Horizonte

Folgegeschichte über die Frau eines Aspergers [1]

Der ideale Mann

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17841
Veröffentlichung: 26.06.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(26):909-911

Alessia Schinardi

Dr. med., Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie, Mitglied FMH

Die Frau des Aspergers kommt schon seit einigen Sitzungen zu mir in Behandlung. Ein gewisses Vertrauen mir gegenüber besteht, wie ich glaube, denn ich als ­Therapeutin mute ihr nicht zu viel zu: Als Therapieziel hat sie sich eine neue Tasche von ihrem Mann kaufen lassen, eine Louis Vuitton, aber ich merke sofort, dass etwas vorgefallen ist. Als brave depressiv-strukturierte Frau muss sie sich zuerst entschuldigen, sich Vorwürfe machen, usw. und ich darf weder sagen: «veniamo al sodo / Kommen wir zur Sache» noch gähnen.

So lasse ich sie anfangen:

«Ich weiss ja, dass ich mich nicht über meinen Mann beschweren soll! Sie haben mir erklärt, dass ich eine grosse Freiheit geniesse. Es nervt mich aber, dass er sich nicht entschuldigen kann, dass er sich über Kleinigkeiten ex­trem aufregt und aus einer Mücke einen Elefanten macht, einfach aus Prinzip. Vor Kurzem redete er nur noch in Sprichworten: ‘Wer den Cent nicht ehrt, ist des Dollars nicht wert!’ Ich habe die Nase voll von seinem Geiz, und deswegen hatte ich einen Anfall von Einkaufswut diese Woche.»

«Gut», interveniere ich mit einem Augenzwinkern, denn das mit dem Shopping ist ein anderes Kapitel.

«Wenn er so redet, muss ich an meinen Grossvater denken.»

Ich nicke empathisch.

«Wissen Sie, ich weiss, dass ich nicht perfekt bin, und verlange auch von meinem Partner keine Perfektion, aber es ist immer dasselbe! Man weiss schon, was er sagen wird, bevor er den Mund aufmacht. Mir kommt es vor, als sei ich mit einem alten, geräuschvollen Kühlschrank ver­heiratet! Ich höre ihm gar nicht mehr zu! Wie sagen Sie: Abwehrmechanismus! Dies hat aber Nebenwirkungen. Diese Woche hat er mich gefragt: ‘Gehst du heute ohne Mütze raus?’ Und ich habe entgegenkommend ja gesagt. Ich dachte, er fragt schon noch mal nach, wie er auch immer noch einmal fragt, ob ich alle Lichter ausgeschaltet habe. Doch dieses Mal nicht. Fast hätte ich mir eine Erkältung geholt, bei diesem Wetter ohne Mütze!»

70% Überhören was er sagt müsste reichen, kalkuliere ich im Kopf, sage aber nichts. Vielleicht verpasse ich dabei etwas … und prompt:

«… kein Geschenk,

keine Überraschung,

kein Kompliment,

kein Small Talk,

Sie haben mir beigebracht, all diese Sachen bei meinem Mann nicht zu erwarten.»

«Ah, ja?»

«Psychoedukation haben Sie es genannt.»

Dann will ich einmal zufrieden sein, denke ich, mit dem, was mir zugeschrieben wird.

«Aber ich vermisse einen Mann, der mich zum Lachen bringt, mit dem ich vielsagende Blicke tauschen kann, ­einen Mann, der mich unterhält.»

Unterhält, hat sie gesagt. Sie möchte einen Mann, der sie unterhält nach all den Kriegen für die Chancengleichheit, dem Kampf gegen die Vorurteile, gegen Sexting. Sie verdient sogar mehr als er. Dann realisiere ich, dass sie nicht meint, einen Mann, der sie finanziert, che la man-tenga, sondern einen Mann, der sie amüsiert, che la intra-t-tenga. Wie komisch die Sprache doch sein kann! Es geht aber sowieso immer um halten.

Ich muss verblüfft ausgesehen haben, denn sie erklärt weiter:

«Mir fehlt der Flow, die Komplizität …»

Jahrtausende Untergebenheit im Tausch für Komplizität? Als ob man sie fassen könnte, denke ich.

«Verstehe.» Als sie anfängt zu weinen, kann ich mich nicht mehr zurückhalten. «Insomma, was ist passiert?»

«Eigentlich eine gute Sache, aber ich fühle mich im Nachhinein so schlecht dabei.»

Die Klientin erzählt von einem Sonntagsausflug mit den alten Kolleginnen. Schönes Wetter auf der Wiese, die Brise in den Haaren, alle sind Grill-Experten bla, bla, bla …

«Wie im Film», sage ich mit dem Blick meinend: andiamo al sodo.

«Nichts Besonderes eigentlich.»

Depressive minimieren alles, ich bleibe empathisch.

«Der Mann einer Kollegin, Bradley Cooper ähnlich, hat mir quasi den Hof gemacht, ich durfte mit ihm kokettieren.»

Bradley Cooper hat sie gesagt?

«Und ihr Mann?», frage ich, während ich denke: und ihr besitzergreifender Mann?

«Oh, habe ich das nicht erwähnt?!? Er war gar nicht da!»

Auf einmal beneide ich sie.

«Mein Mann war beruflich unterwegs. Was für ein Glück! Wissen Sie, vor vielen Kollegen kann ich ihn nicht ‘prompten’, wie Sie sagen. Bei meiner Mutter oder seiner Mutter geht es noch, bei Gruppen wird es zu kompliziert, wobei ich manchmal denke, er macht es extra, dass er meine Hinweise zu den verschiedenen Kollegen verwechselt! Wenn er gefragt wird, sagt mein Mann ­unverblümt seine Meinung und kann sehr beleidigend werden.»

«Verstehe.»

«Ich fühlte mich beim Picknick wie ein grosses Mädchen, habe unbeschwert mit dem ganzen Körper gelacht! Kennen Sie das Gefühl, wenn jedes Wort ein Grund zum Kichern ist? Es war ansteckend, wir konnten nicht aufhören! Wir waren eine harmonische Gesellschaft, alle haben gleich mitgemacht, kein Missverständnis, nur Humor, Kinder inbegriffen. Meine Kolleginnen haben die ganze Zeit miteinander geschwatzt, und die Männer haben die Kinder und mich unterhalten und ­gegrillt. Ich habe nichts anderes gemacht, als Komplimente zu empfangen. Ich habe den Kindern Märchen vorgelesen, und die Kollegen haben spontan ­zwischendurch eine Erwachsenenversion erzählt, ohne dass die Kinder etwas davon mitbekamen. Kennen Sie das?»

«Und ob!», rufe ich aus – die Klientin reisst mich mit ­ihrer Interaktivität aus meinen Gedanken – ich war gerade dabei festzustellen, dass ich dem Versuch nicht widerstehen kann, wenn ich etwas vorlese, die jeweilige Geschichte etwas zu «bereichern» bzw. kreativer zu interpretieren.

«Dann habe ich angefangen, die Geschichte auf meine ­eigene Art vorzulesen, verstehen Sie? Mit Andeutungen für Erwachsene. Es war so lustig!»

«Schön!» Die Synchronisierung der Gedanken erkläre ich ihr ein anderes Mal, beschliesse ich.

«Am Ende des Tages war ich angenehm verschwitzt, mir schmerzten die Wangen vom Lachen und ich fühlte mich sanft müde, ich fühlte mich …»

«Glücklich, meinen Sie», sage ich ermutigend.

«Ist es falsch, ein wenig vom diesem Flow im Alltag spüren zu wollen? Ein wenig Geborgenheit, Familienjargon? Was meinen Sie?»

Die Klientin schaut mich fragend an, und ich komme aus meiner eigenen Trance mit Bradley Cooper ­heraus, setze das professionelle, empathische Lächeln auf.

«Sie finden, alle Ihre Kolleginnen sind glücklicher als Sie, wenigstens in Bezug auf die Partnerwahl?», sage ich, während ich überlege, ob ich ihre Kolleginnen bzw. ­deren Ehemänner wenigstens zum Teil nicht schon kenne. Zumindest erscheint es mir nach ihrer Schilderung, als ob ich diese fröhliche Gesellschaft direkt vor mir sehn könne.

Jetzt bin ich aber dran:

«Sie wünschen sich einen Mann, wie ihn Ihre besten Freundinnen haben», sage ich ernst.

Sie weint jetzt erneut.

«Okay, wissen Sie, nach Ihrer lebendigen Schilderung kann ich die fröhliche Gesellschaft vor mir sehen, fast spüre ich die Brise in den Haaren.»

Hier setze ich eine spannende Pause, warte, bis die Klientin mit einem Schluckauf das Weinen unterbricht: Sie weiss, jetzt kommen die Weisheitsperlen.

«Wir Therapeuten haben das Privileg oder den Fluch, dass wir kurze Zeit in die Intimsphäre anderer Leuten schauen dürfen und …» – spannungsgeladene Pause – «... uns wird öfter das Verhalten in der Freizeit erzählt … wir versuchen aber alle Lebensbereiche eines Menschen gleichermassen in unsere Schlussfolgerungen einzubeziehen und nicht nur eine punktuelle Performance …» Jetzt habe ich etwas Kompliziertes gesagt. Die Klientin schaut mich mit ­einem verwunderten, aber leeren Blick an.

«Neurotypische Menschen können eher eine gute First Impression abliefern. Sie schneiden kurzfristig gut in den Augen Dritter ab. Autisten hingegen muss man erst kennen, man muss sie längerfristig, nicht punktuell einschätzen.»

«Ah, so!»

«Anders gesagt, die Mussestunde entspricht oft nicht der besten Seite der Autisten. Sie sind oft mit der Unstruk­turiertheit der Freizeit überfordert, verstehen nicht den Sinn von ziellosem/belanglosem Zusammensein.»

«Ah, so!»

«Neurotypische hingegen zeigen in der Freizeit die beste Seite oder – anderes gesagt – können sich in einer sehr sozi­al erwünschten Art verhalten und so einen besseren Eindruck erzielen.»

«Ah, so!»

– Pause –

«Es ist uns Therapeuten bekannt, dass Neurotypische in verschiedenen Situationen sehr unterschiedlich erlebt werden können und zum Beispiel der im Alltag anstrengendste Chef als Lieblings-Sonntags-Vater auftreten kann, den ganzen Tag Witze erzählt und dann denselben Mit­arbeitern am Montag kündigen wird.»

«Oh!»

Die Klientinverharrt einen Augenblick mit offenem Mund. Jetzt hat sie aufgehört zu weinen, fühlt sich in der leeren Luft hängend, unbeholfen. Was ich sage, überzeugt sie nicht und hilft ihr auch nicht weiter.

«Sie haben vorhin erwähnt, dass Ihr Mann aus einer Mück­e einen Elefanten macht.»

Sie nickt.

«Und ich habe gesagt, dass wir über einen privilegierten Blickwinkel in Bezug auf das Leben unserer Klienten verfügen.»

«Jawohl!», antwortet sie prompt als gute Klientin, obwohl ihr der Zusammenhang fehlt.

«Jetzt zaubern wir, und Sie werden zu einer Mücke oder einer Fliege. Wählen Sie aus, was Sie werden wollen: eine Biene, eine Wespe … und Sie werden sehen, was Ihre Kolleginnen und deren Männer in Wirklichkeit treiben.»

«Wie?»

«Sie gewinnen diesen Blick hinter die Kulissen, den Blick auf den Alltag, den wir Therapeuten haben oder erfahren, auch wenn der Betroffene sich dessen nicht bewusst ist.»

«Wie?»

«Lassen Sie die Magie wirken: Seien Sie eine Mücke für ­einen Tag, schauen unbemerkt, was so zu Hause bei Ihren Kolleginnen mit den begehrenswerten Ehemännern passiert.»

Die Klientin sagt nichts mehr, sie fliegt weg. Wohin? Man braucht nicht zu fragen:

Der erste Besuch ist bestimmt bei der in der Nähe lebenden Kollegin, die deren Mann mit Geschenken überhäuft. Die Mücke sieht sie allein vor dem Fenster sitzend, sie schluchzt vor einem Stapel unbezahlter Rechnungen. Der Mann postet dauernd Fotos von ­seinen Wanderungen in den Bergen auf Facebook.

Die nächste Kollegin, die an der Reihe ist, hat gerade Dienst im Spital. Ihr Mann ist zu Hause im Ehebett … mit der drittbesten Kollegin.

Bei der vierten Kollegin, die so furchtbar verliebt in ­ihren Mann ist und entsprechend eifersüchtig, so dass sie ihn nicht aus den Augen lassen kann, schläft dieser von leeren Flaschen umgeben. Die Kollegin schaut aus dem Fenster nach der Sonne, spricht leise am Telefon mit ihrer Mutter und erzählt dieser, dass ihr Mann gerade duscht, da sie bei diesem wunderbaren Wetter bald zu einer schönen Wanderung aufbrechen wollen. Sie solle deswegen entschuldigen, wenn sie heute nicht zu Besuch kämen.

Eine weitere Kollegin will duschen und bittet ihren Mann, ein Auge auf die Kinder zu haben. Er klebt am Handy, sieht nicht einmal zu ihr auf, sondern schaut sich Pornofotos im Internet an. Die kleine Tochter der beiden zieht an der Tischdecke, und das fallende Messer verletzt sie an der Stirn. Das Mädchen bemerkt es jedoch nicht, aber das Brüderchen sieht das Blut und fängt an zu schreien. Bald schreien beide. Der Vater versucht die Kinder zu beruhigen, ohne aufzuschauen.

Die nächste Kollegin ist nach zehn Jahren Ehe noch wie am ersten Tag verliebt. Wenigstens hier muss es doch so sein, wie es scheint! Das Ehepaar will gerade für ein Wochenende wegfliegen, eine Überraschung von ihm. Aber was ist das? Sie stecken im Stau, da er vergessen hat, den Strassenverkehr bei der Reiseplanung zu berücksichtigen! «Es war sowieso ein Last-Minute-Preis! Never mind», sagt er, während er seine Frau leidenschaftlich küsst. «Ich muss dir ausserdem gestehen, dass ich meine Papiere zu Hause vergessen habe, hoffen wir, dass die Verkehrspolizei da drüben uns nicht anhält.» – «Oh, Schatz», erwidert sie, «das ist echt ein Abenteuer!»

Die letzte Kollegin schläft noch ruhig, ein Lächeln auf ihren Lippen. Der so leidenschaftliche Mann schläft an ihrer Seite. Endlich! Dann sieht die Mücke die blauen Flecken am Hinterkopf, an den Armen und Schultern. Die Mücke besinnt sich, dass sie die Freundin nie mit kurzen Ärmeln gesehen hat.

Es gebe noch andere Kolleginnen zu besuchen, aber müde kehrt die Mücke zurück.

Ich bin ganz gespannt: «Na?», frage ich, den Zauberstab noch in der Hand: «In welchen der Ehemänner soll ich ­Ihren Mann denn nun verwandeln?»

Die Klientin seufzt und ich predige – in der Lehrerinnenrolle fühle ich mich jedes Mal wohl:

«Auflistung der Ressourcen Ihres Mannes:

Er ist nie krank

100% berechenbar

hilfsbereit

er ist immer da, wo er sein soll

er macht keine Geschenke, aber auch keine Schulden.»

«Ich will kein Geschenk, wenn er sich deswegen verschulden muss!», unterbricht mich die Schülerin bzw. Klientin. «Ich will auch keine Überraschung, wenn ich auch die negativen Überraschungen in Kauf nehmen muss.»

Ich muss seufzen, als sie meine Lektion unterbricht, manchmal gehen mir die Depressiven auf die Nerven.

«Kein Schätzli, kein Schmusen, aber auch keine Schläge!Ich bin immer die einzige für ihn, vielleicht nicht die Schönste, aber die Einzige! Betrügen würde er mich nie!»

Ich lächle resigniert und tröste mich mit dem Gedanken an Sokrates’ Mäeutik.

«Keine Romantik, aber einfach Sex.» Sie errötet und verstummt, denn hierüber haben wir nie geredet. Ich weiss aber die Abstinenten von den Aktiven zu unterscheiden.

Das Telefon klingelt: Der nächste Klient ist da.

«Zusammenfassend», sage ich und erhebe mich, als weiteres Signal, dass heute keine Verlängerung drin ist, «weiter so!»

«Wie meinen Sie das?»

«Sie sollten unbedingt mehr Freizeit ohne Ihren Mann mit Neurotypischen verbringen, denn die Sozialisierungs­bedürfnisse Ihres Gatten können wir ungefähr so viel ver­ändern wie die Tatsache, dass Sie eine Frau sind und Ihr Mann eben ein Mann.»

«Wissen Sie, ich wünsche mir halt doch immer noch einen neurotypischen Mann. Ein wenig Witz im Alltag würde auch nicht schaden, aber im Grunde genommen habe ich Glück gehabt und ich behalte meinen alten komischen Vogel!»

Das geschilderte Patientengespräch ist fiktiv und wurde aus Therapiesitzungen mit unterschiedlichen Patientinnen und Patienten zusammengestellt.

1 Schinardi A. Der tägliche Asperger. Schweiz Ärzteztg. 2018;99(37):1246–9.

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