Horizonte

Aktuelle Ausstellung im Landesmuseum Zürich

Sündenböcke

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17906
Veröffentlichung: 26.06.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(26):913

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 führte ein Jahr später zum «Jahr ohne Sommer», zu Missernten und Hungersnöten, vor allem in der Ostschweiz. Schuld ­daran waren für viele die neumodischen Blitzableiter. Nur mit Mühe gelang es, Ausschreitungen gegen die ­Besitzer zu verhindern.

Die Ausstellung zum Thema Sündenbock thematisiert das Töten und Opfern von Menschen, vor allem in ­Krisensituationen, aber auch bei Dankesfesten und ­Begräbnissen. Sie beginnt mit dem Pharao Ramses II., der zu Ehren des Gottes Atum einem Kriegsgefangenen den Schädel zertrümmert, und führt zu zahlreichen Schädeln der Bronze- und Eisenzeit, als Pfahlbauer und Kelten die Opferungen rituell durchführten. Ein Opfermord legitimiert Gründungsgeschichten, wie bei Romulus und Remus, wie bei Kain und Abel. Vasen und Gefässe der griechischen Antike illustrieren das Gewaltpotential der Mythen am Beispiel des Mino­taurus, dem in Pestzeiten Jünglinge und Jungfrauen ausgeliefert wurden, sie erinnern an Medea, Iphigenie und Orpheus. Tieropfer als Menschenersatz waren nicht einfach durchzusetzen, auch wenn schon der ­Senat des alten Roms dies versuchte und der Codex Theodosianus diesen Brauch 400 Jahre später ausdrücklich verbot. Die Römer ersetzten die Opferung Kriegsgefangener durch das Spektakel der Gladia­torenkämpfe. Die Aussteller benennen den folgenden Parcours Die opferlose Zeit. Die Thora und die Bibel versuchen die Gewaltspirale zu durchbrechen, der Sündenbock wird stellvertretend in die Wüste gejagt. Die Passionsgeschichte erzählt mit grossen Holzfiguren vom Leidensweg des Nazareners. Ein Gott, der mit seinem Tod die Menschen von ihren Sünden erlöst. Und es geht weiter, heisst es gleich danach. Epidemien, ­Hunger, Armut und unerklärliche Vorfälle rufen nach Schuldigen. Die Folter liefert schnelle Resultate. Die Verbrennungen von Hexen und Juden stabilisieren die christ­lichen Gemeinschaften. Die Neuzeit überträgt das Gewaltmonopol dem Staat. Das Fallbeil sorgt für Gerechtigkeit. So weit, so verständlich.

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Ausgesuchte Vasen und Gefässe aus der Antike zeigen das Gewaltpotential der Mythen.

Die moderne Gewalt wird mit einer Porträtserie von Einzelopfern präsentiert. Zu jedem Bild wird der Tat­hergang erzählt. Eine Gruppenvergewaltigung mit ­Todesfolge, ein rassistischer Lynchmord, Suizid aufgrund von Internetmobbing, eine Vorverurteilung in den Medien usw. Neidgetriebene Menschen brauchen den Furor, heisst es dazu. «Momente, in denen sich die demokratische Lebensform, wie zur Entspannung, auch einmal eine Hetze gönnt», wird Peter Sloterdijk zitiert. Die unterschiedlichsten Gewaltopfer werden hier über einen Leisten geschlagen. Hätte es nicht bessere Beispiele gegeben, etwa die Millionen des Holocaust und des Gulags, die dem Rassen- und Klassenwahnsinn geopfert wurden? Ruanda, Kambodscha oder Burma hätten weit besser in das Sündenbock-Schema gepasst.

Am Ende sollen Inspirationstexte weiterhelfen. Die ­Besucher sitzen auf Bänken und blättern in Textsammlungen. Diese thematisieren vor allem den Neid als ­gesellschaftliche Kraft. Das Erwachen im Reich der ­Eifersucht, formuliert nach Sloterdijk, die Frage an das 21. Jahrhundert: wie die Moderne ihr Experiment mit der Globalisierung der Eifersucht wieder unter Kon­trolle bringen will. Als Wortbereiter für den Neid als ­Impuls zum Sündenbock-Ritual gilt René Girard (1923–2015), Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Religionsphilosoph. Seine 1987 verfasste Buch­these Der Sündenbock, die soziale Dynamik vorwiegend auf den Neid reduziert, wurde sehr kontrovers aufgenommen. Der Prophet des Neids erlebt zurzeit eine Neuauflage. Vielleicht weil Neid ein ideales Totschlagargument liefert. Wer am Wohlstand etwas ­aussetzt, ist neidisch, die gilets jaunes treibt der Neid, Klimademonstranten sind neidisch auf die Vielflieger usw. Etwas ratlos fliehen die Besucher über das gewaltige Treppenhaus, vorbei an den vielen Bullaugen, ins Erdgeschoss, das Neu- und Altbau verbindet.

Ausstellung Sündenbock, Landesmuseum Zürich, 15.3.–30.6.2019

Credits

Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Korrespondenzadresse

erhard.taverna[at]saez.ch

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