unterschrieben. Solche komplizierten Gespräche dauern hier oft nur drei Minuten. Es gibt kaum Fragen und der Arzt oder die Ärztin wird auch nicht in Frage gestellt.

Wie sieht denn das Spital aus?

Es gibt hier mehrere 24-Stunden-Restaurants, Ketten wie Starbucks, Supermärkte, Foodstände. Es gibt Rolltreppen. Es ist eiskalt, weil aus Hygienegründen und gegen die Feuchtigkeit auf unter 20 Grad heruntergekühlt wird. Die Ärztinnen und Ärzte tragen Businesskleidung. Die Patienten liegen in Sechsbettzimmern, Männer und Frauen gemischt. Die sanitären Anlagen sind auf dem Gang. Weil es viele Muslime gibt, hat es Steh- und Schüssel-WC nebeneinander.

Wie ist das Zusammenleben der Religionen im Spital?

Es ist alles sehr korrekt und respektvoll in Singapur. Jeder kann so leben, wie er oder sie will. Zum Beispiel sind die wichtigsten zwei Feiertage jeder Religion für alle Einwohner Feiertage. Oder im Restaurant: Dort gibt es zwei Abräumstationen: Eine für Halal-Geschirr und eine für Nicht-Halal-Geschirr. Da muss man aufpassen, dass man es immer auf den richtigen Wagen stellt. Es gibt natürlich auch Krankenschwestern mit Kopftuch. Aber das Thema interessiert hier niemanden.

Wie ist die Krankenversicherung geregelt?

Die Krankenversicherung wird direkt vom Lohn abgezogen. Ein Teil der Behandlung muss selbst bezahlt werden. Einkommensschwache Personen werden unterstützt. Alle haben hier Zugang zu einer qualitativ hohen medizinischen Behandlung.

Und in welcher Sprache kommunizieren Sie?

Grundsätzlich ist die Sprache Englisch. Auch wenn nur chinesischstämmige Ärztinnen und Ärzte miteinander sprechen, sprechen sie Englisch. Aber das Englisch hier in Singapur ist das sogenannte Singlish, also Englisch mit Einflüssen aus allen anderen Sprachen, die hier gesprochen werden, auch in der Aussprache. Ich habe es am Anfang nicht verstanden. Das war natürlich peinlich!

Und wenn ein Patient oder eine Patientin in der Sprechstunde nur Chinesisch spricht?

Es wird parallel zum Gespräch alles auf Englisch in den Computer getippt. Da kann ich es dann mitlesen.

War es schwierig, für ein Fellowship nach Singapur zu gehen?

Es war zum Verzweifeln! Das Problem war, dass ich hier auch operiere und deshalb als Ärztin anerkannt werden musste. Die Behörden in Singapur wollten viele Nachweise und Belege, die es in der Schweiz so nicht gibt oder die einfach anders heissen. Das war zwei Jahre lang ein Hin und Her. Noch am Abflugtag war nicht klar, ob ich die Arbeitsbewilligung bekomme.

Warum wollten Sie überhaupt nach Singapur?

Ich habe eine Herausforderung gesucht und Asien hat mich schon immer interessiert. Hier gibt es sehr hohe Fallzahlen bei sehr fortschrittlicher Medizin. Diese Expertise haben in Europa nur wenige.

Wie reagiert Ihr Team auf Sie?

Die Teammitglieder finden es sehr interessant, dass jemand aus Europa nach Asien kommt. Sie alle haben Fellowships in Europa, Australien oder den USA gemacht, aber umgekehrt kommt selten jemand. Das ist ein schöner Austausch.

Was denken Sie, was Sie in Singapur für Ihre weitere Arbeit in der Schweiz lernen?

Ich bin an drei Tagen in der Woche von morgens bis abends im OP. Ich erlerne dank der hohen Fallzahlen die Behandlung von Sarkomen und peritonealen Erkrankungen. Ich lerne vor allem, was bei diesen seltenen Tumoren machbar ist – und was auch nicht mehr. Ausserdem lerne ich, wie man während einer Operation in vermeintlich aussichtslosen Situationen dennoch den Eingriff weiterführen kann.

Nehmen Sie auch an wissenschaftlichen Weiterbildungen teil?

Das Team hier forscht selbst viel, alles wird mit wissenschaftlichen Studien begründet. Dadurch, dass meine Abteilung an ein europäisches Trainingsprogramm angeschlossen ist, habe ich eine strukturierte Ausbildung zum Erlernen der Behandlung der peritonealen Erkrankungen. Dabei wird auch wissenschaftliche Arbeit von mir verlangt.

Können Sie ein Fellowship in Singapur weiterempfehlen?

Unbedingt. Wir sind manchmal zu sehr auf Europa und Nordamerika fokussiert. Asien mit seinen grossen Spitalzentren und der hochspezialisierten Medizin ist eine gute Horizonterweiterung. Hochspezialisierte Medizin ist ja auch ein grosses Thema in der Schweiz. Am Anfang ist das natürlich sehr anstrengend. Aber am Ende lernt man neue Denkweisen.

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Die Chirurgin Dr. med. Nadine Rüedi ist seit dem 1. September für ein Jahr für ein Fellowship in Singapur. Sie arbeitet am National Cancer Centre Singapore (NCCS) und ist dort Teil des sogenannten SPRinT-Teams: Department of Sarcoma, Peritoneal and Rare Tumours. Davor war sie Oberärztin am Stadtspital Zürich.

Literatur

1 spitalstatistik.bagapps.ch/data/download/qip20_publikation.pdf?v=1649076288

2 www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1015958421006011?via%3Dihub

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