FMH

Nichtübertragbare Krankheiten – unterschiedliche Perspektiven

Carlos Beat Quinto

DOI : https://doi.org/10.4414/saez.2018.17023
Veröffentlichung : 15.08.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(33):1049

In dieser Ausgabe der SÄZ finden Sie zwei kurze Artikel zur Bedeutung von nichtübertragbaren Krankheiten, sogenannten Non-Communicable Diseases (NCD). Stellt man sich die NCD als riesigen Regenwald vor, so wird er im Artikel der Helsana mit gesundheitsökonomischem Fokus aus der Vogelperspektive betrachtet: Aus bestehenden Datenbanken wurden grosse Datenmengen analysiert. Zahlreiche Annahmen mussten nach bestem Wissen getroffen werden. Dahingegen steht der Artikel der Universitätsinstitute für Hausarztmedizin (UNIHAMs) eher für die Perspektive einer Forschungsexpedition im Regenwald: Kleinere, eigens für die Forschungsfragen erhobene Daten wurden analysiert und differenzierte Zusammenhänge beschrieben. Deckungsgleich sind die Befunde beider Artikel hinsichtlich der Bedeutung der kardiovaskulären und der psychischen Erkrankungen. In den Publikationen zum Forschungsprojekt der UNIHAMs finden sich ­neben zentra­len Erkenntnissen bezüglich der Komplexität von Multimorbidität auch wichtige Hinweise für eine weitere Sicht: die Public-Health-Perspektive. Tabak ist in der Schweiz der wichtigste ursächliche Faktor für die NCD, die 80% der Gesundheitskosten verursachen. Public Health gibt Hinweise darauf, weshalb der Regenwald wächst oder abnimmt.

Nun zu wichtigen, in beiden Artikeln beschriebenen nichtübertragbaren Krankheiten. Die Zunahme depressiver Störungen: Ist sie auch als Folge einer Gesellschaft mit dominantem Dienstleistungssektor und 
24-Stunden-Erreichbarkeit zu sehen? Aus Perspektive einer Regenwaldexpedition dürfen nicht alle «depressiven» Patientinnen und Patienten in denselben Topf geworfen werden: Je nach Art der «Depression» unterscheiden sich Behandlung, Ressourcenbedarf und Verlauf massiv. Sprechen wir über Rückenbeschwerden: Sie können einerseits – bei den wenigen körperlich hart arbeitenden Menschen in unserer Gesellschaft – durch Verschleiss hervorgerufen werden; andererseits aber auch – bei den vielen Personen mit sitzender Tätig­keit – durch Dekonditionierung der Rückenmuskulatur. Kommen wir zu den weitverbreiteten kardio­vasku­lären Erkrankungen und der Zunahme chronischer Lungenerkrankungen: Sind sie Ausdruck einer Gesellschaft, die Tabakwerbung schon für Kinder und Jugendliche mit dem Segen des Parlaments liberalisiert und sich um Folgekosten in Milliardenhöhe foutiert? Aus der Vogelperspektive wird deutlich, dass der Löwenanteil der ­Gesundheitskosten durch Krank­heiten ver­ursacht wird, die viele und somit uns alle ­betreffen.

Beide Artikel weisen bedingt durch ihren Aufbau auch blinde Flecken auf: Demenzerkrankungen manifestieren sich weniger in hohen akutmedizinischen Kosten als in sozialen Betreuungskosten. Da Multimorbidität in der entsprechenden Altersgruppe, in welcher De­menz­erkrankungen prävalent werden, eher die Regel als die Ausnahme darstellt, reicht eine rein soziale Betreuung aber niemals aus. Eine qualifizierte pflegerische und ärztliche Betreuung ist ebenfalls not­wendig. Dementielle Erkrankungen interagieren mit anderen Erkrankungen. So können Gespräche mit Pa­tienten und Angehörigen die Priorisierung sowie auch die Behandlung anderer Erkrankungen verändern. Solche Gespräche erfordern Zeit und Vertrauen.

Fortschritte werden dann erreicht, wenn sich die Vertreter der verschiedenen Perspektiven gemeinsam an einen Tisch setzen – mit Respekt für die jeweils anderen Perspektiven und deren Komplexität sowie auch im Wissen um die eigenen Limitationen. Nur aus dem Dialog heraus, mit Vertrauen und Transparenz, lassen sich valide Fortschritte erzielen. Eine isolierte Betrachtungsweise ist nur Wasser auf die Mühlen einer «Misstrauensgesellschaft», die, geleitet durch nicht valide Erkenntnisse, irgendwann an der Ineffizienz adminis­trativen Kontrollaufwands scheitert.

NCD haben in der Gesundheitsversorgung eine zen­trale Bedeutung. Ob das zweite Massnahmenpaket der NCD-Strategie «Prävention in der Gesundheitsversorgung» in die Richtung des ursprünglich publizierten Massnahmenplans geht, ist offen.

Wenn Sie Zeit dafür finden – die Lektüre der Originalartikel lohnt sich.

Dr. med. Carlos Beat Quinto, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes

Departementsverantwortlicher Public Health und Gesundheitsberufe

Kopfbild : © FMH