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Auf den Punkt

Am Rande einer Katastrophe

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2023.21468
Veröffentlichung: 25.01.2023
Schweiz Ärzteztg. 2023;103(04):6-7

Interview: Julia Rippstein

Schliessung In Martigny ist die Notaufnahme seit dem 9. Januar nachts geschlossen: Immer mehr Patientinnen und Patienten stiessen auf immer weniger Personal. Warum das Gesundheitssystem an seine Grenzen stösst, erklärt Vincent Frochaux im Interview.

Die Schliessung einer Notaufnahme über Nacht ist eine radikale Massnahme. Wie ist es dazu gekommen?

Hauptgrund ist der Mangel an Notärztinnen und -ärzten auf Kaderstufe und am Ausbildungsende. Für die Standorte Martigny und Sitten verfügen wir über einen Personalbestand von 18,6 Vollzeitäquivalenten (VZÄ). Derzeit fehlen jedoch mehr als 3,5 VZÄ, also 20% des gesamten Personalbestands. Hinzu kommt, dass die nächtliche Versorgung in Sitten nicht ausreichend ist: Die Zahl der Patientinnen und Patienten steigt seit Jahren, während der Personalbestand nicht mithält. Die Notaufnahme in Martigny benötigt konstant nächtliche Ressourcen. Wegen des Personalmangels war es nicht möglich, Personal nach Martigny zu verlegen.

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Die Notaufnahme in Martigny empfängt Patientinnen und Patienten zurzeit nur am Tag.

© CHVR

Hat man versucht, andere Lösungen zu finden?

Im Sommer 2021 waren wir mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Um diese zu lösen, hatten wir eine Schicht in Sitten gestrichen, um die Aufsicht in Martigny sicherzustellen. Dies führte zu einer nahezu katastrophalen Situation am Standort Sitten. Es kam also nicht in Frage, dies erneut einzuführen und die Belegschaft in Sitten zu reduzieren.

Wie lange wird die nächtliche Schliessung andauern?

Es wurde noch keine Frist festgelegt. Solange der gesamte Personalbestand nicht rekrutiert und eine organisatorische Lösung zur Bewältigung der Arbeitsbelastung in Sitten nicht gefunden werden kann, wird es nicht möglich sein, Personal nach Martigny zu verlegen.

Was ist mit der Leitung des CHVR? Unterstützt sie Sie bei der Suche nach einer Lösung?

Unsere Entscheidung wurde von der Direktion sehr gut verstanden und vorbehaltlos unterstützt. Wir arbeiten zusammen, um Lösungen zu finden.

Glauben Sie, dass sich die Situation verbessern wird?

Ich werde mich zu diesem Punkt nicht äussern.

Wie reagieren die Patientinnen und Patienten?

Wir haben bisher [Stand 17. Januar] keine Reaktionen oder Kommentare erhalten, weder positive noch negative.

Hat es Konsequenzen für die ländliche Bevölkerung, die auf den Standort Martigny angewiesen ist?

Die präklinische Versorgung, die von der kantonalen Walliser Rettungsorganisation gewährleistet wird, wurde zu 100% beibehalten. Für die Menschen, die diese in Anspruch nehmen, ändert sich also nichts. Was Personen betrifft, die selbstständig in die Notaufnahme kommen, so sind uns, wie bereits gesagt, keine Beschwerden bekannt.

Was sagt die Schliessung über das schweizerische Gesundheitssystem aus?

Die aktuelle Lage entwickelt sich langsam aber sicher zu einer Katastrophe, das System stösst an seine Grenzen. Ich teile die Ansicht von Prof. Vincent Ribordy, Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin: Die Zahl der Konsultationen explodiert, die Verfügbarkeit von Spitalplätzen wird immer schwieriger, während das Personal ständig abnimmt.

Wie lässt sich dieser Personalmangel erklären?

Der Mangel an Notärztinnen und -ärzten betrifft die ganze Schweiz. Die Zahl der Notaufnahmen steigt jedes Jahr um 4 bis 5%, ohne dass die Personalressourcen mithalten und angepasst werden. Die Notfallstationen werden autonomer, was mehr ärztliche Fachpersonen erfordert.

Viele sind vor allem erschöpft ...

Ja, das stimmt. Einige entscheiden sich, den Beruf aufzugeben, weil die Arbeitszeiten sehr belastend sind: 65% der Schichten finden ausserhalb der üblichen Arbeitszeiten statt. Diese «schädlichen» Aspekte erschöpfen, das ist eine Tatsache. Unter dem medizinischen und pflegerischen Personal hat sich ein Teufelskreis entwickelt: Die erfahrenen Mitarbeitenden müssen die jüngeren coachen, die die Aufgaben langsamer erledigen und sich auf Erstere verlassen. Wenn diese erfahrenen Mitarbeitenden mehr arbeiten, erschöpfen sie sich und werden durch Neulinge ersetzt.

Wie ist die Stimmung bei den Notärztinnen und Notärzten?

Aus medizinischer Sicht haben wir diese Entscheidung nur widerwillig getroffen. Die Ärzte empfinden sie als Versagen. Es ist eine schwierige Situation. Und da man nicht weiss, wann sich die Dinge verbessern werden, entsteht Unsicherheit. Aktuell ist die Zufriedenheitsrate nicht sehr hoch.

Dr. Vincent Frochaux

Chefarzt, Notfallabteilung, Spitalzentrum Unterwallis (Centre Hospitalier du Valais Romand, CHVR)

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