Briefe / Mitteilungen

Die Rede von «Körper-Seele-Einheit» – mehr als leere Worte?

Piet van Spijk

DOI : https://doi.org/10.4414/saez.2018.17121
Veröffentlichung : 12.09.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(37):1221-1222

Die Rede von «Körper-Seele-Einheit» – mehr als leere Worte?

Brief zu Egger J. Das biopsychosoziale Modell – in erweiterter Form eine solide Grundlage für ein zeitgemässes medizinisches Menschenbild. Schweiz Ärzteztg. 2018;99(35):1156–8.

Heute besteht Einigkeit darüber, dass das ­Maschinenmodell des Menschen überholt ist und durch ein neues, besseres ersetzt werden sollte. In diesem Zusammenhang wird in erster Linie das sog. biopsychosoziale Modell des Menschen (bps-Modell) in Stellung gebracht. Professor J. Egger gibt in seinem Artikel dazu eine spannende Übersicht. Es ist ihm hoch anzurechnen und zeugt von seiner philosophischen Grundhaltung, dass er dabei nicht nur die Vorzüge dieses gegenwärtig (zumindest in theoretischen Diskussionen) meistgebrauchten Modells des Menschen nennt. Er weist auch auf die Defizite hin und macht Verbesserungsvorschläge.

Prof. Egger ortet zu Recht eine Schwachstelle des bps-Modells darin, dass es nicht zu sagen vermag, wie man sich die Beziehung des ­Biologischen oder Körperlichen mit dem Psychischen vorzustellen hat. Da die beiden Bereiche voneinander grundsätzlich und vollständig verschieden sind, besitzen sie keine Kontaktstellen, über welche sie interagieren können. Um dieses Problem zu lösen, postuliert Prof. Egger, dass im Menschen Psyche und Körper eine Einheit bilden (sog. «erweitertes bps-Modell» oder «Theorie der Körper-Seele-Einheit»).

Der Mensch als «Einheit von Körper und Seele» tönt gut, bei genauerem Nachdenken öffnen sich damit aber eine ganze Reihe schwer überwindbarer Probleme. Im Menschen sollen so unterschiedliche Phänomene wie beispielsweise Knochenfrakturen (Bio/Körper) auf der einen und paranoide Gedankengänge bei einer Schizophrenie (Psyche) auf der anderen Seite ein und dasselbe, ein Einziges, eins sein? Macht das Sinn?

Es ist so, dass der Begriff der «Einheit» seit ­alters Verständnisprobleme bietet. Die vielen Organe, Zellen und Moleküle eines Menschen mögen zusammen ein wunderbares Ganzes bilden; sie sind eng verbundene Viele – eine Einheit oder ein Einziges sind sie aber nicht. Selbst eine vollkommene, aus reinem Gold geformte Kugel bildet keine Einheit. Sie besteht aus vielen Atomen, aus einem Innen und Aus­sen u.a.m. Irritierend zudem: Wird ein Gegenstand als Einheit erkannt, verliert er dadurch seinen besonderen Status der Einheit, indem er sich automatisch verdoppelt. Er ist jetzt nämlich erstens Gegenstand vor den Sinnesorganen des Erkennenden und zweitens Gegenstand in dessen Geist. Wirkliche Einheit, so scheint es, lässt sich nicht erkennen!

Dies soll nicht heissen, dass die Rede von der Körper-Seele-Einheit nur leere Worte sind. Was aber am Beispiel der Einheit-Problematik klar wird: Die Aufgabe, ein Menschenbild zu schaffen, das naturwissenschaftlichen, philosophischen und medizinischen Gesichtspunkten gerecht zu werden vermag, steckt voller Haken und Ösen und benötigt noch viel solide (Denk-)Arbeit.

Es ist heute in der Medizin selbstverständlich, dass für die Entwicklung neuer Hightech-Therapien ganze Heerscharen von Forschern arbeiten und riesige Summen an Forschungs­geldern eingesetzt werden. Die enorm wichtige Aufgabe, solide konzeptionelle Grund­lagen in der Medizin zu erarbeiten, wird demgegenüber fast vollständig vernachlässigt. Es ist an der Zeit, dies zu ändern.

Dr. med. et Dr. phil. Piet van Spijk, Luzern

Kopfbild : © Romeo 1232 | dreamstime.com