Horizonte

Komplexe Welten

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18053
Veröffentlichung: 14.08.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(33):1094

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Auch die 69. Nobelpreistagung ist ein Aufmarsch der Superlative: 39 Nobelpreisträger und 580 Nachwuchswissenschaftler aus 89 Ländern diskutieren über Physik. Schwerpunkte sind der Nachweis, der von Einstein vorhergesagten Gravitationswellen, Hypothesen zur schwarzen Materie und schwarzen Energie, Anwendungen der Laserphysik in Medizin, Fertigung und Forschung, Graphene und Nanotechnologie. Eine Sorge, die fast täglich zur Sprache kam, war die Gefährdung der internationalen Zusammenarbeit zwischen forschenden Nationen. Die Herkunftsliste der angereisten Teilnehmer lässt ahnen, wie fragil diese wissenschaftlichen Netzwerke sind. «Angriffe auf die Forschung schaden der Gesellschaft», erklärte der Astrophysiker und Nobelpreisträger George F. Smoot. An Beispielen erwähnt er den mächtigsten Mann der Welt, der den Klimawandel leugnet, Impfgegner, die eher Verschwörungstheorien glauben und Kreationisten, die in den USA, die Darwins Evolutionstheorie aus den Schulbüchern verbannen wollen. In jüngster Zeit höre er bei Vorträgen viel häufiger als früher, dass der Urknall gar nicht sein könne, weil er der Bibel und dem Koran widerspreche.

Gemäss der «Dialektik der Aufklärung» werden die Schatten dunkler, je heller das Licht scheint. Themen der Wissenschaft, Technik und Medizin sind zwar im Alltag immer bedeutender, gleichzeitig weiss niemand mehr, wie die Dinger tatsächlich funktionieren. Eine zunehmende Entfremdung zwischen Nutzniessern und Hochschulen ist die Folge dieser zunehmenden Komplexität. Mehr Kommunikation soll den Abstand überbrücken. Fast zeitgleich zu Lindau trafen sich in Lausanne über tausend Wissenschaftsjournalisten aus 60 Ländern am World Congress of Science Journalists WCSJ. Ein anspruchsvoller Spagat, soll Wissensthemen einer jungen Gene­ration übermitteln, die häppchenweise simple Bot­schaften auf Youtube und Instagram konsumiert. Das Interesse daran wäre, gemäss vielen Umfragen vorhanden, aber wer keine Bücher liest wird Mühe haben sich auf anspruchsvollere Inhalte zu konzentrieren.

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39 Nobelpreisträger und 580 Nachwuchswissenschaftler aus 89 Ländern haben sich vom 30. Juni bis 5. Juli in Lindau (D) getroffen. Mehr Infos: https://www.lindau-nobel.org

Wie jedes Jahr sind viele junge Menschen unter blühenden Linden zu Gesprächsforen, Lektionen, Paneldiskussionen und Meisterklassen unterwegs. Auch an ge­sellschaftlichen Anlässen fehlt es nicht. Südafrika organisiert den Get-Together, es gibt den Grill and Chill im Toskanagarten und ein Abschlussdinner der Freistaates Bayern. Die Lindauer Zeitung kommentiert täglich diese Anlässe. Sonst lebt jeder in seiner Blase, die Einheimischen, die zahlreichen Touristen und das Jungvolk, das die Fackel des Wissens weiterträgt. Wie immer hat auch die «Ehemals Reichstädtische Bibliothek» im Rathaus passende bibliophile Kostbarkeiten ausgestellt. «Magnete, Luft und Kosmos» behandelt die Anfänge der systematischen Naturbefragung durch das Experiment und den Aufbruch der Physik zu neuen wissenschaft­lichen Ufern. Die Reise geht von Platon über Kepler zu Otto von Guericke und William Gilbert, der im neuzeitlichen Sinn Phänomene des Magnetismus beschrieb.

Die Geschichte verläuft nicht linear. Die Folianten in den Vitrinen erinnern an die unzählig wiederholte Mühsal menschliche Vernunft in finsteren Zeiten durchzusetzen.

Wer sich beim Traumfänger einer schöneren Welt erholen wollte, konnte im Kunstmuseum eine Friedensreich Hundertwasser - Ausstellung besuchen. Visionär, Aussenseiter, begabter Grafiker oder ein Meister des Kitsches. Die Meinungen sind geteilt. Vereinzelt sah man auch Kongressteilnehmer mit ihren grauen Filztaschen die vielen Bilder betrachten. Die Inspiration folgt ihren eigenen Quellen.

Credits

Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Korrespondenzadresse

erhard.taverna[at]saez.ch

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