Kommentar

Time-out in der Gesundheitspolitik

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.21225
Veröffentlichung: 09.11.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(45):26-27

Carlos Quinto

Fehlentwicklungen vorbeugenBeim Basketball kann eine Mannschaft in einer kritischen Phase ein «Time-out» nehmen, um sich neu zu orientieren. Dies könnte in der Gesundheitspolitik ebenfalls hilfreich sein, um Fehlentwicklungen wie die nachfolgenden zu vermeiden.

Zulassungsstörung

Wussten Sie, dass gemäss Analysen von Bundesseite der Kanton Graubünden ärztlich massiv überversorgt ist und beide Basel über zu viele Pathologen und Tropenmediziner verfügen sollen? Interessante Zahlen, die uns, isoliert betrachtet, jedoch nicht weiterbringen. Man muss über ein vertieftes Wissen der Materie verfügen, um diese ganzheitlich zu analysieren und die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen zu können. Das Fachwissen der kantonalen Ärztegesellschaften, der Fachgesellschaften und der FMH ist bei der Evaluierung von Massnahmen zur Kostendämpfung entsprechend unabdingbar. Die Zulassungssteuerung auf kantonaler Ebene müsste zwingend durch die kantonalen Ärztegesellschaften validiert werden. Eigentlich sollte das auch im Interesse der Kantone sein, denn unter einer Fehlplanung aufgrund falscher Annahmen leidet letztlich die Bevölkerung. Korrekturen wären langwierig, da Aus- und Weiterbildung Jahre beanspruchen. Folglich ist es besser, die von Bundesseite vorhandenen Zahlen kantonal nicht isoliert zu betrachten. Dies erfordert eine gemeinsame Analyse und Reflexion der Kantone und der Ärztegesellschaften.

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Carlos Quinto

Dr. med., Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortlicher Public Health und Gesundheitsberufe

Unvernetzt Netzwerke lancieren

Der Bundesrat behauptet, dass er Netzwerke zur koordinierten Versorgung fördern möchte. Tatsache ist jedoch, dass der Bundesrat die bestehenden Netzwerke zur koordinierten Versorgung nicht fördert, sondern abschafft und stattdessen eine staatlich dirigierte Parallelstruktur schafft, in der sich sämtliche Gesundheitsfachpersonen anstellen lassen sollen. Durch ein solches neues Silo würde keine Koordination gefördert, sondern vielmehr eine Fragmentierung. Netzwerke im Sinne des Bundesrates hätten zur Folge, dass die Gesundheitsfachpersonen ihre Arbeit deutlich stärker an staatlichen Vorgaben ausrichten müssten als bisher. Auch die Wahlfreiheit der Versicherten wäre für viele de facto beendet. Denn wenn sich eine Hausärztin oder ein Hausarzt einer ländlichen Gegend einem Netzwerk anschliesst, bedeutet das für die Patientinnen und Patienten, dass sie sich in diesem Netzwerk versorgen lassen müssen, weil sie in der Region schlicht keine andere Wahl haben. Die ärztliche Fachperson wiederum wird nicht darüber bestimmen können, mit welchen Spezialisten und Vertretern von Gesundheits- und Medizinalberufen sie in diesem Netzwerk zusammenarbeiten wird. Die Patientinnen und Patienten können also nicht mehr wie heute ihr Versicherungs- und Versorgungsmodell sowie gleichzeitig den Hausarzt frei wählen. Das Versorgungsmodell hinge also nicht mehr von der Wahl der Patientin oder des Patienten ab, sondern von der Anbindung des Leistungserbringers. Letztlich würden die Versicherten mitunter ein Standardmodell bezahlen, aber nur ein HMO-Modell erhalten.

Fehlende Medikamente

Ein weiteres Problem ist globaler Natur: Es heisst «out of stock». Immer mehr Medikamente sind nicht mehr immer erhältlich. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Ferne und dezimierte Produktionsstandorte, Produktionsausfälle über Monate, veränderter globaler Eigenbedarf sowie lange, komplexe und störungsanfällige Logistikwege und inexistente Lager. Aktuell müssen viele Grundversorger und Apotheken in der Schweiz wöchentlich für ihre Patientinnen und Patienten Medikamente im Ausland bestellen. Das Schweizer Zusatzproblem heisst «out of market». Und dieses Problem wird durch aktuell sich in Vernehmlassung befindende Entwürfe betreffend den Heilmittelbereich, der Verordnung über die Krankenversicherung (KVV) und der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) massiv verschärft. Ganz abgesehen davon wird in diesen Verordnungsentwürfen durch die Hintertür wieder eingeführt, was das Parlament bereits abgelehnt hat. In jedem Fall verursachen sie massiven administrativen Zusatzaufwand und schränken die Therapiefreiheit in einer Art ein, so dass die Patientensicherheit gefährdet und die Ungleichbehandlung gefördert wird.

Notfallstationen werden zum Notfall

Durch die gesundheitspolitischen Entscheide des Bundesrats werden Gesundheitskosten in die Höhe getrieben. Denn sie führen zu einer grösseren administrativen Last und Gefährdung der Patientenversorgung. Die berufliche Tätigkeit für Pflegende und Ärztinnen und Ärzte wird sinnentleert: Gerade die Jungen steigen mehr und mehr aus der klinischen Tätigkeit aus. Insbesondere die Verzögerung der TARDOC-Genehmigung hat zur Folge, dass die haus- und kinderärztliche Versorgung schlecht gestellt bleibt und das Patientenaufkommen kaum mehr bewältigt werden kann. Dies trägt zur Überlastung der Notfallstationen und somit zu höheren Gesundheitskosten bei. Lösungsansätze werden durch den Bundesrat und Santésuisse blockiert, und gleichzeitig werden mit dieser Blockade auch Tausende von jungen Frauen, die beruflich im Gesundheitswesen tätig sind, benachteiligt. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sie dem Gesundheitswesen den Rücken kehren.

Ein Diamant für unseren Nachwuchs

Enden möchte ich mit einem Lichtblick. Wie Sie in dieser Ausgabe ab Seite 34 nachlesen können, verfolgt die Zeitschrift Swiss Medical Weekly (SMW) einen Open-Access-Ansatz, und zwar den Diamond Open Access. Diese Initiative ist wesentlich für den wissenschaftlichen medizinischen Nachwuchs in unserem Land. Dank dem Engagement von Spitälern sowie von nationalen Verbänden und Institutionen trägt diese Zeitschrift dazu bei, dass in Anbetracht der politisch sehr schwierigen Situation, nicht noch mehr wissenschaftliche junge Talente ins Ausland abwandern. Dies beweist einmal mehr: Für die Qualität des SMW ist entscheidend, dass Personen involviert sind, die über Jahre an der Forschungsfront stehen, in den Bereichen Grundlagenforschung, Klinische Forschung und Public Health Forschung. Die FMH engagiert sich für das SMW, da ihr Qualität sowie die Förderung der jungen Generation und des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Medizin am Herzen liegen.

Solch umsichtiges Zusammenwirken zwischen verschiedenen Playern wünsche ich mir für die oben genannten Baustellen. Ein Time-out wie im Basketball sollte auch in der Gesundheitspolitik möglich sein. Ein Innehalten zwecks Reflexion und Analyse täte so manchem gesundheitspolitischen Geschäft gut.

Ich danke allen, die in mehreren Time-outs mit ihren Gedanken und Formulierungen zu diesem Kommentar beigetragen haben.

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Eine Auszeit, ein Innehalten zwecks Reflexion und Analyse, täte so manchem gesundheitspolitischen Geschäft gut.

© Berkay / Dreamstime

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