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Die zwölfte Rippe

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05968
Veröffentlichung: 27.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(39):1272

Iris Ritzmann

Prof. Dr. med. et lic. phil., Mitglied der Redaktion Medizingeschichte

Erschuf Gott den Menschen aus Lehm? Oder war es doch die Rippe Adams, aus der Gott Eva schnitzte? Besassen Adam und Eva einen Bauchnabel, obschon sie keine Geburt erlebten? Gehört Schönheit stets zum menschlichen Körper, da der Mensch als Gottes Ebenbild erschaffen wurde? Solche und ähnliche Fragen ­beschäftigten in der ­Vormoderne nicht nur Theologen. Auch die ­medizinische Wahrnehmung und Beschreibung des menschlichen Körpers durften in Zeiten ­religiöser Zensurbehörden den kirchlichen Vorgaben nicht widersprechen. So bestätigt der Blick in einen Anatomieatlas, dass der männliche Körper lediglich elf Rippen aufweist. Die Rippen wurden sogar gut sichtbar durchnummeriert, um ja keine Zweifel an­ ­ihrer Zahl aufkommen zu lassen.

Das Bild ist Teil eines anatomischen Bildzyklus, der vermutlich in den Jahren um 1618 als Erstlingswerk des bekannten Barockarchi­tekten Pietro Berrettini, genannt Cortona, entstand. Der junge Cortona begleitete den Anatomen Giovanni Maria Castellani als wissenschaftlicher Zeichner. Da Castellani neben seiner Professur auch die Leitung des Ospedale Santo Spirito ­innehatte, stand ihm die Zerlegung der verstorbenen Spitalinsassen zu. Die Zeichnungen, auf denen Cortona die Toten als lebendige Präparate mit Sym­bolen der Vergänglichkeit oder vor Landschaften ins­zenierte, wurden zwar noch in Kupfer gestochen, doch erst über hundert Jahre später, in einer Zeit akuten Leichen­mangels, veröffentlicht. Obschon sich das Fach Ana­tomie inzwischen gewandelt hatte, riefen Cortonas grausig-schöne Bilder eine derart grosse Faszination hervor, dass der römische Arzt und Philosoph Fran­cesco Petraglia sie wenige Jahrzehnte später gleich nochmals in einem anatomischen Atlas herausgab.

Mit dieser Zweitauflage fand der anatomische Kunst­atlas als Buchtypus seinen glanzvollen Abschluss. Die natur­wissenschaftliche Orientierung der modernen Medizin brachte es mit sich, dass die emotional aufgeladenen Inszenierungen von nüchternen Illustrationen abgelöst wurden. Und die zwölfte Rippe tauchte auf. Allerdings zeigen auch moderne Anatomiebücher kaum je reale Leichenbilder, sondern stark idealisierte, meist männliche Körper von beinahe göttlicher Schönheit.

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Pietro Berrettini da Cortona, herausgegeben von Francesco Petraglia: Tabulae Anatomicae, 2. Ausg. Rom 1788, Tab. XIIII, S. 131, Sammlung Dr. Franz Käppeli.

Credits

Museum für medizinhistorische Bücher Muri (mmbm.ch)

Korrespondenzadresse

iris.ritzmann[at]saez.ch

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