Porträt

Eine Walliser Hebamme zwischen Tradition und Moderne

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2023.21370
Veröffentlichung: 18.01.2023
Schweiz Ärzteztg. 2023;103(03):78-79

Iris Ritzmann, Eberhard Wolff

Beruf im WandelMitte des vergangenen Jahrhunderts arbeitete Adeline Favre im Walliser Val d’Anniviers als Hebamme. Umgeben von Bauernhöfen, religiösen Gepflogenheiten und traditionellen Rollenbildern vertrat sie die moderne Medizin – bis sie selbst von ihr überholt wurde.

Man darf nicht vergessen, dass ich seit Beginn meiner Tätigkeit oft zehn oder zwölf Kinder der gleichen Mutter zur Welt gebracht habe. Familien mit sechs Kindern galten damals als kleine Familie.» Nein, die Geburt eines Kindes ist nicht zwingendermassen ein Glück. Im Walliser Val d’Anniviers, wo Adeline Favre 1908 zur Welt gekommen war, bedeutete Geburt Schmerz, Angst und Armut. Sie war das achte von 14 Kindern. Bei ihrer eigenen Geburt war die Mutter ganz auf sich selbst gestellt, weil die zuständige Hebamme bei Steisslage nicht anders helfen konnte, als in einer Zimmerecke zu beten.

Als Katholikin in Genf

Ausschlaggebend für die junge Adeline, den Hebammenberuf zu ergreifen, war das hohe Ansehen, das dieser Beruf im abgelegenen Tal genoss. Wenn die Hebamme eine Gebärende betreute, erhielt sie gutes Essen und man begegnete ihr dankbar und respektvoll. Adelines Eltern versuchten, ihre Tochter von diesem Wunsch abzubringen. Es war nicht üblich, eine Ausbildung an einem fremden Ort zu absolvieren. Schon gar nicht für ein Mädchen. Das Leben der Frauen sollte sich darin erfüllen, zu heiraten und danach für Kinder und Haushalt zu sorgen. Doch die Siebzehnjährige setzte sich durch.

Als klar wurde, dass Adeline nicht ins katholische Freiburg, sondern an die Hebammenschule im calvinistischen Genf gehen würde, für die Walliser der «Ort der Verdammnis» schlechthin, befürchtete ihr Vater, dass sie ihren katholischen Glauben verlieren würde. Seine Ängste waren indessen unbegründet: Zu den wenigen erlaubten Aktivitäten ausserhalb der Schule gehörte das Recht der katholischen Schülerinnen, die Messe zu besuchen, was Adeline gerne und regelmässig wahrnahm.

Ein Leben lang Hebamme

Nach drei Jahren intensiver Ausbildung kehrte Adeline 1928 als ausgebildete Hebamme zurück ins Val d’Anniviers. Hier und in der näheren Umgebung führte sie in den folgenden über 30 Jahren Hausgeburten durch, die letzte 1960. Über diese Geburten führte sie Buch – es waren mehr als 8000. Danach war sie weiterhin bis 1974 als Spitalhebamme in Siders tätig. 1981 kamen Gespräche, die sie mit ihren Nichten geführt hatte, in Buchform unter dem Titel «Ich, Adeline, Hebamme aus dem Val d’Anniviers» heraus [1]. Ihre Erinnerungen belegen eindrücklich die Veränderungen, die sie im Verlauf ihrer Berufstätigkeit erlebt hatte.

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Adeline Favre 1957 in Sonntagstracht und mit Hebammenkoffer.

© Les Archives de l’Etat Valais, CC BY-SA 4.0 / creativecommons.org

Erste Frau im Tal mit Auto

Zu ihrem Examen hatte sich Adeline Favre einen ledernen Hebammenkoffer gekauft. Dieser stand gewissermassen für die neuen Kenntnisse, die sie sich in der Hebammenschule angeeignet hatte. Das Köfferchen enthielt unter anderem desinfizierendes Pulver und Alkohol, sterile Kompressen, ein hölzernes Stethoskop, Sonden, ein Nähset, eine Milchpumpe und sogar einen Reagenztest zur Feststellung von Eiweiss im Urin.

Adeline Favre verstand sich als moderne Hebamme. Und als solche begegnete sie in der abgelegenen Walliser Bergregion ihrer Kindheit einer zutiefst traditionellen Welt. So beschreibt sie, wie Gebärende noch nach Abgang des Fruchtwassers im Stall die Kuh melkten, dass Wöchnerinnen ihren Ehemännern auch nach schweren Dammrissen den Beischlaf nicht verwehren durften und strenge Bettruhe nur und einzig am neunten Tag nach der Geburt galt, weil an diesem Tag die Gebärmutter wieder an ihre frühere Stelle zurückfinden sollte. Auch den einzigen Arzt im Tal, den sie bei schweren Geburten beizog, schilderte sie mit kritischem Blick, etwa wenn er die Plazenta mit blossen Händen löste oder bei schwerem Blutverlust Einläufe mit dem Walliser Rotwein Dôle vornahm.

Mit der Zeit hielten Neuerungen Einzug. Adeline Favre begann, den Blutdruck zu messen. Gegen starke Blutungen oder das gefürchtete Wochenbettfieber kamen Medikamente auf, die dann auch ins Val d’Anniviers vordrangen. Und sie besass als eine der ersten Talbewohner und selbstverständlich als allererste Frau der Region ein Auto.

Vom Wandel überholt

Als die Spitalgeburten üblicher wurden, fiel es Adeline Favre jedoch schwer, ihren Beruf unter veränderten Bedingungen durchzuführen. Sie beschreibt, wie sie die gebärenden Frauen im Spital erlebte: «Sie fühlten sich einsam in den vier Spitalwänden, sie konnten sich kaum bewegen und auch nicht mit Angehörigen sprechen. Sie sorgten sich, wie es wohl daheim gehe, wo sie Kinder und Mann allein zurückgelassen hatten. Alle diese Nachteile beunruhigten sie; ein Spitalaufenthalt war oft nicht die optimale Lösung.»

Ein melancholischer Ton des Verlustes schwingt mit, wenn sie ihre eigenen Bindungen zu den gebärenden Frauen während den Hausgeburten mit der geregelten Betreuung im Spital vergleicht. Das Spital mit seinen neuen Eingriffsmöglichkeiten «bedeutete leider weniger Kontakte mit den Familien der Gebärenden, weniger Freude, weil die Geschwister des Neugeborenen nicht da waren und man ihr Erstaunen und ihre Reaktionen nicht mehr miterlebte». Fast scheint es, als vermisse sie das Schubladenbettchen mit den zahlreichen Kindern, das sich herausgezogen neben dem Ehebett befand und während nächtlicher Entbindungen mit einem Leintuch zugedeckt wurde.

Adeline Favre hatte ihren beruflichen Weg als erste moderne Hebamme im Val d’Anniviers begonnen. Sie beendete ihn als alte, traditionelle Hebamme, die nicht mehr so richtig in die moderne Welt zu passen schien. Trotz vieler Anpassungen und willigen Veränderungen hatte die Zeit sie irgendwann eingeholt. Sinnbild hierfür mag wiederum ihr ledernes Hebammenköfferchen sein, das sie nach über fünfzig Jahren noch immer besass. Sie starb im Jahre 1983.

Frauen in der Medizin

Die Porträtserie stellt in lockerer Folge historische weibliche Persönlichkeiten aus dem medizinischen Umfeld der Schweiz vor. Jede dieser Frauen beschritt eigenwillig ihren Weg. Und nicht selten weisen ihre Geschichten erstaunliche Bezüge zur Gegenwart auf.

Literatur

1 Ich, Adeline, Hebamme aus dem Val d’Anniviers. Herausgegeben von Yvonne Preiswerk, ins Deutsche übersetzt von Maja Spiess-Schaad. Limmatverlag, Zürich 1981. (Originaltitel: Moi, Adeline, accoucheuse)

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