Zu guter Letzt

Digitalisierung – et al.

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2023.21386
Veröffentlichung: 25.01.2023
Schweiz Ärzteztg. 2023;103(04):82

Stefan Kuster

Et alia – «und andere» – bedeutet das «et al.», wenn Arbeiten zitiert werden. Hinter diesen vier Buchstaben verstecken sich viele gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die über Jahre an einer Studie gearbeitet, Patientinnen und Patienten rekrutiert, Daten erfasst oder analysiert, oder Gelder eingeworben haben. Aus Platz- und Effizienzgründen werden sie wegrationalisiert, wenn auf eine Studie verwiesen wird. Alle Ehre dem Erstautor, der das Manuskript hoffentlich zumindest in der Erstfassung geschrieben hat. Ein Ausdruck von Denkmustern, die in keiner Weise der Teamleistung gerecht werden, die hinter einer wissenschaftlichen Arbeit steckt. Bräuchte es nicht eine (künstlich-)intelligente Methode, die den individuellen Beitrag jedes Einzelnen besser abbildet als die veraltete Autorenliste?

fullscreen

Stefan Kuster

Prof. Dr. med., Chefarzt Infektiologie/Spitalhygiene, Kantonsspital St. Gallen, Mitglied Advisory Board der Schweizerischen Ärztezeitung

Damit sind wir schon beim eigentlichen Thema. Das «andere» spielt auch bei der Digit-al-isierung eine grosse Rolle. Das «al» wird in der digitalen Medizin zumindest unbewusst immer noch relativ konstant ignoriert. Oder fällt der deutschen Sprache zum Opfer, wie man es nimmt. Die englische Sprache unterscheidet zwischen «digitisation», also der reinen Umwandlung von analogen Daten in digitale, und «digitalisation», dem echten Lösen von Problemen mit neuen technischen Mitteln. Wahrscheinlich ist es auch Letzteres, was wir im deutschen Sprachgebrauch unter Digitalisierung – oder noch besser: der digitalen Transformation – zu verstehen meinen. Die Frage ist aber, was wir wirklich in der Realität erleben, und wie wir uns die Zukunft vorstellen.

Im Moment – vielleicht kommt es nur mir so vor – schiessen Digitisierungslösungen wie Pilze aus dem Boden. Schaut man etwas näher hin, so vermisst man aber echte «et al.»-Lösungen. Bei der «digitisation» holen wir auf, aber bei der digitalen Transformation? Bräuchte es nicht statt eines elektronischen Formulars für die Erfassung der Anamnese den digitalen Assistenten, der mithört, wenn wir mit einem Patienten sprechen? Der uns Vorschläge macht, welche Fragen noch zu stellen sind? Uns berät, welche Abklärungen sinnvoll sind und vor allem, welche gerade eben nicht? Braucht es nicht das System, das parallel zu unserer Anamneseerhebung die Zeit stoppt und unsere Handlungen verfolgt, damit die Leistungserfassung ebenfalls automatisch erfolgen kann und nicht noch viele zusätzliche Klicks erfordert?

Bräuchte es nicht einen übergeordneten Fokus auf Kommunikation der verschiedenen Softwarelösungen statt der x-ten Insellösung für ein spezifisches Problem? Und bräuchte es nicht statt Einbahnstrassen-Input auch Output im Sinne von sinnvollen Abfrage- und Analysetools, die uns helfen, die Behandlungsqualität zu verbessern und die Effizienz zu steigern? Effizienz im Sinne von mehr effektiver Zeit mit der Patientin, anstatt mehr Zeit zu absorbieren für die immer noch komplettere Verschiebung der Dokumentation von Papier in eine Software.

Sollten wir nicht langsam das Ruder übernehmen und definieren, wie wir uns die digitale Medizin der Zukunft vorstellen, anstatt uns diktieren zu lassen, welche Klicks wir noch machen müssen, damit wir möglichst digitisierungskonform sind? Bestenfalls im Team, interprofessionell, interdisziplinär, generationenübergreifend, gemeinsam? Inklusive «et al.», halt?

Notabene: Auch die ursprüngliche Idee zu diesem «Zu guter Letzt» stammt natürlich nicht vom Autor alleine. Vielen Dank an Matthias Schlegel und Team!

Verpassen Sie keinen Artikel!

close