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Beratungsstellen für sexuelle ­Gesundheit: Zu Ihren Diensten!

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17259
Veröffentlichung: 05.12.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(49):1730-1732

Alain Pfammattera, Cate Essonb

a Verantwortlicher Leiter des Fachbereichs Beratung, Fachperson sexuelle Gesundheit der Beratungsstelle sexuelle Gesundheit – Familienplanung der Stiftung PROFA, Kanton Waadt. Diplom of Advanced Studies DAS in sexueller Gesundheit; b Stellvertretende ärztliche Leiterin der Beratungsstelle sexuelle Gesundheit – Familienplanung der Stiftung PROFA, Kanton Waadt, MBChB (Glasgow) MRCGP

Gemäss dem Schweizerischen Verhütungsbericht1 nimmt jede vierte Frau unter 50 Jahren die Pille. In den letzten Jahren rücken andere Methoden in den Vordergrund, und die Zahl der Frauen, die eine hormonfreie Verhütung bevorzugen, steigt. Behandelnde Ärztinnen und Ärzte wie auch Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit sind mit diesem neuen Trend konfrontiert. Um sicherzustellen, dass jede Person ihre Sexualität leben kann, ohne eine ungeplante Schwangerschaft zu riskieren, gilt es eine informierte Wahl zu ermöglichen und Frauen und ihre Partner über das gesamte Spektrum der Verhütungsmethoden zu informieren.

Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit

Im Zeitalter des Internets zirkulieren zahlreiche Informationen über Verhütung. Manche sind korrekt, andere nicht. Patientinnen gelangen mit vielen Fragen an ihre behandelnde Ärztin bzw. ihren behandelnden Arzt. Es braucht Zeit, diese Fragen zu beantworten und so die Wahl eines geeigneten Verhütungsmittels zu ermöglichen. Ärztinnen und Ärzte haben die Möglichkeit, ihre Patientinnen an eine Beratungsstelle für ­sexuelle Gesundheit zu verweisen. Die Beratungsstellen bieten meist kostenlose Informationen und Be­ratung durch Fachpersonen der sexuellen Gesundheit zur Empfängnisverhütung und weiteren Themen an. Sie sind in ihrer Region eng mit weiteren Fachstellen vernetzt. Für behandelnde Ärztinnen und Ärzte sind diese Stellen damit eine wertvolle Ressource. Beispielsweise können Patientinnen zur kostenlosen Beratung überwiesen werden, bevor die Ärztin oder der Arzt eine Behandlung vornimmt oder ein Rezept ausstellt. Die gute Zusammenarbeit zwischen behandelnden Ärztinnen bzw. Ärzten und den Beratungsstellen als eine Art Tandem kann eine optimale Versorgung der Patientinnen gewährleisten.

Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit und Familienplanung

In der Schweiz gibt es in allen Kantonen Beratungsstellen für ­sexuelle Gesundheit und Familienplanung (insgesamt 75). Diese gründen auf dem Bundesgesetz SR 857.5 aus dem Jahr 1981. Die Beratungsstellen bieten kostenlose, vertrauliche und individuelle Beratung an. Als Dachverband der Beratungsstellen ­leistet SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung.

www.sexuelle-gesundheit.ch/schwangerschaftsberatungsstellen

Im Auftrag der Kantone

Basierend auf dem Bundesgesetz über die Schwangerschaftsberatungsstellen haben die Kantone Beratungsstellen mandatiert, um eine kostenlose, vertrauliche und ergebnisoffene Beratung zu gewährleisten (siehe Kasten 3). Die Beraterinnen und Berater sind auf dem Gebiet der sexuellen Gesundheit qualifiziert. Rund die Hälfte der Stellen verfügen zusätzlich über medizinisches Personal, sei dies innerhalb oder ausserhalb der Stelle. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit bietet eine wertvolle Ergänzung in Bezug auf die Empfängnisverhütung. Ratsuchende Einzelpersonen oder Paare werden über die ganze Bandbreite der Verhütungs­methoden informiert und durch die Fachpersonen ­dabei unterstützt, Vor- und Nachteile abzuwägen und bewusst die für sie passende Wahl zu treffen. Für die medizinische Anamnese, das Ausschliessen von Kon­traindikatoren oder zur Verschreibung von rezeptpflichtigen Mitteln findet anschliessend eine Über­weisung an die Ärztin oder den Arzt statt, oder die Betroffenen vereinbaren selbständig einen Termin.

Mit neuen Lebensumständen oder im Laufe der Zeit verändern sich oft die Ansprüche einer Frau oder eines Paares an die Empfängnisverhütung. Es tauchen vielleicht Fragen und Zweifel an der bisherigen Verhütungsmethode auf. In diesem Fall haben behandelnde Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit, ihre Patientinnen an die Fachpersonen für sexuelle Gesundheit zu überweisen, um Unsicherheiten und neue Methoden zu diskutieren.

Diese Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen und Ärzten und den Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit ermöglicht eine optimale Betreuung der Patientinnen und ihren Partnern.

«Ich möchte natürlich verhüten!»

Immer häufiger suchen Frauen nach Alternativen zur hormonellen Verhütung. Sie äussern den Wunsch, auf Hormone zu verzichten, da sie diese über lange Zeit eingenommen haben oder sie nicht mehr vertragen.

Die spezialisierten Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit verfügen über das Wissen, die Erfahrung und die Zeit, um die verschiedenen Optionen (siehe Kasten 2) zu besprechen. Ängsten oder falschen Über­zeugungen kann mit stichhaltigen Informationen begegnet werden, so dass die Frau oder das Paar eine informierte Entscheidung treffen kann. Manchen Frauen wird durch das Beratungsgespräch bewusst, dass ihre bisherige Verhütungsmethode doch am besten zur aktuellen Situation passt. Andere entscheiden sich für eine neue Methode, die ihren Erwartungen besser entspricht. In Bezug auf die Compliance ist es wichtig, dass die Frau ihre Entscheidung basierend auf umfassender Beratung fällen kann.

In der Schweiz erhältliche nicht-hormonelle Verhütungsmittel
BarrieremethodenReversible Langzeitverhütung (LARC*)Sogenannt natürliche MethodenDefinitive Methoden
Kondom für Männer
Kondom für Frauen
Diaphragma mit ­spermizidem Gel
Portiokappe mit ­spermizidem Gel
Kupferspiralen:
klassisch

Kupferball

Gynefix®
Symptothermale Methode

LAM – Laktationsamenorrhoe-­Methode
Sterilisation des Mannes
– Vasektomie

– Sterilisation der Frau
* Long-Acting Reversible Contraception.

Fünf Gründe für eine Zusammenarbeit

Ausgebildete Fachpersonen

Die meisten Beraterinnen und Berater besitzen ein DAS (Diploma of Advanced Studies in der Westschweiz) oder einen MAS (Master of Advanced Studies in der Deutschschweiz) in sexueller Gesundheit. Sie sind qualifiziert, zu Empfängnisverhütung zu informieren und zu beraten. Ihr Fachgebiet deckt alle Aspekte der ­sexuellen und reproduktiven Gesundheit ab und ermöglicht eine ganzheitliche Beratung.

Zeitliche Ressourcen

Die Beratungen zu sexueller Gesundheit werden öffentlich finanziert und stehen der gesamten Bevölkerung offen. Im Bereich der Empfängnisverhütung können sämtliche hormonellen und nicht-hormonellen Methoden erklärt werden, so dass individuell diejenige gewählt werden kann, die sich in der jeweiligen Lebens­situation am besten eignet.

Individuelle Beratung

Grundsätzlich ist jeder Mensch in der Beratung willkommen. Die Fach­personen legen besonders Wert auf die sorgfältige Beratung von Jugendlichen, Menschen in sozialen oder finanziellen Notlagen sowie Menschen mit ­Migrationserfahrung.

Kompetentes medizinisches Personal

Die Hälfte der Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit sind medizinisch ausgerichtet und bieten die Dienste von Gynäkologinnen sowie Allgemeinmedizinern mit breiter Erfahrung auf dem Gebiet der sexuellen Gesundheit an. Diese medizinischen Fachpersonen stehen ihren niedergelassenen Kolleginnen und Kol­legen für spezifische Auskünfte zur Verfügung. Das Team der ärztlich dotierten Beratungsstellen für se­xuelle Gesundheit umfasst auch medizinische Praxis­assistentinnen, die über grosse Erfahrung in diesem Bereich verfügen.

Sex-i.ch in elf Sprachen

Für Ihre fremdsprachigen Patientinnen und Patienten: Diese spezielle Website von SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz informiert über alle Verhütungsmethoden, Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch, Anatomie der ­Geschlechtsorgane von Frau und Mann sowie sexuell über­tragbare Infektionen. In Zusammen­arbeit mit Fachpersonen aus den Beratungsstellen werden die Informationen regelmässig ­aktualisiert oder neu entwickelt, wie zum Beispiel die aktuelle Ergänzung zu «hormonfreien Verhütungsmethoden». Die Informationsblätter können als PDF-Dateien in allen elf Sprachen an Patientinnen und Patienten abgegeben werden. www.sex-i.ch

Zusammenarbeit mit Dolmetschenden

Damit jede Person mit ihren Anliegen verstanden und angemessen informiert werden kann, können die Stellen bei der Beratung von Fremdsprachigen professionelle Dolmetschende einsetzen. In verschiedenen Kantonen sind diese Dolmetschenden speziell in Fragen der sexuellen Gesundheit geschult.

SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz

ist der Dachverband der Beratungsstellen, Fachorganisationen und Fachpersonen, die im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und der Sexualaufklärung in der Schweiz tätig sind. Sie ist Partnerin des Bundesamtes für Gesundheit bei der Umsetzung des Nationalen Programms HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (NPHS). SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz engagiert sich auf nationaler sowie auf internationaler Ebene für eine umfassende Sexualaufklärung und die Promotion und Einhaltung der sexuellen Rechte. SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz ist akkreditiertes Mitglied der International Planned Parent­hood Federation (IPPF).

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1 A. Späth, C. Schneider, L. Stutz, S. Tschudin und E. Zemp Stutz (2017). Schweizerischer Verhütungsbericht
(Obsan-Dossier 59). Neuenburg: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan).

Credits

© Iakovenko123 | Dreamstime.com

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Korrespondenz:
Alain Pfammatter
Alain.Pfammatter[at]profa.ch
Tel. 021 631 01 18

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