Horizonte

Minute age

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17471
Veröffentlichung: 23.01.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(04):100

Zeno Schneider

Dr. med., Mitglied der FMH

«Das muss doch zu beweisen sein», denkt er sich. Er will es endlich wissen. Er stellt den Wecker zehn Minuten früher und legt die Kleider für den kommenden Tag griffbereit zurecht. Er schläft die ganze Nacht. Am Morgen schiesst er aus dem Bett. Er fläzt sich im Bad kaltes Wasser ins Gesicht, bevor er in die Küche wirbelt und schwungvoll ein Glas Milch leert. Er kaut noch den zweitletzten Bissen Brot, als er die Türe hinter sich schliesst. Die ­beiden Treppen fliegen unter seinen Tritten. Er rennt zur Haltestelle, erreicht das Tram noch im letzten Moment. Ohne die übliche Begrüssung macht er sich im Büro gleich an die Arbeit. Hochkonzentriert, zielgerichtet, energiegeladen, und immer ­darauf bedacht, jeden, aber wirklich jeden Arbeitsschritt zu beschleunigen. Pausen und die Mittagszeit werden von ihm heute absichtlich gekürzt. Am Nachmittag spürt er, wie Freude in ihm aufkeimt an diesem Schwung, an dieser zeitsparenden Verkürzung. Minute um Minute tropfen zusammen und vereinen sich zu Zeitgewinn. Das Konto füllt sich, er empfindet tiefe ­Zufriedenheit. Feierabend und Heimweg verwirbeln im Zeitraffer. Daheim hastet er weiter. Sein Nachtessen dauert knapp halb so lang. Er überfliegt die Börsenkurse bewusst kürzer als sonst. So muss der Beweis gelingen.

Punkt Mitternacht beendet er seinen Versuch.

Als er gespannt auf seine Uhr schaut, ist es genau ­­­24.00 Uhr.

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Zeno Schneider

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Sturmhöhe
CH-8847 Egg
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