Briefe / Mitteilungen

Das (Kunst-)Fehler System

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.06027
Veröffentlichung: 27.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(39):1250

Dr. med. Roland Niedermann, 
Allgemeinmedizin, Genf

Das (Kunst-)Fehler-System

Der Schutz von Leib und Leben inklusive Gesundheit ist und bleibt oberste Aufgabe der Gemeinschaft. Die zuerst dafür Verantwortlichen sind der Verteidigungs- und der Gesundheitsminister. Sowenig die Landesverteidigung als individuelle Verantwortung dem einzelnen Bürger übertragen wird, sowenig ist der Schutz vor Volkskrankheiten die individuelle Aufgabe der davon betroffenen Opfer. Diese Einsicht liegt dem Epidemiegesetz zugrunde, dessen Erneuerung 2013 vom Volk gutgeheissen wurde.

Vor hundert Jahren dominierten die Epidemien der übertragbaren Krankheiten (CDs), heute die der nicht-übertragbaren Krankheiten (NCDs). Sind im ersten Fall die biolo­gischen Erreger die Nutzniesser, so sind es 
in den anthropogenen Epidemien Indus­trien, z.B. die Tabakindustrie, ihre Märkte und Händler. Nach jahrzehntelangem Ringen wies die medizinische Wissenschaft der Tabakindustrie nach, dass ihr Produkt für die menschliche Gesundheit schädlich und letztlich tödlich ist. Heute können diese «Epidemisten» ihr ­Geschäft nur noch als Beitrag zu Wirtschaftswachstum, Wohlstand (!) und gesunden (!) Staatsfinanzen samt AHV vermarkten. Jede diesbezügliche Einnahme geht auf Kosten der Volksgesundheit. Solange das Geschäft mit den menschengemachten Epidemien lukrativ ist, gewinnt der Staat zweimal: zum einen über die Besteuerung der Epidemisten, zum anderen über jene Steuern, die das lukrative Geschäft mit der Behandlung der modernen Volkskrankheiten generiert.

Als deren Nutzniesser haben weder Wirtschaft noch Staat ein ökonomisches Interesse, die anthropogenen Epidemien zu verhindern. Weder der Gesundheitsminister noch das BAG anerkennen in ihren Strategien die anthro­pogenen Epidemien. Somit stellen sie das Gesundheitssystem ausserhalb der wissenschaftlichen Medizin, die seit mindestens zwei Jahrzehnten die menschengemachten Epidemien der NCDs als grösste Herausforderung für die Gesundheitssysteme bezeichnet.

Bundesrat und BAG, aber auch die Krankenversicherer, die Gesundheitsindustrie und 
ihr Markt samt FMH sind solange angeklagt, ihren ersten Auftrag im Gesundheitswesen nicht zu erfüllen, als sie

1) nicht bewiesen haben, dass die medizinische Wissenschaft irrt, wenn sie die Diagnose «NCDs-Epidemie» stellt. Die Verantwortlichen müssen ihre Ablehnung dieser Diagnose begründen und die nationale und internationale Wissenschaft und die WHO öffentlich auffordern, ihren Irrtum nicht mehr zu verbreiten.

2) Sollte ihnen der Beweis nicht gelingen, so müssen sie erklären, warum sie sich einerseits auf die medizinische Wissenschaft stützen, um die Gesundheit vor den biologischen Epidemien (CDs) zu schützen, andererseits aber dieselbe Wissenschaft im Fall der NCDs-Epidemien ablehnen.

3) Sie müssen den Prämienzahlern nachweisen, dass es zweckmässiger und wirtschaftlicher ist und die Gesundheitskosten dämpft, wenn in die Eigenverantwortung investiert und die Epidemien behandelt statt verhindert werden.

Solange sie diese Fragen nicht beantwortet haben, ist das jetzige Gesundheitssystem unwissenschaftlich, willkürlich und parasitär in jenen 40% bis 50%, welche die vermeidbaren NCDs ausmachen, deren grosser Teil anthropogene Epidemien sind. Der (Kunst-)Fehler, Epidemien zu therapieren statt zu verhindern, führt zu Behandlungskosten, die in dem Masse parasitär sind, als sie mit einer zeit­gemässen Politik und ihrem Epidemiegesetz verhindert würden, einem Gesetz, das unserer obersten Verpflichtung entspricht.

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