Horizonte

Schwarze Pädagogik

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17506
Veröffentlichung: 13.03.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(11):404

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Im Dezember 2015 weihte der französische Staatspräsident ein Monument des Fraternisations in Flandern ein. Rund hundert Jahre vorher war es im ersten Kriegsjahr 1914 zwischen Briten und Deutschen zu einer weihnächtlichen Verbrüderung gekommen. Die Soldaten sangen Weihnachtslieder, zündeten Kerzen an, be­nützten das Niemandsland als Fussballfeld und überreichten einander kleine Geschenke. Der Grabenkrieg hatte die Illusion eines raschen Sieges zunichte­gemacht. Die Todeskandidaten wollten so rasch wie möglich nach Hause. Die Heeresleitungen tolerierten diese einmalige Entgleisung. Danach drohte das Kriegsgericht, und mit dem Wahnsinn der Mate­rialschlachten ging der letzte Rest von humanen Gewohnheiten verloren. ­Offizielle Stellen haben dieses Ereignis damals nicht erwähnt. Es blieb bei diesem einmaligen Störfall militärischer Machtlogik.

Der Begriff der Schwarzen Pädagogik ist ein Kampf­begriff, den Erziehungsreformer gegen autoritäre Strukturen vorbrachten, die durch harte Disziplin und ­Strafen den Eigenwillen der Kinder brechen wollten. Chauvinismus, Feindeshass, Todesmut und unbedingter Gehorsam sind dem Menschen nicht angeboren. Man kann diese Eigenschaften einem Machtapparat zuordnen, der durch Drill und Indoktrination indi­viduelle Wünsche unterdrückt, um an Leib und Seele abgehärtete Untertanen heranzuzüchten. Im ­Über­eifer mögen die Pioniere einer neuen Pädagogik übertrieben haben. Doch zumindest im zivilen Bereich haben kreative Methoden eine Fülle an erfolgreichen, kindergerechten Lösungen umgesetzt.

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Erhalten geblieben ist die Schwarze Pädagogik in geschlossenen Gesellschaften wie Militär, Sekten und ­Diktaturen. Ein extremes Beispiel von Todesmut und Kriegsbegeisterung beschreibt Lukas Bärfuss in seinem Essayband Krieg und Liebe am Beispiel des 25-jährigen ­Sakurai in Port Arthur, wo 1904 an die hunderttausend Soldaten der Armeen Russlands und Japans den Tod fanden. Der Fahnenträger seines Regiments verliert ­einen Arm und wird bis an sein Lebensende an seiner Sehnsucht nach Verschmelzung festhalten: «Die bis anhin nur beschworene Einheit der Körper wurde nun offenbar, die Männer versammelten sich in der Garnison um den Leib des Tenno – die Vermählung mit dem gottgleichen Regenten würde nun vollzogen werden.» Ein Leit­faden für Schulungs- und Gruppenleiter, Propagandisten und Zirkelleiter der DDR beschreibt ausführlich die Methoden und Prozesse in der Ausbildung von Soldaten und Unteroffizieren: «Ideologie und Pädagogik bilden eine dialektische Einheit, in der die Ideologie das Primat hat.» Das Handbuch dürfte in angepasster Terminologie für alle Ausbildner aller Armeen gültig sein. In abgeschotteten, hierarchischen Systemen, die keinen Widerspruch dulden, sind diese Ziele leichter zu er­reichen. Sekten und fana­tische Religionsgruppen funktionieren nach der gleichen Logik. Der innere Zusammenhalt wird durch starke Feindbilder und Abgrenzung nach aussen erreicht. Der Einzelne hat sich bedingungslos dem Kollektiv zu unterwerfen. Er allein zählt nichts, die Gemeinschaft ist alles. Die Idee, einem übermächtigen Ganzen anzugehören, die das Selbst in den Dienst einer höheren Sache stellt, kann auch zu Nächstenliebe und tätiger Hilfsbereitschaft befähigen. Doch hochgespannte Ideale können leicht in Fanatismus umschlagen, besonders wenn der Gegner dämonisiert wird. Die Schwarze Pädagogik fördert das Bedürfnis, sich willig den Normen einer Gruppe zu unterwerfen. Die eigene Identität findet eine Erfüllung in den Erwartungen der anderen.

Die kurze Episode an der Westfront in Flandern entlarvt jede Rechtfertigung zynischer Planspiele und blutiger Auseinandersetzungen als absurden Denkfehler. Die meisten Menschen wünschen sich ein eigenes Leben, das nicht auf Kosten anderer geht. Dazu braucht es eine offene Gesellschaft mit all ihren Freiräumen, Widersprüchen und Kompromissen.

Credits

Erhard Taverna

Korrespondenzadresse

erhard.taverna[at]saez.ch

Literatur

– Bendrat A, Freudenreich K. Politische Schulung. Berlin: Militär­verlag der DDR; 6. Auflage 1987.

– Bärfuss L. Krieg und Liebe. Göttingen: Wallstein Verlag; 2018.

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