access_time veröffentlicht 29.10.2018

Verbesserungspotential beim Antibiotikaeinsatz

Dr. sc. Dominik Glinz, Institut für klinische Epidemiologie und Biostatistik, Universitätsspital Basel

Online first

Verbesserungspotential beim Antibiotikaeinsatz

29.10.2018

Eine in der Schweiz durchgeführte, landesweite Studie zeigt, dass es in den Hausarztpraxen durchaus Verbesserungspotential beim Antibiotikaeinsatz gibt.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Eine in der Schweiz durchgeführte, landesweite Studie zeigt, dass es in den Hausarztpraxen durchaus Verbesserungspotential beim Antibiotikaeinsatz gibt.  
     
  • Im Kampf gegen die Resistenzentwicklung muss deshalb der gängigen Verschreibungspraxis in der Grundversorgung mehr Beachtung geschenkt werden.

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Ausgabe der SÄZ Nr. 45 am 7. November erschienen ist.



Interview geführt von: Matthias Scholer

Herr Glinz, Sie haben in einer im letzten Jahr veröffentlichten Studie die Antibiotika Verschreibungen unserer Hausärztinnen und Hausärzte etwas genauer unter die Lupe genommen. Welche Schlüsse konnten Sie daraus ziehen?

Unsere Studie zeigte, dass die Antibiotikaverschreibungen für Infekte der oberen und unteren Atemwege und unkomplizierte Harnwegsinfekte sind angemessen, zum Teil sogar vorbildlich. Leider mussten wir aber auch feststellen, dass für einzelne Krankheitsbilder die Qualität des Antibiotikaeinsatzes zu gering ist. Dies bedeutet, dass zu oft Antibiotika verschrieben und oftmals die falschen Antibiotika eingesetzt werden. Im internationalen Vergleich verschreiben die Schweizer Hausärztinnen und Hausärzte am wenigsten Antibiotika, es gibt dennoch vereinzelt Verbesserungspotential.

Bei welchen Krankheitsbildern verzeichneten Sie einen übermässigen Antibiotikaeinsatz?

Dies war insbesondere bei Tonsillitis-Pharyngitis, akuter Otitis media, Rhinosinusitis und bei akuter Bronchitis der Fall. Dieses Bild deckt sich übrigens mit vergleichbaren Untersuchungen in anderen europäischen Ländern.

In Ihrer Arbeit konnten Sie auch feststellen, dass auch die Wahl des Wirkstoffs zum Teil nicht den nationalen und internationalen Richtlinien entsprach. Inwiefern?

Auffallend war, dass bei fast allen untersuchten Gesundheitsstörungen zu oft die falschen Antibiotika verschrieben wurden. Absoluter Spitzenreiter waren dabei Harnwegsinfekte bei Frauen, welche in 37,2 Prozent der untersuchten Fälle mit Quinolonen behandelt wurden. Im Wesentlichen, stellen wir sogar fest, dass bei rund der Hälfte der Harnwegsinfekte nicht empfohlene Wirkstoffe zum Einsatz kamen. Neben den erwähnten Quinolonen sind dies insbesondere Makrolide und andere Betalaktame. Dies ist im Hinblick auf die Resistenzentwicklung bedenklich.

Wird ihrer Meinung nach in der Schweiz genug hinsichtlich Antibiotikaresistenzen unternommen?

Die Frage ist, ob wir das Richtige unternehmen. Wenn man sich vor Augen hält, dass der Antibiotikakonsum und die Resistenzentwicklung direkt korrelieren, und in der Humanmedizin bislang am meisten Antibiotika in der ärztlichen Grundversorgung verschrieben werden, müsste auch darauf fokussiert werden. Trotzdem ist in der Antibiotika-Resistenzstrategie des Bundes der Fokus auf die ärztliche Grundversorgung nur sehr vage formuliert. Es wird sich zeigen, ob in diesem Bereich die Hebel richtig angesetzt werden.

Weiterführende Links:

Dr. sc. Dominik Glinz

Institut für klinische Epidemiologie und Biostatistik, Universitätsspital Basel

Bloggen Sie mit!

Wollen Sie auch einen Blogbeitrag publizieren? Dann schreiben Sie uns!

Mail an Redaktion

Verpassen Sie keinen Artikel!

close