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Auf den Punkt

Neues Virus in Schweizer Zecken

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2023.21434
Veröffentlichung: 18.01.2023
Schweiz Ärzteztg. 2023;103(03):8-9

Eva Mell

Public Health Das neu entdeckte ALS-Virus steht im Verdacht, FSME-ähnliche Symptome auszulösen. In Schweizer Zecken ist es bereits weit verbreitet. Doch welchen Einfluss hat es auf die öffentliche Gesundheit? Das wollen Zürcher Forschende nun herausfinden.

Ein Patient sucht im Jahr 2017 nach einem Zeckenbiss in China ein Spital auf. Er hat Fieber und andere Symptome der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Doch weder das Virus noch Antikörper dagegen können nachgewiesen werden. Stattdessen findet man in seinem Blut das bis dahin unbekannte Alongshan-Virus (ALS-Virus) [1].

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Das neue ALS-Virus ist in Schweizer Zecken verbreiteter als das FSME-Virus.

© Evgeniyqw / Dreamstime

Nun ist klar: Das Virus ist auch in Schweizer Zecken weit verbreitet. Forschende der Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich haben den Erreger in Zeckenproben aus der gesamten Schweiz nachgewiesen. Sie stiessen dabei häufiger auf das ALS-Virus als auf das bereits bekannte FSME-Virus. Das Team um den Virologen Prof. Dr. Cornel Fraefel hat die Genomsequenz des neuen Virus aus heimischen Zecken im Dezember 2022 publiziert. Derzeit arbeiten die Forschenden an einem Diagnosetest, um die epidemiologische Situation und einige offene Fragen rund um das Virus zu klären [2]. Cornel Fraefel: «Wir wissen zwar, dass das ALS-Virus in Zecken mindestens so verbreitet ist wie das FSME-Virus. Die Prävalenz im Menschen kennen wir aber nicht.» Zudem sei bisher unklar, ob die FSME-ähnlichen Symptome bei chinesischen Patientinnen und Patienten tatsächlich durch das ALS-Virus ausgelöst wurden.

Arbeit an diagnostischem Test

Die Forschenden haben bereits einen Reverse-Transkriptase-PCR-Test entwickelt. Das Problem: Viele verschiedene Viren sind – wenn überhaupt – nur für kurze Zeit im Blut der Betroffenen nachweisbar. «Ein negatives RT-PCR-Resultat muss also nicht bedeuten, dass keine Infektion stattgefunden hat», sagt Cornel Fraefel und fügt hinzu: «Viel aussagekräftiger ist der Nachweis von virusspezifischen Antikörpern, die man mithilfe serologischer Tests nachweisen kann.» An solch einem «enzyme-linked immunosorbent assay» (ELISA) arbeitet er derzeit mit seinem Team und geht davon aus, dass der Test in zwei bis drei Monaten anwendbar sei.

Die Herausforderung dabei: Das Team verfügt über keine ALS-Virus-positive menschliche Probe. «Ohne solches Positivmaterial ist die Validierung des Tests schwierig», sagt der Virologe. In einem ersten Schritt werden Antikörper deshalb mithilfe eines kanadischen Servicelabors in Kaninchen produziert. «Sobald wir den Test etabliert haben, werden wir Patientenproben screenen», erklärt Freafel, der bei diesem Vorhaben vom Nationalen Referenzlabor für durch Zecken übertragene Krankheiten sowie anderen universitären Forschungsinstituten und Diagnostiklabors unterstützt wird. «Falls wir tatsächlich ALS-Virus-spezifische Antikörper oder Nukleinsäuren in Patientenproben nachweisen können, werden die Diagnostiklabors in der Schweiz im Rahmen der FSME-Virus-Diagnostik in Zukunft auch auf das ALS-Virus testen», sagt er – und ergänzt: «Wir vermuten, dass das ALS-Virus schon seit längerer Zeit in den Zecken in der Schweiz zirkuliert. Es ist also nicht davon auszugehen, dass die Krankheitsfälle plötzlich ansteigen werden, selbst wenn das Virus tatsächlich humanpathogen wäre.»

Fakten zum ALS-Virus

Das Alongshan-Virus ist ein RNA-Virus, das in die Familie der Flaviviren gehört – genau wie das FSME-Virus, das Dengue- oder Zika-Virus und viele mehr. Innerhalb der Flaviviren nimmt das ALS-Virus mit einigen anderen Viren eine Sonderstellung ein, weil es ein sequenziertes RNA-Genom besitzt. Der Erreger wurde aus chinesischen Patientinnen und Patienten mit FSME-Virus-Symptomen, aber negativer FSME-Virus-Diagnostik isoliert. Doch ob die Ursache für die Symptome tatsächlich in dem neuen Virus liegt, ist damit nicht bewiesen. Im Moment gibt es weder ein kommerzielles serologisches Nachweisverfahren noch einen Impfstoff.

Prof. Dr. Cornel Fraefel

Direktor des Virologischen Instituts der Vetsuisse Fakultät an der Universität Zürich

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Literatur

1 www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1805068

2 www.news.uzh.ch/de/articles/media/2022/Neues-Zeckenvirus.html

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