Briefe an die Redaktion

p-Wert-Dogmatik und Leitlinienhörigkeit

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2023.22049
Veröffentlichung: 06.09.2023
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(36):24

p-Wert-Dogmatik und Leitlinienhörigkeit

Brief zu: Sven Streit. «Kritisch denken und besser kommunizieren», Schweiz Ärzteztg. 2023;104(14–15):80

Ich danke Prof. Sven Streit herzlich für seinen Aufruf zum kritischen Umgang mit der Evidenz in der Beratung unserer Patienten und Patientinnen. «In der Tat: Prospekte zeigen uns schöne Säulendiagramme und tiefe p-Werte», schreibt Sven Streit, wirft aber die Frage auf, was diese für uns Hausärzte und für unsere Patienten wirklich bedeuten. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass die Werbeprospekte und die Leitlinien für die neuen Antikörper zur Lipidsenkung stets die – tatsächlich!- eklatante und statistisch hochsignifikante LDL-Senkung anführten. Hinsichtlich der für mich wichtigeren klinischen Endpunkte wie kardiovaskuläre und Gesamtmortalität aber gab es in den ersten Zulassungsstudien sogar tendenziell schlechtere Resultate. (Aber, da nicht signifikant, blieben diese unerwähnt.) Unterdessen erreichte die mit 8.4 Jahren Beobachtungszeit längste Studie auch zu diesen Endpunkten statistisch (knapp) signifikante Resultate. Nur: Bei angepriesener relativer Risikoreduktion nach median 5 Jahren Anwendung von 20–23% lag die absolute Risikoreduktion gerade mal bei 1–2%, die NNT also bei 50–100. Bei jährlichen Kosten des Antikörper-Lipidsenkers von 6067.10 Franken liegen die Kosten zur statistischen Senkung der 5-Jahres-Mortalität für einen einzigen von 50–100 Patienten damit bei satten 1.5 bis 3 Mio. Franken. Kann ich dafür geradestehen? Wie kommuniziere ich das meinen Patienten? Wann relativieren wir endlich solche p-Wert-Dogmatik und Leitlinienhörigkeit?

Dr. med. Hans Ulrich Albonico, Langnau

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