Briefe an die Redaktion

Übersterblichkeit bei älteren Personen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.21212
Veröffentlichung: 09.11.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(45):21

Übersterblichkeit bei älteren Personen

Gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) war für das Jahr 2020 eine erhebliche Übersterblichkeit insbesondere bei den älteren Personen zu verzeichnen. In der vom selben BFS zur Verfügung gestellten Information vom 3. Oktober zur Entwicklung der Suizidzahlen ist dies offensichtlich untergegangen.

Dass bei einer Übersterblichkeit ein Rückgang der Suizidzahlen zu erwarten bzw. zu verzeichnen ist, ergibt sich eigentlich von selbst: In der Zahl der vorzeitig Verstorbenen figurieren auch Individuen, die ohne den vorzeitigen Tod später selbstbestimmt verstorben wären, also zufolge Suizides. Diese Toten «fehlen» logischerweise in der Suizidstatistik.

Es wird denn auch mit den Zwischentiteln darauf hingewiesen: Bei älteren Männern (bei denen eine hohe Übersterblichkeit ausgewiesen ist) wird für die Suizide eine Abnahme angegeben, bei jüngeren (ohne Übersterblichkeit) bleiben die Zahlen gleich. Bei älteren Frauen (mit hoher Übersterblichkeit) wird eine Abnahme angegeben. Bei jüngeren Frauen unter 20 (bei denen keine Übersterblichkeit zu verzeichnen war) sind es deutlich mehr Fälle.

Es ist wohl davon auszugehen, dass bei den Frauen der Zwischenjahrgänge die Zahlen ebenfalls gleichblieben. Ob man diesen Verlauf der Zahlen als Abnahme der Suizidzahlen bezeichnen will, ist Ermessenssache.

Die Zahl der statistisch «untergegangenen» Suizide ist unbekannt. Wäre diese Zahl grösser als die Differenz zwischen der zu erwartenden Zahl und der effektiv ausgewiesenen Zahl, dann müsste sogar von einem Kompensationseffekt ausgegangen werden. Wie man einen solchen bezeichnen wollte, muss dahingestellt bleiben.

Auch unter den Fällen von Sterbeassistenz könnten potenzielle (Suizid-)Fälle figurieren, die in der Suizidstatistik «fehlen».

Aus einem typischen Phänomen der Bevölkerungsstatistik Hinweise herauszulesen, dass der Verlauf eine Folge von Präventionsmassnahmen sei, scheint mir mehr als gewagt zu sein.

Bemerkenswert ist (bei jüngeren Frauen mehr Fälle) auf jeden Fall die Tatsache, dass bei dieser Altersgruppe gewissermassen ein Allzeithoch zu verzeichnen ist, das heisst etwa 1⁄3 mehr als zuvor. Vielleicht sollte man sich Gedanken machen darüber, was hinter diesem Verlauf stehen könnte.

Es könnte ja sein, dass junge Frauen nicht nur wegen der COVID-Situation psychisch stärker beansprucht sind, sondern auch aus anderen Gründen (zum Beispiel Kollateralschaden der intensiven die Zukunft der Frauen betreffenden Geschlechterrollendiskussion etc.). Die Männer haben es dabei einfacher: Sie können sich einen Bart wachsen lassen.

Otmar Jakob, Riehen

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