Briefe / Mitteilungen

Solidarität und Verantwortung im Gesundheitswesen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06918
Veröffentlichung: 11.07.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(2829):931

Dr. med. Walter Hess, Baden

Solidarität und Verantwortung im Gesundheitswesen

Noch haben wir in der Schweiz das weltbeste Gesundheitssystem, und die Schweiz ist das reichste Land. Zwei Tatsachen, auf die wir stolz sind. Nur: wie lange noch?

Die Krankenkassenprämien bringen das Budget der wenig Begüterten in schmerzhafte Enge. Für die Reichen sind die steten Verteuerungen kaum spürbar. Die berühmte Schere. Die Prämien sind noch nicht an die Höhe der Löhne oder der Vermögen gebunden. Bei den Steuern haben wir wenigstens eine Progression.

Das Gesundheitssystem ist eng an den Begriff der Solidarität gebunden. Genau so wie das Demokratieverständnis. Solidarität bedeutet ein Gefühl des Zusammengehörens von Individuen und äussert sich in gegenseitiger Hilfe und in Eintreten füreinander.

Unser Gesundheitssystem kostet im Jahr rund 80 Milliarden Franken. Es wird eng. Männiglich denkt ans Sparen, welche Handlung im Zeitalter des geforderten Wachstums in Vergessenheit geraten ist. Eine umschriebene Gruppe allein kann nicht sparen, will auch nicht, wenn das Umfeld nur zuschaut. Das hat unser tüchtiger Bundesrat Berset schmerzlich gespürt, als er die Spitzenverdiener der Ärzte nur schon aufs Korn nahm. Die Herde der Berufskollegen hat die schwarzen Schafe sofort und zornig beschützt, aber leider ohne Transparenz zu schaffen. Da ist doch etwas faul!

Wir müssen also alle zusammen sparen. Die Zweiklassenmedizin wird sonst doch sehr bald schon unwürdige Realität. Uns muss das Optimum genügen, das Maximum ist zu teuer und Wunschdenken.

Ich behaupte, dass wir in allen Bereichen sparen können. In den Spitälern sind junge Ärzte unabdingbar in die Kostenverantwortung einzubinden. In den Praxen soll endlich solidarisch Transparenz in bezug auf Arbeitszeit und Einkommen erstellt werden. Querdurch. Das erleichtert die ewigen Diskussionen und Unterstellungen. Die Medien sollen keine Fake-News verbreiten. Z.B. möchte ich jene Chefärzte persönlich kennenlernen, die für 12 000.– pro Monat (kürzlich publiziert) schuften. Dafür steht bei mir zuhause für den Fall ein Stuhl bereit. Wenn in Bern über das ­Sparen bei der Pharma nur gehüstelt wird, ­pilgern sofort Scharen von Lobbyisten in die Hauptstadt, um die an sich gute Idee im Keime zu ersticken. Und die erdrückende Werbung der Krankenkassen!

Übrigens: Fehldiagnosen und Überdiagnosen sind meiner Meinung nach eine Art Kunstfehler. Sie führen zu Angst und grossen Nachfolgekosten. Ich las im Dezember 17 unter «Leben und Wissen» in der AZ einen Artikel mit dem Titel «Ein einziger Messwert macht Schwangere krank». Die Geschichte einer im 6. Monat schwangeren, gesunden Frau. Man mass mehrmals den Blutzucker. EIN Wert war leicht erhöht. (Bei uns in der Praxis wäre er noch normal.) Man stempelte die Frau zur Diabetikerin mit allen Folgen: Diät, Gewicht, bis zu 4× täglich Blutzucker messen, ein Messgerät wurde abgegeben, eine Langzeitkontrolle ­geplant, ein Kaiserschnitt wurde empfohlen. Die Frau wechselte glücklicherweise den Arzt und hat am Termin ein gesundes Kind geboren. – So Publikationen sind Mist.

Ein grosses Sparpotential gibt’s natürlich an der Basis des Systems, nämlich bei den heutigen und zukünftigen Patientinnen und Pa­tienten: Mehr Eigenverantwortung, Medikamente ablehnen oder exakt einnehmen und – weniger Arztbesuche!

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