FMH

Zahlenspiele

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17513
Veröffentlichung: 23.01.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(04):70

Yvonne Gilli

Dr. med., Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortliche Digitalisierung / eHealth

Zahlenspiele sind gerade Mode. Wie üblich bei Spielen gibt es Gewinner und Verlierer. Gewinner sind zufällig meist diejenigen, welche die Spielregeln definieren. Verlierer sind ausgewählte Gruppen von Ärztinnen und Ärzten.

Ende Oktober des vergangenen Jahres publizierte das Bundesamt für Gesundheit sein Zahlenspiel zu den Ärzteeinkommen [1]. Nach längeren Rechenkünsten hinter den Kulissen gelang es dem Bundesamt darzulegen, dass die Hälfte der frei praktizierenden Fachärztinnen und -ärzte über ein jährliches Einkommen von über 257 000 Franken verfügt. Die ganz grossen Abzocker wurden namentlich an den Pranger gestellt. Es sind dies die Neurochirurgen und die Gastroenterologinnen. Etwas positiver in der Beurteilung lagen die angestellten Fachärzte. Auch sie sind aber nicht zu bedauern, kommt doch ebenfalls bei diesen die bessere Hälfte noch auf ein Einkommen von über 197 000 Franken.

Bereits im Frühherbst präsentierte Lukas Brunner, der Leiter Wirtschaftlichkeitsprüfungen von tarifsuisse ag, sein Zahlenspiel zu den Kosten, welche die ärztliche Komplementärmedizin zu Lasten der obligatorischen Krankenversicherung verursacht [2]. Auch ihm gelang es, mit einer geschickten statistischen Analyse zu zeigen, dass komplementärmedizinisch tätige Ärztinnen und Ärzte signifikant mehr Kosten verursachen als ihre schulmedizinisch tätigen Kollegen. Der öffent­liche Aufschrei erfolgte erst kurz vor Weihnachten, als die am Kundenevent von tarifsuisse präsentierten Zahlen den Medien zugespielt wurden.

Einige Gemeinsamkeiten weisen diese beiden Zahlenspiele auf. Beide widersprechen mit ihren Resultaten vorliegenden Analysen aus verlässlichen Datenquellen, ohne dass sie dies differenziert thematisieren. Während die vom BAG in Auftrag gegebene Studie einzig darauf hinweist, dass frühere Analysen die zunehmende Teilzeittätigkeit nicht berücksichtigt hätten und nicht genügend repräsentativ gewesen seien, ­erwähnt die Analyse von tarifsuisse mit keinem Wort frühere Ergebnisse. Interessant zu wissen ist, dass das BAG in seiner Kommunikation mutig Resultaten einer aktuelleren Datenerhebung vom Bundesamt für Sta­tistik widerspricht. Herr Brunner von tarifsuisse ignorier­t sowohl die etwas älteren Resultate des Programms Evaluation Komplementärmedizin [3] als auch eine aktuelle holländische Studie [4].

Weder das BAG noch tarifsuisse haben gelogen. Für beide Studien wurden Indikatoren gewählt, welche statistisch ausgewertet zum jeweiligen Resultat führen. Beide Studien präsentieren diese Resultate als Aussage, ohne zu fragen oder zu hinterfragen. Es stellt sich die Frage, ob es sein könnte, dass den Analysen eine Absicht unterlegt ist. Könnte es sein, dass Bundesrat A. Berset eine Legitimation braucht, um mit dem nächsten subsidiären Tarifeingriff die ärztlichen Dienstleistungen schlechter zu entschädigen? Könnte es sein, dass die Verantwortlichen der Krankenver­sicherer eine Legitimation brauchen, um die komplementärmedizinischen Leistungen als Businessmodell in die Zusatzversicherungen aufzunehmen? Kein schlechter Nebeneffekt, wenn es gelingt, mit dem Zahlenspiel nicht nur die Richtung vorzugeben, sondern auch noch einzelne Ärztegruppen gegeneinander auszuspielen: «divide et impera.»

Literatur

1 https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/aktuell/news/news-29-10-2018.html

2 Komplementärmedizin in der OKP: Eine statistische Analyse der Kosten, Kundenevent von tarifsuisse, 18. September 2018, Bern. Lukas Brunner, Leiter Wirtschaftlichkeitsprüfungen, und Boris Kaiser, B.S.S. Volkswirtschaftliche Beratung.

3 Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK). D. Melchart, F. Mitscherlich, M. Amiet, R. Eichenberger, P. Koch. 2005, Schluss­bericht.

4 BMJ open: A 6-year comparative economic evaluation of healthcare costs and mortality rates of Dutch patients from conventional and CAM GPs. Baars EW, et al. BMJ Open 2014;4:e005332. doi:10.1136/bmjopen-2014-005332

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