access_time veröffentlicht 19.12.2018

«Hören wir doch auf zu jammern»

Dr. med. Bernhard Keller, Betreiber der Plattform Rent-A-Senior-Doc, Pratteln

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«Hören wir doch auf zu jammern»

19.12.2018

Entwicklungen im Arbeitsmarkt wie beispielsweise der Wunsch nach einer work-life-balance machen auch vor der Medizin nicht halt. Anstatt solche Trends zu kritisieren, kann man auch mit innovativen Konzepten darauf reagieren.

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Ausgabe der SÄZ Nr. 3 am 16. Januar erschienen ist.
 

Sie betreiben seit einiger Zeit die Webseite www.rentaseniordoc.ch. Was bezwecken Sie mit dieser Seite?

Rent-a-senior-doc ist eine Plattform, über die sich Hausärztinnen und Hausärzte, die temporäre Einsätze in ihrer Region suchen, und Praxen, die kurzfristig personelle Unterstützung benötigen, finden können. Und das ohne Vermittlungsgebühren, Agenturverträge oder sonstige Verpflichtungen mir gegenüber.

Der Name der Plattform lässt darauf schliessen, dass Sie vor allem pensionierte Ärztinnen und Ärzte suchen…

Das Wort «senior» bezieht sich mehr auf das Attribut «erfahren». Bei mir dürfen sich deshalb gerne auch Wiedereinsteigende melden und nicht nur Pensionierte. Die Grundbedingung ist, dass man genügend Berufserfahrung in der Grundversorgung mitbringt, um selbständig arbeiten zu können.


Sie selber helfen immer wieder in Praxen aus. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Durchwegs positiv. Meine eigene Praxis war in den letzten fünfzehn Jahren so stark ausgelastet, dass ich keine Patienten mehr aufnehmen konnte. Ich wünschte mir jedoch immer wieder, mich mit neuen, mir unbekannten Patienten auseinandersetzen zu dürfen. Diese Möglichkeit hatte ich nun während meinen Vertretungen. Ich bin überzeugt, dass diese Unbefangenheit sowohl für die einzelnen Patienten als auch die Praxiskollegen von Vorteil sein kann. 

Ihre Initiative kann punktuell helfen, Versorgungsengpässe in Hausarztpraxen zu lindern. Wo müsste Ihrer Meinung nach, der Hebel für eine langfristige Lösung angesetzt werden?

Wir müssen mehr Mediziner ausbilden. Es ist doch beschämend, dass wir so viele ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner mit hohen Löhnen anlocken, die dann in ihren Ursprungsländern fehlen. Wir sollten das Geld besser in Ausbildungsplätze hierzulande investieren. Wenn ich lese, dass 70% an Medizin interessierten jungen Menschen am Eignungstest scheitern, verspielen wir so Jahr für Jahr ein Riesenpotential an potentiellen Ärztinnen und Ärzten.

Aber die Reputation des Hausarztberufes ist doch nicht die beste. Insbesondere die Bezahlung ist immer wieder ein Thema….

Bei fast jeder Weiterbildung, die ich besuche, wird nach spätestens zehn Minuten über TARMED gesprochen. Hören wir doch auf zu jammern! Uns geht es doch gut. Wir Hausärztinnen und Hausärzte haben alle ein eigenes Dach über dem Kopf und mindestens ein Auto vor dem Haus! Und wir haben einen anspruchsvollen, aber auch sehr erfüllenden Beruf.

Dr. med. Bernhard Keller

Betreiber der Plattform Rent-A-Senior-Doc, Pratteln

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