access_time veröffentlicht 08.03.2017

Medizin zwischen Wissenschaft und Weltanschauung

Dr.med. Peter Mattmann-Allamand, Facharzt FMH Allgemeinmedizin, FA Homöopathie FMH, IGEH, Kriens

Veranstaltungen

Medizin zwischen Wissenschaft und Weltanschauung

08.03.2017

Fachtagung des Schweizerischen Vereins Homöopathischer AerztInnen SVHA

DIE Wissenschaft als ein vom Alltag, der Praxis und der Politik abgetrennter, autonomer Bereich, in dem unverfälschte und undiskutierbare Wahrheiten über die Natur erzeugt und gehütet werden, hat ihre Unschuld verloren. Wissenschaftsforscher wie Bruno Latour (1) haben in ihren science studies zu Tage gefördert, dass diese Vorstellung immer eher interessengeleitete Ideologie als Wirklichkeit war. An Beispielen wie der Entdeckung der Milchsäuregärung durch Pasteur oder der Atomspaltung durch Joliot stellt Latour das vielfältige Netz von Interaktionen zwischen „nicht menschlichen Wesen“ und Menschen und deren Institutionen wie Wissenschaft und Politik dar, die Forschung ausmachen und letztlich zu neuen Techniken führen (2).

Wissenschaft braucht Kontroversen, Rätsel, Wagnisse und Phantasie

Gerade weil es in der Wissenschaft darum geht, uns Menschen zunächst fremde natürliche Entitäten durch Experimente und Berechnungen gleichsam zu sozialisieren, muss sie möglichst viele verschiedene Sichtweisen, den Gesamtzusammenhang und das Alltagsleben miteinbeziehen. Wissenschaftlichkeit erträgt keine Dogmen, keinen Ausschluss von Fragestellungen und Forschungsbereichen. Das Weltbild, d.h. das Wirklichkeitsverständnis der newton’schen Naturwissenschaft ist nicht nur durch Quantenphysik und Relativitätstheorie, sondern auch durch wichtige Strömungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts z.B. die Lebens-, Evolutions- und Prozessphilosophie  erschüttert worden(3, 4, 5, 6, 7, 8).

Die konkrete Wirklichkeit – ein kreatives Prozessgeschehen

Die Naturwissenschaft hat durch Reduktion der Natur auf messbare mathematische Relationen und einfache Ursache-Wirkungsbeziehungen grosse technische Erfolge erzielt. Doch sie wird der konkreten Wirklichkeit nur teilweise gerecht. Die Prozess-philosophie sieht die Natur als ein kreatives Prozessgeschehen, als ein sich ständig veränderndes Netz von einzelnen und individuellen Ereignissen und Entitäten, die durch ihre gegenseitige Verknüpfung ständig neue konkrete Wirklichkeit erzeugen.

Natürliche Ereignisse haben nicht nur messbare quantitative, sondern auch qualitative Eigenschaften und der Leib-Seele oder Materie-Geist-Dualismus wird als eine gedankliche Abstraktion, die in der konkreten Natur nicht vorkommt, interpretiert.

Patientinnen und Patienten als erkrankte Unikate- eine philosophische Herausforderung für die Medizin

Die Prozessphilosophie eröffnet einen neuen Blick auf unbeantwortete Fragen der modernen Medizin: Sind Zersplitterung, Spezialisierung, totale Medikalisierung und Technisierung unausweichlich und überhaupt bezahlbar? Erhält der einzelne Patient die optimale, bestmögliche Therapie? Werden die allgemein menschlichen Bedürfnisse eines kranken Menschen berücksichtigt? Dürfen Sinnfragen ausgeklammert werden?

Was ist der Hauptgegenstand der  Medizin: das erkrankte Individuum oder die Krankheit ?  An der Fachtagung vom 1.4.17 in Basel, die dieses Jahr von der Interessengemeinschaft erweiterte Hausarztmedizin (IGEH) organisiert wird, befasst sich Peter Mattmann, der sich in seinem Zweitstudium Philosophie mit Medizintheorie beschäftigt,  in einem ersten Impulsresultat mit der Frage, wie philosophisch von Wissenschaftlichkeit gesprochen werden kann und welche weitreichenden Konsequenzen eine Fokussierung auf das erkrankte Individuum in der Medizin zur Folge hätte. Anschliessend werden die aufgeworfenen Fragen in Kleingruppen diskutiert.

Was bedeutet Wissenschaftlichkeit für die konventionelle und die komplementäre Medizin von heute ?

Pierre Strub, IGEH-Dozent und Forschungsleiter, der jahrzehntelang als homöopathischer Hausarzt tätig war, zeigt in einem zweiten Impulsreferat die Konsequenzen auf, welche sich aus den Forderungen einer definierten Wissenschaftlichkeit für die Medizin ergeben. Für die konventionelle wie für die komplementäre Medizin drängen sich Erweiterungen im Verständnis von Wissenschaftlichkeit auf: z.B. der Zugang zum Phänomen Leben in der Schulmedizin und das Problem der Beliebigkeit in den alternativen medizinischen Disziplinen. Im Anschluss an das zweite Impulsreferat werden die praktischen Konsequenzen aus dem Gesagten in Kleingruppen diskutiert.

Fachtagung des SVHA, Samstag 1.4.17, Merian-Gärten-Basel, 10-17 h

Zur Fachtagung „Medizin zwischen Wissenschaft und Weltanschauung“ für Aerztinnen und Aerzte sind auch Studierende der Medizin und andere an diesem Thema Interessierte herzlich willkommen. Es sind weder philosophische noch alternativmedizinische Vorkenntnisse erforderlich.

 

LITERATUR

1 Bruno Latour, Cogitamus, 2016, Berlin: Suhrkamp 

2 Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora, 2015 (5. Aufl.), Frankfurt am Main: Suhrkamp    

3 Henri Bergson, Schöpferische Evolution, 2013, Hamburg: Felix Meiner

4 Nicholas Rescher, Process Metaphysics, 1996, New York: State University

5 John Dewey, Erfahrung und Natur, 1995, Frankfurt am Main: Suhrkamp 

6 John Dewey, Die Suche nach Gewissheit, 2013 (3. Aufl.), Frankfurt am Main: Suhrkamp

7 Alfred North Whitehead, Wissenschaft und moderne Welt, 1988, Frankfurt: Suhrkamp

8 Alfred North Whitehead, Prozess und Realität, 1987, Frankfurt: Suhrkamp

Dr.med. Peter Mattmann-Allamand

Facharzt FMH Allgemeinmedizin, FA Homöopathie FMH, IGEH, Kriens

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