access_time veröffentlicht 04.07.2017

Populistische Scheinlösung

Dr.med. Josef Widler, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, Zürich

Carte blanche

Populistische Scheinlösung

04.07.2017

Sparen auf dem Buckel der ÄrztInnen – diese Rechnung geht nicht auf!

«Die Gesundheitskosten dürfen nicht weiter ansteigen!» «Die Krankenkassenprämien sind nicht mehr tragbar!» «Ärzte verdienen zu viel!» «Medikamente sind zu teuer!» «Die Ärzte und Krankenkassen haben keine neuen Taif eingereicht, also kürzen wir die Ärzteeinkommen um 700 Millionen Franken pro Jahr!». «Die Kosten im Gesundheitswesen steigen überproportional!» «Wir kürzen den Ärzten den Lohn, dann sinken die Prämien!»

Wenn es denn so einfach wäre! 

Wesentliche Tatsachen werden geflissentlich verschwiegen. So wächst zum Beispiel die Bevölkerung ständig und wird bei guter Gesundheit immer älter. Dass damit auch die Gesundheitskosten steigen wird ja wohl kaum jemand bestreiten. Dank Prävention und Patienten-Empowerment können wir den Schaden und die Kosten des Diabetes senken. Diabetiker leben also besser und länger, ob aber die Gesundheitskosten, die sie bis zum Tod verursachen, tiefer sind, hat jedoch noch nie jemand nachgewiesen, denn wenn sie nicht an den Komplikationen des Diabetes sterben, erleiden sie eine andere Krankheit, zum Beispiel ein Karzinom, das eine teure Chemotherapie zur Folge hat. Prävention ist zwar unbestrittener Masen sinnvoll, spart aber wahrscheinlich bis zum Lebensende keine Kosten ein.

Mehr Arbeit für weniger Lohn

Es fällt also immer mehr Arbeit an, die bezahlt werden muss. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wirtschaftszweigen können aber die personalintensiven Arbeiten nicht in Tieflohnländer verlagert werden. So auch die Arbeit am Patienten!

Es ist auch eine Tatsache, dass mit dem Ansteigen des Bruttosozialproduktes die Gesundheitskosten steigen. Je wohlhabender ein Land ist, desto höher sind seine Gesundheitskosten.  

Die grosse Mehrheit der Bezüger von Gesundheitsleistungen sind nicht kostensensibel. Sie beziehen unbeschwert medizinische Leistungen. «Ich will wissen respektive sehen, was der Grund meiner Beschwerden ist, auch wenn das verlangte MRI keine therapeutischen Konsequenzen hat.» Müsste der Patient vor ab Fr. 100.- selber bezahlen, würden signifikant weniger Untersuchungen durchgeführt.

Der Bundesrat präsentiert jetzt eine populistische Scheinlösung, um einen weiteren Prämienanstieg zu verhindern! Er verspricht den Prämienzahlern zusammen mit den Krankenkassen, dass man den Anstieg der Prämien stoppen kann, wenn man den Ärztinnen und Ärzten in den Praxen und in den Spitalambulatorien im nächsten Jahr 700 Millionen entzieht. Gleichzeitig soll dann aber auch dem Grundsatz «Ambulant vor Stationär» nachgelebt werden und die Hausärzte besser gestellt werden. Wie soll das bitte aufgehen?

Dr.med. Josef Widler

Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, Zürich

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