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Horizonte

Henri Matisse – ­Maler, ­Zeichner, Patient

Felix Schürch

DOI: https://doi.emh.ch/10.4414/saez.2017.06068
Veröffentlichung: 11.10.2017
Schweizerische Ärztezeitung | Bulletin des médecins suisses | Bollettino dei medici svizzeri | 2017;98:41

Ernst Gemsenjäger-Mercier

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Die Krankheiten und Operationen von Henri Matisse

Eine medizinische Fallbesprechung und kunst­historische Abhandlung

EMH Schweizerischer Ärzteverlag, 2017.

84 Seiten, 13 Abbildungen. 24.50 CHF.

ISBN 978-3-03754-098-5

Henri Matisse (1869–1954) war einer der grossen stilbildenden Künstler des 20. Jahrhunderts. Zu seinem Leben und Werk gibt es unzählige Bücher, Biografien und Bildbände. Fotoaufnahmen zeigen uns den Künstler nicht selten im Rollstuhl oder im Bett, mit der Schere hantierend oder mit einem speziell verlängerten Pinsel malend. In den entsprechenden Publikationen werden verschiedene gesundheitliche Beeinträchtigungen erwähnt, unter anderem «ein Tumor im Darm». Für den an der Kunst und an der Krankengeschichte gleichermassen interessierten Arzt bleiben diese Berichte in medizinischer Hinsicht allerdings häufig vage und unbestimmt. Hier schliesst die Abhandlung von Ernst Gemsenjäger-Mercier eine Lücke. Der Autor kennt das Fachgebiet der Viszeralchirurgie aus seiner eigenen operativen Tätigkeit. Er kennt das Schicksal von Menschen mit schweren abdominellen Erkrankungen. Und er hat – aufgrund von besonderen familiärer Verbindungen – einen bevorzugter Zugang zu den «Archives Matisse» in Paris. Für seine «medizinische Fallbesprechung und kunsthistorische Abhandlung» konnte er Einsicht nehmen in ganz besondere Dokumente: in Operationsberichte, in die Korrespondenz des Künstlers und in persönliche Notizen. Ein herausragendes Kapitel in der Krankengeschichte des Künstlers sind die kolikartigen Bauchschmerzen, welche den Patienten während Monaten anfallsweise quälen und schliesslich im Januar 1941 zur Sigmaresektion führen. Der dabei von den Chirurgen in Lyon entfernte Tumor ist gutartig – ein Leiomyom der Darmwand. Die Operation und die Komplikationen im Verlauf werden jedoch zur Belastung für den 72-jährigen Patienten. Aber Matisse gibt nicht auf, er erholt sich zusehends. Die Nonnen der Clinique du Parc in Lyon nennen den renommierten Patienten aus Nizza neckisch den «Auferstandenen». Henri Matisse selber spricht von einem «zweiten Leben» und findet einen neuen und gewagten künstlerischen Ausdruck. Er malt und zeichnet, er experimentiert mit Schere und farbigem Papier. Das auf dem Cover des vorliegenden Buches reproduzierte Stillleben ist ein Beispiel für das kompromisslose Konzept des Künstlers: Die Gegenstände werden radikal auf einfache Formen reduziert, die ganze Komposition wird belebt mit harten Farbkontrasten und markanten schwarzen Flächen.

Eine Portion Neugier, verbunden mit der Fähigkeit zu Staunen – das ist die Würze im ärztlichen Arbeitsalltag. Die Fallbesprechung zu Henri Matisse von Ernst Gemsenjäger-Mercier befriedigt die professionelle Neugier ohne Einschränkungen. Gleichzeitig ist der schmale Band mit den medizinischen Informationen, den Selbstzeugnissen und den sorgfältig ausgewählten Abbildungen eine Einladung zum Staunen. Zum Staunen über die Ärzte, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen versuchten und dem Patienten beistanden. Zum Staunen über die gewaltige Entwicklung der Medizin und der Chirurgie im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Und zum Staunen über den Patienten Henri Matisse, der mit seiner Kunst – trotz seiner prekären Gesundheit – in unzähligen Variationen das Leben feierte.

Felix Schürch

Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Mitglied FMH

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