FMH

Aufgrund der zu erwartenden demographischen Entwicklung wird die Thematik Sucht im Alter künftig vermehrt Eingang finden in die ­Diskussion um eine effiziente Versorgung. Einerseits wird uns die Komplexität von Suchterkrankungen bei älteren Menschen vor grosse Herausforderungen stellen, weil sich die ambulante Versorgung in Praxen, Heimen ab 2018 zu verschlechtern droht, weil die interprofessio­nelle Zusammenarbeit durch den geplanten Tarifeingriff des Bundesrates eingeschränkt wird und weil es an Fachkräften mangelt. Andererseits müssen altersspezifische Präventionsstrategien und -massnahmen zeitnah entwickelt und implementiert werden, um die Lebens­qualität der Betroffenen möglichst positiv zu beeinflussen und die Belastung für die Angehörigen und die Betreuungspersonen gering zu halten. Der Aufwand und die Kosten werden infolge parlamentarisch verantworteter unzureichender Verhältnisprävention weiter steigen. Insofern ist der Besuch der Tagung zum Thema – bei der sich öffnenden Schere zwischen steigendem Bedarf und der sich gleichzeitig abzeichnenden Rationierung von Gesundheitsleistungen für vulnerable Personen – lohnend.

Dr. med. Carlos Beat Quinto, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortlicher Public Health und Gesundheitsberufe

Alternd, abhängig und trotzdem gut versorgt?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05767
Veröffentlichung: 26.07.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(3031):937

Gerhard A. Wiesbeck

Prof. Dr. med., Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM), Mitglied der Steuergruppe für die Fachtagung «Alternd, abhängig und trotzdem gut versorgt», Mitglied FMH

Sucht kennt keine Altersgrenze. Alkohol, Medikamente und Drogen können auch im hohen Lebensalter zu Missbrauch und Abhängigkeit führen. Da immer mehr Menschen immer älter werden, wird auch die Zahl süchtiger Senioren in den kommenden Jahren zunehmen. Dies stellt alle Beteiligten vor grosse Herausforderungen.

Unter den psychotropen Substanzen, die von älteren Menschen am häufigsten konsumiert werden, stehen Alkohol und Medikamente an erster Stelle. Tendenziell neigen ältere Männer eher zu Alkohol-, ältere Frauen eher zu Medikamentenproblemen [1]. Bei beiden Geschlechtern geht das Rauschtrinken mit dem Alter kontinuierlich zurück, der Risikokonsum nimmt jedoch zu, d.h., ältere Menschen konsumieren weniger exzessiv, aber häufig. Nicht selten besteht ein Mischkonsum aus Alkohol und Medikamenten [2].

Zahlreiche altersspezifische Belastungsfaktoren begünstigen die Entstehung einer Abhängigkeit im letzten Lebensdrittel. Dazu zählen u.a. die Beendigung des Berufslebens und der damit einhergehende Verlust an Tagesstruktur und sozialen Beziehungen, das Sterben von Freunden und Partnern, die zunehmende Vereinsamung, die Abnahme der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sowie die wachsende Konfrontation mit Krankheit und Tod [3].

Die Süchte älterer Menschen verlaufen häufig still und im Verborgenen. Eine Früherkennung ist schwierig. Oft verbergen sie sich hinter Symptomen, die als «alters­typisch» gelten: Stürze, Verwirrtheit, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Schwindel, vernachlässigte Körperhygiene, Fehlernährung und depressive Symptome vermutet man ohnehin vermehrt bei älteren Menschen. Wer denkt da an Missbrauch und Abhängigkeit?

Eine besondere Herausforderung stellen die schweizweit ca. 20 000 substituierten Opioidabhängigen dar, die zunehmend «in die Jahre» kommen. Typische Alters­erkrankungen treten bei ihnen früher und häu­figer auf als in der gleichaltrigen Vergleichsbevölkerung. Biologisch deutlich vorgealtert und unter zahlreichen körperlichen und psychischen Komorbiditäten leidend, stellen sie unter den alternden suchtkranken Menschen vermutlich die höchsten Anforderungen an das Alters- und Pflegesystem [4].

Ältere Abhängige beschäftigen viele Berufsfelder: Politik, Sozialarbeit, Psychologie, Medizin, Kranken- und Altenpflege, Ernährungsberatung u.v.a. sind involviert. Verschiedene Vorstellungen und Konzepte treffen hier aufeinander, müssen priorisiert und koordiniert werden. Die Wünsche der Betroffenen und ihrer Angehörigen geraten da leicht in den Hintergrund. Angesichts dieser interdisziplinären Interessensvielfalt wären ­effiziente Modelle der Versorgung älterer Frauen und Männer mit einer Abhängigkeitserkrankung dringend erforderlich.

Dieser Notwendigkeit widmet sich die Fachtagung «­Alternd, abhängig und trotzdem gut versorgt», die vom Fachverband Sucht in Zusammenarbeit mit zahlreichen Fachgesellschaften am 30. August dieses Jahres durchgeführt wird. Schweizweit und erstmalig treffen sich die Vertreter von Betroffenen und Beteiligten zum Themenschwerpunkt Sucht im Alter. Diskutiert werden u.a. die Möglichkeiten und Grenzen der bestehenden Sucht-, Alters- und Pflegestrukturen. Zeitgemässe Modelle werden vorgestellt und Handlungsnotwendigkeiten aufgezeigt. Die Tagung dient dem interdisziplinären Austausch und der Vernetzung.

Korrespondenzadresse

Korrespondenz:
Prof. Dr. med.
Gerhard A. Wiesbeck
Ärztlicher Zentrumsleiter
Mitglied der Steuergruppe Fachtagung «Alternd,
abhängig und trotzdem
gut versorgt»
Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen
Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel Wilhelm
Klein-Strasse 27
CH-4012 Basel
gerhard.wiesbeck[at]upkbs.ch

Literatur

1 Bitar R, Dürsteler KM, Rösner S, Grosshans M, Herdener M, Mutschler J (2014). Substance abuse in older adults. Praxis 103(18):1071–9.

2 Notari L, Le Mével L, Delgrande Jordan M, Maffli E (2014). Zusammenfassende Ergebnisse der Schweize­rischen Gesundheitsbefragungen 2012, 2007, 2002, 1997 und 1992 hinsichtlich des ­Konsums von Tabak, Alkohol, Medikamenten und illegalen Drogen (Forschungsbericht Nr. 70): Sucht Schweiz.

3 NIDA (2011, December 19). Substance Abuse Among Older Adults. Retrieved from https://www.druga-
buse.gov/news-events/nida-notes
/2011/12/substance-
abuse-among-­older-adults
on 2017, June 1.

4 Wetterling T, Junghanns K (2017). Substance abuse
in older psychiatric inpatients. SUCHT 63(2):115–21.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close