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Nationales Programm für HIV, STI und virale Hepatitis

Synergien nutzen und HIV und ­virale Hepatitis vereint bekämpfen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18119
Veröffentlichung: 11.09.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(37):1219-1221

Für Hepatitis Schweiz: Philip Bruggmanna, Andreas Cernyb, David Fehra, Montserrat Fragac, Christophe Boesigerd, Olivia Keisere, Daniel Lavanchyf, Bettina Maeschlig, Francesco Negroh, Andri Rauchi, Claude Scheideggerj, Nasser Semmok

a Arud Zentrum für Suchtmedizin, Zürich; b Epatocentro, Lugano; c Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsspital Lausanne; d Schweizerische Hepatitis C Vereinigung SHCV, Zürich; e Institute of Global Health, Universität Genf; f Consultant, Denges; g Geschäftsführung Hepatitis Schweiz, Zürich; h Gastroenterologie, Hepatologie und Klinische Pathologie, Universitätsspital Genf; i Universitätsklinik für Infektiologie, Inselspital, Universität Bern; j Privatpraxis, Basel; k UVCM, Hepatologie, Inselspital Bern

Die Schweizer Hepatitis-Strategie hat – wie die Weltgesundheitsorganisation WHO – zum Ziel, Hepatitis B und C bis 2030 zu eliminieren. Damit ist gemeint, die ­Raten von Neuansteckungen und Folgeerkrankungen gegen null zu bringen. Alle Instrumente für die Elimination, sprich Präventionsmassnahmen, Therapien und Impfungen, sind vorhanden. Nun gilt es, die Versorgungslücken bei der Aufklärung, beim Testen und beim niederschwelligen Zugang zur Therapie zu füllen.

Virale Hepatitis kann schwere Lebererkrankungen verursachen. Hepatitis C erhöht zudem das Risiko für ­weitere chronische Krankheiten wie Diabetes oder ­extrahepatische Krebserkrankungen, unabhängig von einem allfälligen Leberschaden. Betroffene leiden oft unter Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, die die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen können. Das Virus ist, über Blut übertragen, hochansteckend, so auch beim Teilen von Rasierklingen und Zahnbürsten. Gleichzeitig bestehen erhebliche Versorgungslücken bei der Aufklärung, beim Testen und Impfen sowie bei der Behandlung (siehe Abb. 1). Dies, obwohl Hepatitis C einfach nachzuweisen und seit wenigen Jahren gut heilbar ist und Hepatitis B mit einer Impfung wirksam verhindert werden kann.

Es sterben in der Schweiz mindestens 200 Menschen pro Jahr an viraler Hepatitis, etwa gleich viele wie dem Strassenverkehr zum Opfer fallen (siehe Abb. 2). Die Dunkelziffer ist erheblich, die tatsächliche Mortalität ist wahrscheinlich noch deutlich höher [1]. Die Krankheitslast von viraler Hepatitis ist in der Schweiz vergleichbar mit jener, die durch HIV/Aids verursacht wird und erfordert daher entsprechende Ressourcen der öffentlichen Gesundheit.

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Abbildung 1: Die Hepatitis-C-Versorgungskaskade der Schweiz: Es bestehen erhebliche Lücken beim Testen und bei der Zuführung zur Behandlung (Quelle: Hepatitis Schweiz).

Eine einmalige Chance

Hepatitis B und C könnten als Belastung für unser Gesundheitswesen eliminiert werden. Damit haben wir die einmalige Chance, diese Infektionskrankheiten und ihre Folgen wirksam einzudämmen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2016 das Ziel gesetzt, virale Hepatitis als Belastung für die öffentliche Gesundheit bis 2030 zu eliminieren [2]. In der Schweiz hat die zivilgesellschaftliche Initiative Schweizer Hepatitis-Strategie eine Eliminationsstrategie auf Basis der WHO-Ziele ausgearbeitet und arbeitet an deren Umsetzung [3].

Die Schweiz ist zurzeit nicht auf Kurs, das Ziel der ­Elimination zu erreichen [4]. Die Nachweis- und Behandlungszahlen sind am Sinken. Sie müssten aber in den nächsten Jahren um etwa 30% steigen, um virale Hepatitis und deren Folgen bis 2030 zu eliminieren [4]. Die Hepatitis-B-Impfraten sind regional sehr unterschiedlich, aber im ganzen Land noch ungenügend.

Mehr Anstrengungen sind nötig: Es braucht deutlich bessere Aufklärung über virale Hepatitis auf allen Ebenen, mit besonderem Augenmerk auf Risikogruppen, die Allgemeinbevölkerung und die Hausärztinnen und Hausärzte, sowie zusätzliche Massnahmen beim Testen und konsequenteres Behandeln der Betroffenen. Für Hepatitis B sollten Impflücken geschlossen werden.

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Abbildung 2: Hepatitis-C- und HIV-bedingte Mortalität: Während in der Schweiz die ­Todesfälle aufgrund von HIV laufend zurückgehen, stagnieren die Sterbefälle aufgrund von Hepatitis C (Quelle: adaptiert nach [1]).

Kaum Mittel für den Kampf gegen ­virale Hepatitis

Aktuell wendet der Bund gemäss Antwort des Bundesrates auf eine Interpellation im Ständerat pro Jahr 300 000 Franken zur Bekämpfung von Hepatitis auf. Er konzentriere sich dabei auf die Population von Drogenkonsumierenden. Hepatitis C sei in der Strategie Sucht und Hepatitis B in der Impfstrategie verankert [5].

Lücken bestehen jedoch: Eine Untersuchung aus dem Kanton Aargau zeigt – trotz grossen Erfolgen in der Prävention – eine ungenügende Hepatitis-C-Versorgungssituation im Drogenbereich [6]. Zudem hat sich gemäss den Zahlen des BAG-Meldewesens nur die Hälfte aller Hepatitis-C-Betroffenen über Drogen­konsum angesteckt. Die andere Hälfte lag bislang nicht im Fokus der Bekämpfungsbestrebungen in der Schweiz.

Folgeerkrankungen im Fokus

Die Belastung des Gesundheitswesens durch Hepatitis erfolgt heute weniger durch Neuansteckungen als durch die Folgeerkrankungen, die durch virale Hepatitis ausgelöst werden. Bei der Primärprävention haben der Bund und andere Stakeholder erfolgreiche Arbeit geleistet. Um die Morbidität und Mortalität auch relevant zu senken, gilt es nun den Fokus zu erweitern und einen Schwerpunkt auf die Folgen der Infektionskrankheiten und die nicht behandelten und nicht diagnostizierten Betroffenen zu legen. Eine Epidemie vom Ausmass von Hepatitis B und C mit 300 000 Franken jährlich bekämpfen zu wollen ist unseres Erachtens ein Ding der Unmöglichkeit. Ohne ein nationales Programm mit entsprechendem Budget wird die Schweiz Hepatitis und seine Folgen nicht eliminieren können. Die von der Schweiz ratifizierte Global Health Sector Strategy für virale Hepatitis der WHO als auch die Europäische Gesellschaft für Lebererkrankungen (EASL) fordern die Länder auf, Hepatitis mittels eines nationalen Programms zu bekämpfen [2, 7].

Grosse Gemeinsamkeiten mit HIV

Unser Land ist international in der Bekämpfung von HIV führend. Die Gemeinsamkeiten zwischen HIV und Hepatitis sind gross. Beide Infektionen gilt es, global zu eliminieren: Die Zielgruppen überlappen sich stark, die involvierten Akteure sind in vielen Fällen die­selben. Um die Eliminationsziele auf eine effiziente Weise und mit überschaubarem Aufwand zu erreichen, sollte Hepatitis in bestehende Strukturen und Programme eingebunden werden, die heute der Bekämpfung von HIV/Aids und sexuell übertragbaren ­Infektionskrankheiten (STI) dienen. Dadurch können Synergien optimal genutzt werden. Eine gemeinsame Bekämpfung ist eine Win-win-Situation. Es überrascht daher nicht, dass die Integration von Hepatitis in HIV-Strukturen und -Programme einem internationalen Trend entspricht [8–10].

Das Wichtigste in Kürze

• Es sterben in der Schweiz mindestens 200 Menschen pro Jahr an viraler Hepatitis.

• Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2016 das Ziel ­gesetzt, virale Hepatitis als Belastung für die öffentliche ­Gesundheit bis 2030 zu eliminieren.

• Die Schweiz ist zurzeit nicht auf Kurs, das Ziel der Elimination zu erreichen.

• Es braucht deutlich bessere Aufklärung über virale Hepatitis auf allen Ebenen.

• Hepatitis Schweiz begrüsst die vom Bundesrat Ende August zur Annahme empfohlene Motion aus dem Ständerat mit der Forderung nach einem gemeinsamen HIV-, STI- und Hepatitis-Folgeprogramm.

Das seit 2011 bestehende «Nationale Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen» läuft 2021 aus. Aktuell laufen die Vorbereitungsarbeiten für das Folgeprogramm. Die Erkenntnisse der letzten Jahre bezüglich der Krankheitslast von Hepatitis B und C und die Gemeinsamkeiten der beiden Infektionskrankheiten drängen eine Integration von Hepatitis in dieses Folgeprogramm auf. Hepatitis Schweiz begrüsst daher die vom Bundesrat Ende August zur Annahme empfohlene Motion aus dem Ständerat mit der Forderung nach einem gemeinsamen HIV-, STI- und Hepatitis-Folgeprogramm und ist bereit, bei der Aus­arbeitung eines solchen Programms tatkräftig mitzuarbeiten [11].

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Hepatitis C ist tödlich – ­Hepatitis C ist heilbar

Am 9. September startet die neue Kampagne von Hepatitis Schweiz. Sie will auf die Gefährlichkeit von Hepatitis C aufmerksam machen – und gleichzeitig die gute Nachricht bekannt machen, dass Hepatitis C heilbar ist. Damit reagiert die Kampagne auf den Umstand, dass zu viele Patientinnen und Patienten – selbst diagnostizierte – nicht behandelt sind (vgl. Abb. 1).

Die Kampagne wird während einer Woche im September und anlässlich einer zweiten Welle Anfang 2020 online und in Behandlungszentren in der ganzen Schweiz sichtbar sein. Zum Kampagnenauftakt verteilen Betroffene und Freiwillige Blumen an den Bahnhöfen in fünf Städten an Passantinnen und Passanten und bringen so die gute Nachricht unter die Leute.

www.hep-check.ch

Korrespondenzadresse

PD Dr. med. Philip Bruggmann
Präsident Hepatitis Schweiz
Schützengasse 31
CH-8001 Zürich
Tel. 058 360 50 00
p.bruggmann[at]arud.ch

Literatur

 1 Keiser O, Giudici F, Mullhaupt B, Junker C, Dufour JF, Moradpour D, et al. Trends in hepatitis C-related mortality in Switzerland. J Viral Hepat. 2018;25(2):152–60.

 2 WHO. Global Health Sector Strategy on Viral Hepatitis 2016–2021. Geneva: World Health Organization, 2016. Contract No.: WHO/HIV/2016.06.

 3 Network SHS. Swiss Hepatitis Strategy 2014–2030: It’s time to act now. Process Paper – A Living Document. Zurich: Swiss Hepatitis, 2019.

 4 Mullhaupt B, Bruggmann P, Bihl F, Blach S, Lavanchy D, Razavi H, et al. Progress toward implementing the Swiss Hepatitis Strategy: Is HCV elimination possible by 2030? PLoS One. 2018;13(12):­e0209374.

 5 Müller D. Interpellation 19.3042: Mittel des Bundes für die ­Bekämpfung von viraler Hepatitis. Bern.

 6 Bregenzer A, Conen A, Knuchel J, Friedl A, Eigenmann F, Naf M, et al. Management of hepatitis C in decentralised versus centralised drug substitution programmes and minimally invasive point-of-care tests to close gaps in the HCV cascade. Swiss Med Wkly. 2017;147:w14544.

 7 European Association for the Study of the Liver (EASL). EASL Policy Statement on Hepatitis C Elimination. 2019. https://easl.eu/wp-content/uploads/2019/04/EASL-Policy-Statement-on-Hepatitis-C-Elimination.pdf

 8 WHO. Action plan for the health sector response to viral hepatitis in the WHO European Region. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe, 2017.

 9 German Federal Ministry of Health. Integrated Strategy for HIV, Hepatitis B and C and Other Sexually Transmitted Infections. ­Berlin: 2016.

10 ANRS (Agence nationale de recherche sur le sida et les hépatites virales): the renowned French research institute ARNS, originally founded to fight the HIV epidemic, added viral hepatitis as focus already in 2005.

11 Müller D. Motion 19.3743: Die Eliminierung von Hepatitis gehört in ein Nationales Programm sexuell und blutübertragbarer Infektionskrankheiten.

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