access_time veröffentlicht 20.11.2018

Selbstbestimmtes Leben bis zuletzt

Dr. med. Andreas Weber, ärztl. Leiter Palliative Care Team GZO, Wetzikon

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Selbstbestimmtes Leben bis zuletzt

20.11.2018

Gesundheitliche Vorausplanung mit Notfallplanung als Schlüsselelement

Das Wichtigste in Kürze:

  • Im Mai 2017 lancierte ein breit abgestütztes Team, bestehend aus MedizinerInnen, EthikerInnen und Pflegefachlpersonen, das Projekt «Advance Care Planning und Notfallplanung bei palliativen Patienten» (ACP-NOPA)
     
  • Der Wunsch, zu Hause zu sterben, konnte gemäss Zahlen des Bundesamtes für Statistik (2006 – 2011) durchschnittlich gerade mal bei 20% der PatientInnen erfüllt werden. Grund dafür ist, dass viele PalliativpatientInnen in den letzten sechs Monaten vor ihrem Tod notfallmässig ins Spital eingewiesen werden. 80% dieser Notfallsituationen sind jedoch vorhersehbar und damit zu einem grossen Teil vermeidbar bzw. könnten die PatientInnen auch im Heim oder zu Hause behandelt werden.
     

Herr Weber, wo in der Schweiz kommt das von Ihnen mitentwickelte ACP-NOPA-Konzept bereits zum Einsatz?

Während der momentan laufenden Pilotphase setzen es unter anderem das Spital Männedorf und Wetzikon, sowie mobile Teams wie Onko Plus und die Fachstelle der Spitex Zürich und eine Hausarztgemeinschaftspraxis ein.

Welches sind Ihre Erkenntnisse?

Retrospektiv können wir festhalten, dass dank dem ACP-NOPA Prozess den beteiligten Patienten, einerseits in einer Krisensituation rasch und ihren Präferenzen entsprechend geholfen werden konnte.  Andererseits erlaubte uns der Notfallplan, unnötige Hospitalisationen, Abklärungen und Behandlungen zu vermeiden.

Wie wird im Alltag ein Notfallplan nach dem ACP-NOPA-Konzept erstellt?

Speziell dafür geschulte Pflegefachpersonen führen mit den betroffenen PatientInnen ein rund zweistündiges Gespräch. Dabei geht es in erster Linie darum, herauszufinden was für den Patienten im Vordergrund steht, welches Therapieziel er verfolgen möchte. Will er primär nicht leiden, oder ist eine möglichst lange Lebensdauer für den Betroffenen wichtig? Basierend auf dieser Information wird dann gemeinsam die Patientenverfügung und der Notfallplan erstellt.

Notfallpläne existieren bereits in verschiedenen Varianten. Was macht der von Ihnen mitentwickelte NOPA einzigartig?

Dies sind vor allem zwei Punkte. Erstens steht bei unserem NOPA das individuelle Therapieziel im Zentrum. Die Kenntnis des Therapieziels ist jedoch bei einer Krisenintervention von entscheidender Bedeutung. Wenn beispielsweise eine Patientin, die möglichst noch lange Leben möchte, unter Atemnot leidet, müssen die Ursachen für diese gefunden und nicht standardmässig Opiate appliziert werden. Umgekehrt verhält es sich, wenn wir wissen, dass die Patientin mit dem Leben abgeschlossen hat und primär nicht leiden möchte. Deshalb empfinde ich standardisierte Notfallpläne als gefährlich, weil sie das übergeordnete Therapieziel des Patienten ausser Acht lassen.

Und der zweite Punkt, in dem sich der ACP-NOPA von anderen vergleichbaren Plänen unterscheidet?

Der NOPA wird an die jeweilige Grunderkrankung angepasst. Das Web-Tool hilft, für jeden Betroffenen krankheitsspezifische Krisensituationen zu definieren, die mit grosser Wahrscheinlichkeit auftreten werden. Entsprechend können wir das Vorgehen für diese möglichen  Krisen festlegen und aufschreiben, damit allen Beteiligten klar ist, wie sie reagieren müssen. Z.B. bei Patienten mit Krebs im Bauchraum wird das Vorgehen bei einem Darmverschluss besprochen, so dass man bei Erbrechen rasch und richtig reagieren kann. Viele Standartnotfallpläne empfehlen bei Erbrechen einfach Prokinetika, was eben bei einem Darmverschluss gerade falsch wäre..

Welche Schritte sind im kommenden Jahr geplant?

Wir möchten das ACP-NOPA-Konzept einerseits weiteren Institutionen vorstellen und in deren Prozessen implementieren. Zudem werden verschiedene Institutionen das Web-Tool bei weniger kranken Menschen zur Erstellung einer Patientenverfügung einsetzen .

 

Weiterführende Links:

ACP-NOPA 

fmc-Förderpreis 2017 für ACP-NOPA: gemeinsame vorausschauende Betreuungs- und Notfallplanung

Poster «Konzept ACP-NOPA» 

Dr. med. Andreas Weber

ärztl. Leiter Palliative Care Team GZO, Wetzikon

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