Tribüne

Replik auf den Beitrag von Dr. B. Sorg [1]

High Noon

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06420
Veröffentlichung: 14.03.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(11):359

Dominik Heim

PD Dr. med., Facharzt für Chirurgie, Mitglied FMH, Vorstandsmitglied Schweizerische Gesellschaft für Traumatologie und Versicherungsmedizin (SGTV)

Fast etwas (positiv) überrascht ist man von der Resonanz, die dieser halbseitige Artikel von Erich Aschwanden in der NZZ vom 1. Dezember 2017 provoziert hat [2]. Aber wie der Journalist im Vorfeld seiner Recherchen gesagt hat: Man weiss vom «Hausarztsterben» in den ländlichen und bergigen Regionen. Nur, dass auch die Kenntnisse in der gängigen Unfallversorgung abnehmen, nein, dessen ist man sich nicht so bewusst.

Auch aus eigener Erfahrung in ländlichen Praxen kann ich dies aber bestätigen. Gipsen, Röntgenbilder lesen, einfache Frakturen konservativ behandeln, Wundversorgungen machen, Arbeitsunfähigkeit korrekt attestieren, diese Fähigkeiten nehmen tatsächlich ab. Und man ist/war nicht unglücklich, einen Chirurgen im Praxisteam zu wissen. Aber der ist ja nicht immer da …

Die Ursachen für diese Entwicklung sind wohl vielfältig: Die zunehmende Spezialisierung in der eigenen Fachrichtung (ich gebe zu, dass ich als Chirurg auch keinen Diabetes einstellen kann, aber ein EKG beurteilen oder Ohren spülen, das ist mir seit dem Studium und aus der Assistentenzeit geblieben), das immer grös­ser werdende Fachspektrum, das fehlende Angebot, diese einfachen chirurgischen Tätigkeiten zu erwerben, und vielleicht auch die un­attraktive finanzielle Abgeltung dieser Tätigkeit – dies können mögliche Erklärungen sein. Werner Bauer, ­Präsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF), widersprach zwar dem Argument des fehlenden Angebots am Suva/SGTV-Symposium «Kontraste» vom 16. November 2017 an der Universitätsklinik Balgrist in Zürich, weil selbstverständlich die Möglichkeit bestehe, im Rahmen der Ausbildung zum Facharzt diese Fähigkeiten mit einem Jahr in der Chirurgie zu erwerben. Nur – im Gegensatz zu früher ist dies nicht mehr Pflicht. Und wissen denn schon alle zukünftigen Hausärzte, ob sie diese Kenntnisse später einmal brauchen werden?

Ich wage zu behaupten, dass man sich dieses Mankos in der Hausarztausbildung auch (noch) nicht ganz bewusst ist: Im Rahmen der Bekanntmachung des oben erwähnten Symposiums mit dem Thema «Traumaversorgung in ländlicher Umgebung» beschied man mir an einem Institut für Hausarztmedizin: «Für Ihre ak­tuelle Anfrage sehe ich leider keine Möglichkeit für eine Aufschaltung oder anderweitige Dissemination». Das Institut einer anderen Universität hat schon gar nicht reagiert, nur in Basel war man gerne bereit, diese Veranstaltung publik zu machen.

Es ist High Noon, nach dem gleichnamigen Western von Fred Zinnemann von 1952 mit Gary Cooper und Grace Kelly, der späteren Fürstin von Monaco. Es geht jetzt um nichts weniger als um die kompetente traumatologische Grundversorgung der ländlichen Be­völkerung. Thomas Lilti, der französische Regisseur, nannte diese Entwicklung, die zurzeit auf dem Land stattfindet, im Interview zu seinem Film Médecin de campagne [3] «la désertification de la campagne». Ob man dieser Entwicklung tatenlos, ja defätistisch zusehen muss oder ob man fünf vor zwölf (High Noon) noch eine Veränderung, eine Kursänderung vornehmen kann und will, hängt nicht zuletzt auch von realistischen Szenarien ab. Ein solches Szenario ist der modulartig aufgebaute Kurs «Kleine Traumatologie» der Schweizerischen Gesellschaft für Traumatologie und Versicherungsmedizin (SGTV), der sich in seiner Struktur an die erfolgreichen Kurse der SIM (Swiss Insurance Medicine) anlehnt. Ein erster ­Pilotkurs ist im Frühling dieses Jahres geplant. Danach soll dieser Kurs in einem weiteren Bericht in der SÄZ ­näher vorgestellt werden.

Korrespondenzadresse

heim.dominik[at]bluewin.ch

Literatur

1 Sorg B. Defizite in der Ausbildung von Hausärztinnen und Hausärzten. Fehlende Kompetenz am Bewegungsapparat. Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(11):356.

2 Der Artikel ist unter dem Titel «Weshalb Hausärzte Patienten mit einem Bruch ins Spital schicken» online zugänglich: www.nzz.ch/schweiz/junge-aerzte-sollen-gipsen-und-schienen-lernen-ld.1333401

3 Heim D. Le médecin de campagne – der Film. Schweiz Ärztezeitung. 2016;97(36):1249–51.

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