Horizonte

Impf-Verstand und Vernunft

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.06016
Veröffentlichung: 18.10.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(42):1385–1386

Jann P. Schwarzenbach

Dr. med., Facharzt für Allgemeinmedizin, Mitglied FMH

In regelmässigen Abständen, und das nicht nur zur Grippezeit, ruft die Frage einer Durchimpfung der ­Bevölkerung, vor allem der Kinder und Jugendlichen, äusserst motivierte Befürworter und Gegner auf den Plan. Beide Seiten erheben durchaus Anspruch auf eine Form von Wissenschaftlichkeit, und dies mit einander oft diametral entgegengesetzten Argumenten. Eine Überbrückung des breiten, die beiden Lager entzweienden Grabens scheint aktuell kaum in Sicht. So ist es nicht Ziel dieses Aufsatzes, auf die Einzelheiten der Diskussion einzugehen. Es geht auch nicht um ­einen einseitigen Positionsbezug, obwohl ich zur Materie durchaus meine persönlichen Ansichten habe, die ich mir am Schluss erlauben werde auszudrücken.

Kreuzfeuer von Pro und Kontra

Wenn beim Meinungsaustausch gewisse Tatsachen durchaus plausibel untermauert werden können, sich aber gleichzeitig scheinbar ebenso akzeptable Elemente zu deren Verneinung auffinden lassen, so befinden wir uns in einer klassischen verstandesmässigen Pattsituation. Eine solche ist bei komplexeren Themen, im Rahmen von politischen, ethischen oder religiösen Debatten oft die Regel. In der eher nüchternen Medizin mit ihren eindeutig bestimmten Problemfeldern tritt sie aber eigentlich selten auf. Die Impfproblematik scheint also einen Ausnahmefall darzustellen, und umso interessanter könnte daher der Versuch sein, eventuelle Lösungswege aufzu­zeigen, die beiden Parteien und vor allem den gesundheitlichen Ansprüchen der Bevölkerung nach Mög­lichkeit gerecht werden könnten. In Frage käme beispielsweise der in der Politik bewährte Kompromiss. Es handelt sich dabei aber um einen Begriff, den wir im Rahmen unserer Gesundheit, wo es ans Lebendige geht, nur ungern akzeptieren. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, den fachlichen Disput mit einem dogmatischen Diktat zu ersticken, sei dieses nun schulmedizinischer oder eher weltanschaulicher Art. Dies würde die Frage «Impfen ja oder nein?» auf eine persönliche Bauchentscheidung reduzieren, nämlich jene, welchem der Streithähne eher Glauben zu schenken sei. Dies ist angesichts einer Problematik, die nicht nur die Seelenruhe des Einzelnen, sondern die ganze Gesellschaft angeht, völlig inakzeptabel. Als dritter Weg bliebe noch die Rückbesinnung auf unsere philosophischen Denker, die gerne schwierige Themen weitgefächert pro­blematisiert und ausgeleuchtet haben und trotzdem versuchten, dabei auf einer rationalen Ebene zu verbleiben.

Ohnmacht der Weisen

Die Definition des Menschen als «animal rationale», als Verstandes- und Vernunftwesen, geht auf Aristoteles zurück. Hinsichtlich unserer rationalen Fähigkeiten wurde schon von den antiken Denkern zwischen blossem Wissen und der umfassenderen Weisheit unterschieden. Immanuel Kant (1724–1804) hat diese Abstufung weiter vertieft. Er trennt den Verstand als kognitiv-intellektuelle, in der Wissenschaft sich bewährende Leistungsfähigkeit streng von der Vernunft ab, dem universelleren Vermögen, verstandesmässige Erkenntnisse richtig einzuordnen und als unter allgemeinen Prinzipien stehend zu denken. Der Verstand, so sicher er uns auch durch unseren Alltag führt, gerät bei kniffligeren Fragen, etwa zur Freiheit des Willens, zum Wesen der Welt, zum sinnvollen Aufbau der Natur oder zur Beschaffenheit und eventuellen Unsterblichkeit unserer Seele, bald in Bedrängnis und verharrt bei solchen Problemstellungen auf festgefahrenen, sich widersprechenden Standpunkten. Auch die Vernunft hilft da aber nicht unbedingt weiter, sie befähigt uns wohl zu Überlegungen, die über die verstandesmässige Sackgasse hinausreichen, liefert aber leider zu obgenannten Themen nur unbeweisbare Prinzipien und mögliche Arbeitshypothesen. Solche reinen Gedankenkonstrukte mögen unseren Drang zu umfassenderer Erkenntnis leiten und befördern, können uns aber weder ein­deutige Lösungen noch gesicherte Fakten anbieten. So greift also Kants Vernunftbegriff wahrscheinlich zu kurz, um entschiedene Bewegung in die oben ausgeführte, verkrustete Impfdebatte zu bringen. An dieser Aussage hätte sicher Friedrich Hegel (1770–1831) seine helle Freude gehabt. Dieser glaubte nämlich, er habe Kant übertroffen, und meinte in der Vernunft, so wie er sie im Rahmen seines idealistischen Denkens auffasste, den Schlüssel zur Auflösung aller im Verstandesgebrauch auftretenden Widersprüche gefunden zu haben. So beanspruchte er mit seiner Philosophie, auf jedem Gebiet endgültiges Wissen zu erlangen. Den Weg dazu erläutert er mittels seiner berühmten Dialek­tik, von deren oftmals etwas abenteuerlich erscheinenden Gedankengängen wir vielleicht behalten könnten, dass zumindest in komplexeren Themenkreisen ein rein logisch-intellektuelles, verstandesmäs­siges Denken nicht ausreicht. Zu wahrem Wissen und echter Wissenschaft bedarf es zusätzlich der Vermittlung unserer die Gegensätze aufhebenden und alles ordnenden Vernunft. Die Letztere, wie Hegel sie versteht, ist aber viel mehr als nur ein Vermögen unseres rationalen Denkens. Sie begründet und leitet als eine Art von Weltgeist die ganze Wirklichkeit, und so finden wir sie überall wieder, beispielsweise im Aufbau und in der Entwicklung der Natur und auch im Fortgang unserer Geschichte, im Bereich der Kultur, im Rechtssystem und im Staatswesen. Im Letzteren meint Hegel ein ganz besonders wertvolles Vernunftprodukt gefunden zu haben, es ist für ihn der Ort höchster Sittlichkeit und echter Verwirklichung der menschlichen Freiheit. Nicht nur diese Staatsverherrlichung hat ihm Kritik eingebracht, sondern die Kritik zielte vor allem auf seinen überspannten Vernunftbegriff, nach dem alles Wirkliche auch vernünftig sein soll. Eine solche Philosophie lädt geradezu ein zu Missbrauch und Schind­luderei. In diesem Sinne wurde Hegels Denken denn auch wiederholt zu einer Art Selbstbedienungsladen, wo sich für fast jeden Zweck eine passende Rechtfertigung finden liess. So könnten, um zu unserem Thema zurückzukommen, die Impfbefürworter vom Begriff der Freiheit ausgehen, dessen endgültige Verwirk­lichung unser Philosoph als das exquisite Ziel der Menschheitsgeschichte erachtet. So wäre es eigentlich unlogisch, unsere Befreiung vom Joch bedrohlicher Infek­tionskrankheiten von diesem Prozess auszunehmen. Die Ausmerzung, beispielsweise der Masern, als geschichtlich begründeter emanzipatorischer Akt? Es dürfte nicht leicht sein, sich einem solchen Gedanken dauerhaft zu entziehen. Die Gegner einer präventiven Immunisierung könnten im Gegenzug die infektiösen Kinderkrankheiten ebenfalls mit Hegel begründen, als eine verstandesmässig dem Gesundheitsbegriff zwar widersprechende, weltvernünftig betrachtet aber ihm zugehörige, notwendige Durchgangsphase. Um beim selben Beispiel zu bleiben: das Masernvirus also quasi als Bedingung zu voller Gesundheit? Das klingt zwar paradox, wäre aber schon Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Wird doch unser Immunsystem allgemein als lernfähig angesehen und könnte aus dem Sieg über eine Krankheit durchaus im Hinblick auf künftige Leiden gestärkt hervorgehen. Was ist nun Fake und was ist Fakt? Was ist schlussendlich Sache im Impfgerangel?

Und bist du nicht willig …

Da bei diesen Fragen auch die Philosophie offensichtlich versagt, könnten Impfentscheide doch noch zur persönlichen Glaubensangelegenheit werden. Der Arzt ist aber kein Priester und das Sprechzimmer kein Gotteshaus, wo jeder auf seine Art selig werden darf. So braucht es hier gesundheitspolizeiliche Lösungen, die mit gesetzgeberischen Massnahmen durchzusetzen sind. Ein möglicher, ganz persönlicher Ansatz, bestünde – nebst intensiver Aufklärung – in einer Kombination von individueller Impffreiheit des Erwachsenen und einem auf das wirklich Wesentliche beschränkten Impfzwang im Jugendalter. Vorschlag: mindestens Di-Te-Polio für alle und Rötelnimpfstoff für die Mädchen. Auch Hegel würde sicher seinen Segen zu einer solchen vom Staat verordneten Lösung geben, hat er diesen doch, wie schon weiter oben erwähnt, als Ort der Vernunft gepriesen, wo die beiden widersprüchlichen ­Aspekte, die Freiheit des Einzelnen einerseits und die legitimen Ansprüche der Gemeinschaft andererseits, auf umfassender Ebene aufgehoben sind.

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Jann P. Schwarzenbach
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