Wissen

«Jede Impfung zählt»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.21211
Veröffentlichung: 16.11.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(46):62-63

Interview: Nadja Papageorgiu

TropenmedizinKlimawandel, globaler Tourismus, Migration: Es gibt etliche Faktoren, warum neue Krankheiten in die Schweiz kommen. Cornelia Staehelin, Präsidentin der Schweizerischen Fachgesellschaft für Tropen- und Reisemedizin FMH, erklärt, was Hausärztinnen und Hausärzte wissen müssen.

Cornelia Staehelin, was ist die Aufgabe von Tropenmedizinerinnen und -medizinern?

Wir Tropenärztinnen und -ärzte leben in Geografie und mit einer ständigen Landkarte der jeweiligen Epidemiologien vor Augen. Vieles, was wir machen, ist präventivmedizinischer Art: Wir impfen, damit die Leute nicht krank werden, wir screenen nach potenzieller Exposition, damit wir die chronischen Folgen von Krankheiten abwenden können. Und natürlich ist es unser Ehrgeiz, bei kranken Reiserückkehrern eine Diagnose etablieren zu können.

Was sollten Hausärztinnen und Hausärzte wissen?

Bei der Betreuung von Patienten, die in andere epidemiologische Gebiete gereist sind oder aus solchen Gebieten stammen, sollte man sich informieren, welches Screening indiziert ist. Vor kurzem haben wir einen Patienten aus Westafrika betreut, der seit 15 Jahren in der Schweiz lebt. Bis jetzt hatte niemand ein Screening auf Hepatitis B oder auf Schistosomiasis veranlasst, wofür er auch positiv war, obwohl diese Region dafür hoch endemisch ist.

Also ist Ihre Devise, screenen gemäss Herkunftskontinent beziehungsweise Reiseland?

Ja. Ich muss zum Beispiel bei einem Afghanen nicht HIV screenen, aber Hepatitis B sehr wohl [1]. Ich muss wissen, welche Kontinente welche Risiken haben. Bei kranken Reiserückkehrern sind vor allem akute Infektionen relevant.

fullscreen
Die Asiatische Tigermücke verbreitet sich zunehmend in der Schweiz.

© Pongmoji / Dreamstime

Dafür ist die neue Webseite der Fachgesellschaft wichtig, nicht wahr?

Ja. Wir haben dort zum Beispiel sehr detaillierte Malariakarten und generell Karten zu den wichtigsten Krankheiten der Subtropen und Tropen. Es gibt auch Impfempfehlungen oder stets aktualisierte Risikogebiete für spezielle Krankheiten. Ein Hausarzt kann damit sehr genau sehen, welche Prophylaxe ein Reisender für welche Region braucht beziehungsweise welche Erreger bei kranken Reiserückkehrern gesucht werden müssen.

Wie wichtig ist es, Impfungen zu vervollständigen?

Jede Impfung zählt. Wenn man bei einem Neuankömmling nicht weiss, welche Impfungen er oder sie schon hat, sollte man die Impfungen gemäss Schweizerischem Impfplan für ungeimpfte Personen, Tabelle 2, durchführen. Wir sehen nun vermehrt Diphtherie-Fälle in Asylzentren – das hat damit zu tun, dass viele Impfkampagnen in den Heimatländern nicht mehr stattfinden, weil die Basis-Gesundheitsversorgung nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

Tropen- und Reisemedizin online

Die nicht gewinnorientierte Webseite der Schweizerischen Fachgesellschaft für Tropen- und Reisemedizin FHM ist für Reisende und für Fachpersonen konzipiert. Der Teil für Reisende ist gratis zugänglich. Für den professionellen Teil ist ein Abonnement nötig. Ärzte und Ärztinnen erhalten damit Zugang zu den jeweils aktuellen Informationen der Tropen- und Reisemedizin und zu detaillierten Malariakarten sowie eine Fülle an zusammengefasster Information zu Krankheiten und Impfungen. Die Seite ist (meist) viersprachig: Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. www.healthytravel.ch/

Es gibt auch wieder Polioviren im Abwasser von London und von New York …

Auch das sind die Folgen einer Vernachlässigung der Grundimmunisierung: Einerseits werden Impfkampagnen oft Opfer ihrer eigenen Erfolge und andererseits sagen uns Unicef-Statistiken, dass die Grundimmunisierungen weltweit in den letzten zwei bis drei Jahren wegen des – leider berechtigten – Fokus auf COVID-19 gelitten haben. Ganze Kinderkohorten wurden in vielen Ländern nicht geimpft. Die Folgen davon werden wir erst noch sehen. Das ist die Chance der Hausärzte hier in der Schweiz: Die Leute, die zu uns kommen, sollen auf den gleichen Stand gebracht werden, auf dem wir sind.

Welchen Einfluss hatte COVID auf die Wahrnehmung von Impfungen?

Es ist ein erfreulich grosses Allgemeinwissen über Impfungen entstanden. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung hat ein stärkeres Bewusstsein und eine grössere Wertschätzung gegenüber den Impfungen bekommen. Und das ist schön.

Welche Risiken bestehen aus tropenmedizinischer Sicht angesichts des Klimawandels für die Schweiz?

In diesem heissen Sommer gab es etliche Zeitungsartikel über die Rückkehr der Mücken.

Tatsächlich haben sich drei Arten von Aedesmücken in der Schweiz etabliert, die wichtigste ist Aedes albopictus (die «Asiatische Tigermücke»), die sich im Tessin schon fest etabliert hat. Einzelne überwinternde Populationen wurden auch schon nördlich der Alpen bestätigt – somit braucht es eine starke Überwachung, um eine feste Ausbreitung nördlich der Alpen zu verhindern. Diese Mücke ist ein Vektor für mehr als 20 Virenarten. Vielleicht werden wir ab und zu lokale Übertragungen von Viren haben, die wir normalerweise mit den Tropen assoziieren – wie dies schon in den Mittelmeerländern regelmässig geschieht, zum Beispiel lokale Zika- oder Dengueübertragungen. Hingegen gehe ich nicht davon aus, dass sich Malaria bei uns wieder wird etablieren können – dafür fehlen ausreichende Sumpfgebiete.

Was ist mit Zoonosen? Werden die zunehmen, weil Mensch und Tier immer enger beieinander leben?

Ja. Alle neuen Viren waren Zoonosen und wir werden noch mehr sehen, dafür sprechen die Biologie und die Erfahrung. Es gibt ein paar zoonotische Viren, die schon lange beobachtet und in der Schweiz erwartet werden, zum Beispiel das West-Nil-Virus oder das Usutu-Virus. Es gibt einzelne humane Fälle in unseren Nachbarländern, sie sind aber noch nicht zu einer wirklich grossen Bedrohung geworden. Gekommen sind die Viren, die wir nicht erwartet haben: ein Coronavirus und das Affenpockenvirus. Es gab warnende Artikel über das epidemische Potenzial von Affenpocken, aber dass es zu einer solchen effizienten Kette von Übertragungen und einem grösseren Export nach Europa kommen würde, hat niemand in diesem Ausmass erwartet.

PD Dr. med. Cornelia Staehelin

Leitende Ärztin an der Universitätsklinik für Infektiologie am Inselspital in Bern und Präsidentin der Schweizerischen Fachgesellschaft für Tropen- und Reisemedizin FMH.

fullscreen

Literatur

1 Notter J, Labhardt N, Hatz C, Wallnöfer A, Vollgra M, Ritz N, et al. Infektionen bei erwachsenen Flüchtlingen. Schweiz Med Forum. 2016;16(49–50):1067–74.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close