Briefe / Mitteilungen

Danke Google und Internet

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05797
Veröffentlichung: 27.06.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(2627):865

Dr. med. Rommel Jadaan, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, FMH, Luzern

Danke Google und Internet

Es ist köstlich, wie sich sehr viele Kreise im ­Leben vor unseren Augen schliessen … tagtäglich.

Ich versuche sehr oft, zu verstehen, warum wir Hausärzte so viel Aufwand betreiben müssen, um unsere «Wichtigkeit» für die ­Bevölkerung und dem Gesundheitssystem bestätigen zu müssen.

Ich kann mich noch erinnern, wie mit der «Erhebung» von Google und Internet als «Suchmaschine bzw. Ort» neben so vielen ­anderen berufspolitischen Besonderheiten gegenüber dem Hausarzt das Gefühl überkam: «Ach, jetzt brauchen wir ja den Hausarzt noch weniger, jetzt kann ich ja alles googeln – ob es ein Chemotherapie-Protokoll ist oder welche Schiene ich für meinen Hallux valgus brauche.»

Anfangs schien es auch doch ein wenig zu klappen … Aber jetzt … jetzt überkommt mich einfach nur ein Lächeln und ich geniesse dankbar Google & Co.

Durch diesen wahnsinnigen Informations-Overflow, der uns das Internet anbietet, geht nun alles nach hinten los: Zu viel Info, zu viele «Google Images» über Krankheiten und Pathologien verunsichern dermassen die Pa­tienten und schüren in ihnen so viele Ängste, dass sie doch wieder zu ihrem Homo sapiens Hausarzt «gezwungen» sind zu kommen, um zu fragen, was denn jetzt «wirklich» stimmt? Welche diagnostische oder therapeutische Option ist denn jetzt «wirklich» die passende für den einzelnen Patienten? … Uups: das heisst doch «individualisierte Medizin».

Ich verstehe die Patienten und ihren Unmut: Einerseits glücklich über die freie Info-Möglichkeit im Internet, andererseits ist man aber bei 1 876 456 234 Treffern in 1,3 Sekunden bei einer Google-Suche, um Basisinfo über die Grippe­impfung zu bekommen, dann doch leicht überfordert.

Und genau das ist jetzt noch einmal unsere Chance, zu überzeugen: die Patienten, ihre Angehörigen und unsere Kollegen von den anderen Fachdisziplinen, was für eine wichtige und zentrale Aufgabe wir Hausärzte «doch noch haben». Gatekeeping, nicht nur im Sinne von Patientenüberweisungen, sondern auch Gatekeeping, was medizinische Information betrifft.

Unser «Essere» – «Sein» bedeutet eine Win-win-Situation für alle:

Der Patient gewinnt, weil er fachlich profes­sionell informiert (bzw. beruhigt!) wird.

Der Kollege von der anderen Fachdisziplin gewinnt, weil er sich auf das «Wesentliche» konzentrieren kann.

Das System gewinnt, weil die Ressourcen gezielter eingesetzt werden.

Wir Hausärzte gewinnen, weil unsere Figur als Berater für medizinische Angelegenheiten für die ganze Familie wieder geschätzt wird.

Danke Google … danke Internet.

Meiner Meinung nach sollten wir diesen Zeitpunkt gut nutzen, um den Patienten unsere «Nähe» zu demonstrieren, unsere empathische Kapazität, zuzuhören und verständnisvoll die Qualität der Information für unsere Patienten zu filtrieren, triagieren sowie deren Quantität einzuschränken. Es ist wieder einmal einer der wenigen Zeiträume in der Geschichte, wo wir Ärzte wirklich wieder mit ­extrem wenig «Input» (finanziell: praktisch 0.– CHF) viel erzielen können mit: Zuhören, Ordnen und Wiedergeben. Das Entscheidendste ist wie immer, und schon immer gewesen: Kommunikation und die Kapazität, diese empathisch, freundlich und mit viel ­Geduld zu tun. Und wieder schliesst sich ein Kreis: die Wichtigkeit, neben dem Fachlichen (technical skills) auch die non-technical skills wie Kommunikationsfähigkeit zu besitzen bzw. zu erlernen.

«Der Mensch im Arzt»: Und mittlerweile gibt es auch, um dies zu erlernen, mehr als genug Möglichkeiten. Um diese Möglichkeiten zu erkunden, schauen Sie doch mal bei Google oder im Internet … Ich bin gespannt, wie viele «Treffer» Sie in 1,3 Sekunden finden werden …

Ich freue mich schon auf meinen nächsten ­Patienten, der mir sagen wird: «Wissen Sie, Herr Doktor, ich hab gestern im Internet nachgelesen, dass …» In dem Moment muss ich mich sehr beherrschen, um nicht mein ­innerliches Lächeln über mein ganzes Gesicht auszubreiten, weil mir bewusst ist, dass ich in diesem Moment schon die berühmte Arzt-­Patient-Beziehung sowie die Fundamente für eine sehr konstruktive zukünftige Com­pliance mit diesem Patienten aufbauen werden kann: Die erwünschte DIALOG-Kultur zwischen Arzt und Patient beginnt auch so:

Danke Google, danke Internet.

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