Tribüne

Die redaktionelle Einleitung zu diesem Artikel war Gegenstand einer Beurteilung durch den Presserat. Näheres dazu hier.

Die SÄZ versteht sich als Diskussionsplattform für die Ärzteschaft und weitere Kreise des Gesundheitswesens. Selbst unter der Prämisse grösstmöglicher Offenheit konnte sich die Redaktion nach intensiver Diskussion aber nur knapp dazu durchringen, den nachfolgenden Beitrag zur Publikation anzunehmen. Aus Sicht der Redaktion nimmt der Autor Simplifizierungen komplexer Zusammenhänge vor, die einer vertieften Analyse nicht standhalten. Auch wird im Zusammenhang mit dem behandelten Thema nicht zwischen Assoziation und Kausalität unterschieden, was falsche Schlussfolgerungen begünstigt. Es schien der Redaktion deshalb unabdingbar, diesem Tribüne-Artikel einen kommentierenden Beitrag gegenüberzustellen, der die vertretenen Thesen kritisch hinterfragt. Der Leserschaft sei in diesem Sinn die Lektüre des «Zu guter Letzt» auf Seite 12174 dieser Ausgabe wärmstens empfohlen.

Dr. med. et lic. phil. Bruno Kesseli, Chefredaktor

Wirtschaft bringt Gesundheit*

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05952
Veröffentlichung: 27.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(39):1269–1271

Fridolin Marty

Dr., Leiter Gesundheitspolitik von economiesuisse

In der Diskussion zur Krankheitsprävention wird die Wirtschaft oft zum Sündenbock gemacht. Grund dafür sind gesundheitsschädigende Produkte oder Stress 
am Arbeitsplatz. Wem die Volksgesundheit am Herzen liegt, sollte aber die grossen Linien nicht aus den Augen verlieren: Die wichtigsten Gesundheitsindikatoren verbesserten sich ein Jahrtausend lang kaum, bis Ende des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution einsetzte. Der Siegeszug der Wirtschaft war stets begleitet von ­einem Siegeszug der Volksgesundheit.

In Fragen der Volksgesundheit wird die Wirtschaft nicht selten als Risikofaktor oder gar als Krankheits­verur­sacherin dargestellt. Als Risikofaktor gilt sie, weil sie die Arbeitssicherheit vernachlässige oder durch Stress die psychische Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung beeinträchtige. Als direkte Krankheitsverursacher gelten hingegen Unternehmen mit gesundheitsgefährdenden Produkten. Dabei stehen Tabak, Alkohol und immer häufiger auch Lebensmittel im Mittelpunkt. Unterzieht man diese Vorwürfe einer genaueren Probe, so stehen sie auf wackligen Füssen. Denn insgesamt schadet die Wirtschaft der Volksgesundheit um ein Vielfaches weniger, als dass sie sie verbessert.

Zusammenfassung

Der Beitrag der Wirtschaft zur Volksgesundheit wird unterschätzt. Die Wirtschaft schadet der Gesundheit um ein Vielfaches weniger, als dass sie die Volksgesundheit verbessert. Alle Gesundheitsdeterminanten werden von der Wirtschaft positiv beeinflusst: Der technologische Wandel im Gesundheitswesen ist ein wichtiger Treiber für bessere Behandlungsmöglichkeiten für prädisponierte Krankheiten. Das Versorgungssystem wird durch neue Operationstechniken und Behandlungsmöglichkeiten stetig ausgebaut. Dieser Wandel kann nur von der Wirtschaft zugänglich gemacht werden, sei es als Finanzierer oder als Übersetzer von technischen Errungenschaften in brauchbare Güter und Dienstleistungen. 70 Prozent der Volksgesundheit sind je zur Hälfe auf das Verhalten der Bevölkerung und auf die Lebensumstände zurückzuführen. Je reicher ein Land ist, desto gesünder sind die ­Lebensumstände. Die Wirtschaft schafft Wohlstand und Reichtum und ist deshalb hauptverantwortlich für die Verbesserung dieser Gesundheitsdeterminante. Läuft die Wirtschaft schlecht, dann steigen Arbeitslosigkeit und Armut und somit zwei wichtige Risikofaktoren für Krankheiten. Nur eine funktionierende Wirtschaft erhöht den Wohlstand, finanziert die Bildungsinstitutionen und ermöglicht Vollbeschäftigung. Gebildete Personen mit gutem Einkommen verhalten sich gesundheitsbewusst. Eine Wirtschaftspolitik, welche die Unternehmen entlastet, Arbeitsmöglichkeiten bietet, die Rahmenbedingungen verbessert und Innovationen zulässt, trägt deshalb stark zur Volksgesundheit bei. Wahrscheinlich verhindert ein hohes Wirtschaftswachstum sogar mehr Krankheiten als die meisten Arten der klassischen Krankheitsprävention.

Die Determinanten der Gesundheit sind gemäss Bundesamt für Gesundheit zu einem Drittel in der Genetik (10%) und im Versorgungssystem (20%) zu finden. Bereits in diesen 30 Prozent hat die Wirtschaft in der ­Vergangenheit zu einer besseren Gesundheit beigetragen. Der technologische Wandel im Gesundheitswesen ist ein wichtiger Treiber für bessere Behandlungs­möglichkeiten. Die Symptome vieler Erbkrankheiten können mit einer Enzymtherapie oder einer Kombination klassischer Präparate recht gut behandelt werden. Zudem stehen immer häufiger Gentherapien zur Ver­fügung. Das Versorgungssystem wird durch neue ­Operationstechniken und Behandlungsmöglichkeiten stetig ausgebaut. Dieser Wandel kann nur von der ­Wirtschaft zugänglich gemacht werden, sei es als Finanziererin oder als Übersetzerin von technischen ­Errungenschaften in brauchbare Güter und Dienstleistungen. Bleibt das Wirtschaftswachstum aus, so gehen auch die Ausgaben für Gesundheitsleistungen zurück. Die sieht man exemplarisch in Griechenland (vgl. Grafik). Als die Wirtschaft ab 2008 schrumpfte, musste auch der Gesundheitssektor mit weniger Geld auskommen.

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Ohne Wirtschaftswachstum schrumpft der Gesundheitssektor: Die Finanzkrise in Griechenland hat die Gesundheitsausgaben in vier Jahren um 23 Prozent sinken lassen. In der gleichen Zeit (2008–2012) sind die Ausgaben in der Schweiz um 25 Prozent gestiegen.

Arbeitslosigkeit birgt ein hohes Krankheitsrisiko. Es erstaunt deshalb wenig, dass die durchschnittliche psychische Gesundheit der werktätigen Bevölkerung um einiges besser ist, als jene von arbeitslosen Per­sonen. Gleiches gilt für die Bildung: Je höher das Bildungsniveau, desto gesünder lebt man. Bildung, Vollbeschäftigung und Wohlstand sind in hohem Masse von der Wirtschaft abhängig. Nur eine funktionierende Wirtschaft erhöht den Wohlstand, finanziert die Bildungsinstitutionen und ermöglicht Vollbeschäftigung.

 Healthy life expectancy 
(HALE) at birth (2012)
Tuberkulose pro 100 000 EinwohnerHuman Deve­lopment Index (HDI)BIP (IWF 2016)

Schweiz737,40,93959561
Südkorea73  5,10,90137740
Angola443700,533 6844
Republik Kongo50
379
0,592
 6676

Quellen: WHO, IWF, UNDP.

Wirtschaftliches Wachstum ist der 
Treiber für Wohlstand und Gesundheit1

Die übrigen 70 Prozent der Volksgesundheit sind je zur Hälfte auf das Verhalten der Bevölkerung und auf die Lebensumstände zurückzuführen. Bei den Lebensumständen ist der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Gesundheit evident. Je reicher ein Land ist, desto gesünder sind die Lebensumstände. Die Wirtschaft schafft Wohlstand und Reichtum und ist deshalb hauptverantwortlich für die Verbesserung dieser Gesundheitsdeterminante. Ein Blick in die Vergangen-heit unterstreicht diese These. Im historischen Vergleich geht es fast allen afrikanischen Ländern heute viel besser als der Schweiz zu Zeiten von Alfred Escher (1819–1882). Sie sind auch gesünder und haben eine ­höhere Lebenserwartung als damals die Menschen in der Schweiz. Noch im Jahre 1940 war die Säuglingssterblichkeit in der Schweiz auf dem heutigen Niveau von Namibia, Madagaskar und Sudan. Kenia und Südafrika haben die Säuglingssterblichkeit der Schweiz von 1950. Wirtschaftliches Wachstum ist essentiell für die Entwicklung des Landes. Stoppt das Wachstum, dann ­hinken alle Indikatoren bezüglich Gesundheit und Wohlstand hinterher. Südkorea ist heute auf Rang 30 der reichsten Länder der Welt. Hätte es seit 1980 kein Wachstum gehabt, wäre es zurzeit auf Platz 120 neben der Republik Kongo oder Angola. Entsprechend hat sich auch die Volksgesundheit in Süd­korea entwickelt (vgl. Tabelle).

Wer Gesundheitsindikatoren international vergleicht, sieht die Schweiz meistens unter den Topländern. Analog dazu sehen die Erfolge zur wirtschaftlichen Entwicklung aus. Dies ist kein Zufall, denn bei den Indikatoren zu den Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Wachstum ist die Schweiz ebenfalls spitze. Die Wettbewerbsindikatoren oder Indices zu Innovation, Freiheit, Offenheit und Bildung sind besser als in den meisten anderen Ländern. Wenn die Bildung der Bevölkerung gut ist, hat das dreifach positive Auswirkungen auf die Gesundheit: Das Bildungsniveau ist ein Gesundheitsindikator für sich. Gebildete Personen haben nämlich generell weniger Risikofaktoren als ungebildete. Zudem sind sie reicher, was zusätzlich der Gesundheit ­zuträglich ist, weil Armut ein Krankheitsindikator ist. Drittens ist ein gebildetes Land wirtschaftlich erfolgreicher, was die Gesundheit der gesamten Bevölkerung hebt. Es profitieren nicht nur die gebildeten und reichen Personen, sondern auch die anderen. Spiegelbild davon ist die schweizerische Armutsdefinition: Die Schweizer Armutsgrenze liegt bei 19 375 $ PPP. Von total 185 Ländern hat der Durchschnittsbürger in 124 Ländern weniger Geld zur Verfügung.2 Darunter sind Länder wie Bulgarien, Montenegro, Brasilien, China, Mexiko, Südafrika und die Philippinen. Kein Wunder, hat dort die Bevölkerung eine massiv tiefere Lebenserwartung als arme Personen in der Schweiz. Ähnliches gilt auch innerhalb der Landesgrenzen: Der Durchschnittsbürger der Schweiz hatte Ende der 80er Jahre ein Einkommen an der heutigen Armutsgrenze. 1950 musste der Durchschnittsbürger mit einem Budget auskommen, das nur halb so gross war wie jenes, das heute der ­Armutsgrenze entspricht.3 1920 war es nochmals die Hälfte davon. Prompt ist die Lebenserwartung heutiger, armer Personen etwa zwei Jahre höher als jene beim Durchschnittsbürger in den 80er Jahren!

Fazit

Man kann es drehen und wenden wie man will: Macht man sich über die Volksgesundheit Gedanken, so kommt man an der wirtschaftlichen Entwicklung nicht vorbei. Gesundheitsversorgung und sozioökonomischer Status hängen von der Wirtschaftsentwicklung ab. Deshalb gehört zu einer guten Public-Health-Strategie ­immer auch eine konsistente Wirtschaftspolitik. Diese muss die Wirtschaft administrativ und fiskal entlasten, Arbeitsmöglichkeiten bieten, die Rahmenbedingungen verbessern und Innovationen zulassen. Dadurch macht die Politik gleichzeitig etwas für die Volksgesundheit. Wahrscheinlich verhindert ein hohes Wirtschaftswachstum sogar mehr Krankheiten als die meisten ­Arten der klassischen Krankheitsprävention.

* Siehe zu diesem Beitrag auch das «Zu guter Letzt» von Anna Sax auf Seite 1274 dieser Ausgabe.

1 Hier ist von wirtschaftlichen Wachstum westlicher Prägung die Rede. Wirtschaftswachstum auf Basis von Staatskapitalismus oder einseitiger Rohstoffabhängikeit ist selten begleitet von Bürgerrechten und besserer Volksgesundheit.

2 Kaufkraftbereinigt.

3 Fr. 1100.– versus Fr. 2200.– (inflationsbereinigt).

Credits

Grafik: © economiesuisse; Quelle: OECD, Werte pro Kopf und in kaufkraftbereinigten US-Dollars

Korrespondenzadresse

Fridolin Marty
Hegibachstrasse 47
CH-8032 Zürich
fridolin.marty[at]
economiesuisse.ch

Literatur

– Bundesamt für Statistik (BFS)

– Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

– The Lancet: Healthcare Access and Quality Index based on mortality from causes amenable to personal health care in 195 countries and territories, 1990–2015: a novel analysis from the Global Burden of Disease Study 2015.

– World Health Organization (WHO)

– Boris Zürcher: Das Wachstum der Schweizer Volkswirtschaft seit 1920, in: Die Volkswirtschaft Das Magazin für Wirtschaftspolitik 1/2-2010, Seite 9–13.

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