Briefe / Mitteilungen

Faktisches und Postfaktisches

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06388
Veröffentlichung: 17.01.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(03):61

Dr. med. Daniel Schlossberg, Zürich

Faktisches und Postfaktisches

Offener Brief an Herrn Bundesrat Alain Berset

Sehr geehrter Herr Bundesrat Berset

Zunächst möchte ich Ihnen herzlich gratulieren zur gelungenen Laudatio anlässlich der Verleihung des Salzburger Stiers an Hazel Brugger. Für einmal war die Laudatio geistreicher als die Dankesrede der Gewürdigten.

Dabei haben Sie, Herr Bundesrat, das postfaktische Zeitalter entlarvt. Die Rede hielten Sie, wenn ich mich richtig erinnere, im April 2017.

Zu diesem Zeitpunkt wussten Sie vermutlich noch nicht, dass Sie im gleichen Jahr harte Fakten im Ärztetarif TARMED würden schaffen müssen. Das war zweifellos eine wenig ­erbauliche Arbeit. Ihre Mannen im zuständigen Bundesamt für Gesundheit, einem Kader von verschiedensten Berufsrichtungen, unter denen pikanterweise meines Wissens einzig ein Vertreter der Medizin fehlt, haben zu meinem ­Erstaunen einen so differenzierten modifizierten Ärztetarif kreiert, dass dieser jeder praktischen Anwendung widersteht. Die Unüberschaubarkeit der Positionen wäre nicht anzuwenden, würde nicht der elektronische Validator permanent aufschreien, wenn wieder ein Eingabefehler gemacht wird. Mindestens so viel Zeit, wie die Sitzung mit dem ­Pa­tienten beansprucht hat, benötigt eine wirklich sachgerechte Verrechnung der erbrachten Leistungen. Dass wir nun bestimmte Leistungen im Minutentakt abrechnen, ist auch eine Verhöhnung unseres Berufsstandes schlechthin. Bestelle ich einen Sanitär nach Hause, so zahle ich eine satte Wegpauschale, und auch wenn die Arbeit in 10 Minuten erledigt ist, sind es im für den Kunden besten Fall mindestens 30 Minuten Arbeit, die verrechnet werden.

Nun, ich sehe durchaus ein, dass in der Anwendung des Sozialtarifs solche Verrechnungspraktiken vollkommen fehl am Platz wären. Meines Erachtens ist es schon äusserst grosszügig, dass wir für unsere älteren und ganz jungen Patienten etwas mehr Zeit zugestanden erhalten haben, als ursprünglich geplant. Und wenn ich berücksichtige, wie viel Zeit die Leistungserfassung beansprucht, dann macht es ja auch nichts mehr, wenn wir die letzten 15 Minuten unserer Sitzung, die nur um den Preis der Abwanderung des Patienten zu einem anderen Arzt hätte abgekürzt werden können, für Gotteslohn erbringen.

Dieses Faktische, das seit heute, 3. Januar 2018, über mich wie alle übrigen Berufskollegen herein­gebrochen ist, bestärkt mich in der richtigen Entscheidung, nämlich mich erst jetzt damit zu beschäftigen. Alles andere hätte den Jahresausklang 2017 nur belastet.

Und Sie, Herr Bundesrat Berset, haben mir mit Ihrer Rede zum Postfaktischen anlässlich ­jener Laudatio auch gleich den Schlüssel zur Lösung des Problems in die Hände gelegt. Ich führe doch einfach das Faktische ins Postfaktische über durch eine etwas vorgezogene Pensionierung. In diesem Sinn möchte ich ­Ihnen danken, dass ich nun weiss, was ich mir auf keinen Fall antun möchte: Kasperlitheater im Gesundheitswesen zu spielen und nicht zu wissen, ob ich der Kasper oder der Bösewicht sein möchte.

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