Horizonte

Wortmeldungen eines Psychiaters

Zeitgeschichte trifft auf ­Seelenkunde

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06578
Veröffentlichung: 11.04.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(15):493

Felix Schürch

Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Mitglied FMH

Mario Gmür

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Psychiatrie in Bewegung

Wortmeldungen 1970–2017

Basel: Münsterverlag; 2018.

288 Seiten, 28 CHF.

ISBN 978-3-905896-81-7

Ein Aufsatz über schizophrene Menschen in der Hausarztpraxis bildet den Auftakt in einer Textsammlung, die unter dem Titel «Psychiatrie in Bewegung» kurze Erzählungen, Fachartikel, Referate und Interviews von Mario Gmür vereint. Erstmals veröffentlicht wurden diese Texte in den Jahren 1970 bis 2017 in verschiedenen Büchern, in der Ärztezeitung, der NZZ, der WOZ und weiteren Publikationen. Der Autor und Psychiater beschreibt im ersten Beitrag die Begegnung des schizophrenen Patienten mit seinem Arzt. Er skizziert die kommunikativen Klippen, die es zu umschiffen gilt. Er geht auf die handfesten Probleme rund um Medikation, Berentung und Klinikeinweisung ein. Im ruhigen Ton wendet sich hier der Psychiater an ein ärztliches Publikum, erklärend und bildhaft, ohne den Dünkel des allwissenden Experten. Seit der ersten Publikation des Textes in der Schweizerischen Medizinischen Wochenschrift sind Jahrzehnte vergangen. Die Psychiatrie hat sich in den letzten dreissig Jahren verändert. Man sucht jetzt neue Erkenntnisse bei der Hirnforschung. Man katalogisiert das Chaos, genannt «Leben», mit ausgeklügelten Nomenklaturen und Codierungen. Man behandelt heute die Patienten mit SSRI und atypischen Neuroleptika. Indes wird der Leser mit Erstaunen feststellen, dass dieser Aufsatz aus den 1980er-Jahren («Der Schizophrene als Partner in der hausärztlichen Behandlung») nichts Verstaubtes an sich hat. Der Text ist auch heute noch für jeden Arzt eine anregende Lektüre und erweist sich als hilfreich beim professionellen Umgang mit schizophrenen Patientinnen und Patienten.

Bei verschiedenen «Wortmeldungen» – so der Unter­titel des Sammelbandes – schlägt Mario Gmür einen ­anderen Ton an. Er warnt vor der Allgegenwart der ­modernen Medien («Negative Auswirkungen der Informationsgesellschaft») und beschreibt das Medien­opfersyndrom. Er klagt an: Zum Beispiel eine falsch verstandene Psychotherapie im Strafvollzug («Psychotherapeutische Zwangsjacke»). Er schämt sich für die Zunft der Gutachter («Elend und Verantwortung der ­forensischen Psychiatrie»). Er macht sich Sorgen angesichts vieler Entwicklungen in der Psychiatrie seit den 1990er-Jahren («Die Seele landet im Giftschrank»).

Psychiatrie ist eine medizinische Fachdisziplin mit mannigfaltigen Bezügen zu Gesellschaft und Politik. Das Thema «Narzissmus» beispielsweise ist heute in ­aller Munde. Hier klärt der Psychiater und Psycho­therapeut Mario Gmür auf. Im Gespräch mit dem Journa­listen erläutert er das Thema auf eine für Laien verständliche Art und Weise («Was ist Narzissmus?»). Bereits Geschichte sind viele Aspekte, die in den Fach– und Zeitungsartikeln zur Behandlung der Heroinabhängigkeit vorgestellt werden. Mitte der 1970er-Jahre entwickelte Gmür die ersten wegleitenden Konzeptualisierungen der damals umstrittenen Substitutionsbehandlung mit Methadon. Und im Jahre 1985 war die Forderung nach Spritzenabgabe für viele Politiker, Beamte und Bürger eine Provokation und alles andere als selbstverständlich («Spritzenabgabe an Fixer – eine dringliche Massnahme»).

Psychiatrie betrifft immer auch den Psychiater selbst, sozusagen den Menschen im Therapeuten. Folglich reichert Gmür seinen Sammelband mit persönlichen Erinnerungen an – von den ersten, kindlichen Erfahrungen mit der Psychiatrie («Weihnachtsferien im Irrenhaus Rosegg») bis zum Albtraum einer Antrittsvorlesung an der Universität Zürich («Die Probevorlesung»). Es sind Episoden mit vergnüglichem und kurzweiligem Lesestoff. Sie ergänzen in diesem sorgfältig aufgemachten Sammelband die Fülle von Texten, welche Fragen aufwerfen, aufrütteln und zur Reflexion anregen.

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