Briefe / Mitteilungen

Ob lebenswertes Dasein (dank Palliative Care) oder nicht – Hauptsache «selbstbestimmtes Lebensende»?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06552
Veröffentlichung: 14.03.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(11):340

Peter Süsstrunk, Arzt i.R., Seewis

Ob lebenswertes Dasein (dank Palliative Care) oder nicht – Hauptsache «selbstbestimmtes Lebensende»?

Brief zu: Kunz R, Rüegger H. Selbstbestimmtes Sterben als Herausforderung an die Medizin. Schweiz Ärtzezeitung. 2018;99(5):156–8.

Die ganze Argumentation erscheint inkonsistent. Zum Beispiel: Wieso zitieren die Autoren denn die Juristin R. Aebi-Müller (S. 157), die sinngemäss äussert, die Forderung nach Selbstbestimmung werde (im Sinne eines ungenügend begründeten Sachzwangs?) überstrapaziert – wenn sie den Vorteil eines späteren – statt früheren – Ablebens einem sich keineswegs aufdrängenden «neuen Paradigma» zuliebe in Frage stellen, als lohne sich ein noch lebenswertes Dasein nicht auf jeden Fall? Am besten die ganzen Argumentationsversuche («Eigenentscheidung am Lebensende», «Kunst des ­Ablebens», «planbares Ableben als Grundzug der modernen Gesellschaft», «therapeutisches Ableben» (!), «lebenswerter Hinschied (?) als gestaltetes Ableben») dadurch ersetzen, dass man auf die Lebensqualität i.S. des Behilflichseins zu einem erträglichen, weniger leidvollen Dasein dank Palliative Care achtet! Wenn durch letztere eine genügende Lebensqualität möglich ist, kann sich das Dasein noch lohnen, es sind noch neue Erfahrungen (anstelle eines «neuen», z.B. durch uneingestandene Entsolidarisierung bis zum sich scheinbar selbst legitimierenden Unterlassen von Hilfeleistung entstehenden Paradigmas in der Gesellschaft), neue Einsichten, sogar eine neue Freundschaft, die dem Dasein einen Sinn geben kann, möglich. «Bis dass – wenn schon – der Tod die beiden mit einander Befreun­deten ‘scheidet’» – dann hat es sich jedoch gelohnt, eine willkürliche «Eigenentscheidung» oder «Planung der (Lebens-)Zeit» vermieden zu haben. Wenn jemand sich – um ­irgendein «neues Paradigma», hinter dem der gesellschaftliche Wunsch nach sich selbst ­erlaubter Unsolidarität steht, nachzuvollziehen – gegen sein Dasein entscheidet, verpasst er vielleicht die Altersweisheit (falls es sie gibt) oder eine Lebenserkenntnis, eine Antwort auf eine «zeitlebens» gehegte persönliche Frage usw. Wie möchten die in die offenbar doch etwas unselige, weil fast schon verfängliche Wortschöpfung «Autonomie» (wörtlich «Sich sein eigenes Gesetz geben», als wäre man autistisch oder gar unfehlbar) verliebten Autoren ausschliessen, dass jemand, dem sie gemäss ihrer Sichtweise erklären, «wir müssen davon wegkommen, dass ein späterer Tod mit grosser Wahrscheinlichkeit ein besserer Tod sei» vielleicht doch noch eine Frage – die sie ihm allenfalls nicht beantworten können – hat?

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