access_time veröffentlicht 23.01.2019

«Was wir brauchen, sind Besserkönner, nicht Besserwisser»

David Bosshart, Leiter des Gottlieb Duttweiler Instituts

«Was wir brauchen, sind Besserkönner, nicht Besserwisser»

23.01.2019

Weshalb nur ein tiefgreifender Kulturwandel ein Ende der Kostenexplosion im Gesundheitswesen herbeiführen kann.

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Ausgabe der SÄZ Nr. 6 am 6. Februar erschienen ist.
 

Vorschläge wie man die Gesundheitskosten in den Griff bekommt, gibt es viele. Doch schlussendlich geschieht wenig. Weshalb gestaltet sich ein Wandel im Gesundheitswesen so schwer?

Aus meiner Sicht gibt es dafür zwei Hauptgründe. Erstens sind wir in einer sogenannten Status-quo-Verzerrung gefangen. Mit diesem in der Verhaltensökonomie verwendeten Begriff wird eine übermässige Bevorzugung des Ist-Zustandes gegenüber Veränderungen zusammengefasst. Seit den 1980er Jahren klagen wir über steigende Prämien und jedes Jahr heisst es, nun sei die Schmerzgrenze erreicht. Anstatt die Kostenexplosion nachhaltig einzudämmen, verschieben wir einfach die Schmerzgrenze. Es ist wie bei einem Drogenabhängigen, der weiss, dass er sich Schaden zufügt und trotzdem immer weiter macht.

Und welches ist der zweite Grund für einen ausbleibenden Kurswechsel?

Im Gesundheitswesen hat sich die Logik der industriellen Welt etabliert. Für jedes neue Problem, wurden und werden entsprechende Spezialistenstellen geschaffen. Heute müssen wir feststellen, dass die mittlerweile unerlässlichen Expertinnen und Experten das System dominieren. Die zunehmende Spezialisierung, die Veränderung der Krankheitsbilder und das hohe Anspruchsniveau seitens der Patienten führen zu einem beachtlichen Komplexitätsstress. Zusätzlich versucht jeder an der Wertschöpfungskette beteiligte Dienstleister in seinem Bereich Wachstum zu generieren. Damit kommt es zwangsläufig zu einer Fragmentierung der unterschiedlichen Interessen, die einzeln betrachtet zwar legitim sind, aber eine schnelle, umfassende Lösung verunmöglichen.

Welche Schritte sind Ihrer Meinung nach kurz- und mittelfristig nötig, um einen Kulturwandel im Gesundheitssystem einzuläuten?

Als erstes müssen sich alle Akteure auf ein gemeinsames Ziel, welches in zehn bis fünfzehn Jahren erreicht werden soll, einigen. Zudem müssen wir den Mut aufbringen, kompetenten, veränderungswilligen Leuten einen möglichst grossen Spielraum zu geben, etwas Neues zu entwickeln. Wie bei einem start-up braucht es dafür Pioniere, die unabhängig und losgelöst von Reputationsängsten das Gesundheitswesen umkrempeln. Was wir brauchen, sind Besserkönner. Nicht Besserwisser.   

Sind wir Schweizer mutig genug für einen solchen Schritt?

Wir Schweizer wagten uns in der Vergangenheit durchaus, visionäre Projekte anzugehen. Ich denke da beispielsweise an den Tunnelbau oder unsere Zivilschutzanlagen. Nun gilt es, diesen Pioniergeist auch bei der Konzeption und Umsetzung von Visionen über der Erdoberfläche zu zulassen. Der grösste Widerstand, den es initial zu überwinden gilt, ist die wohlstandsbedingte Lethargie. Schliesslich braucht es viel Energie und Mut, vermeintliche Sicherheiten aufzugeben und alte Strukturen aufzubrechen. Doch die Zeit drängt. Noch ist der Gestaltungsspielraum relativ gross. Je länger wir zuwarten, desto weniger können wir vernünftig entscheiden. Irgendwann kommt ein internationaler Anbieter, der uns dann seine Spielregeln aufdrückt. Schliesslich ist die Schweiz auf Grund der Kaufkraft, des Qualitätsbewusstseins und der Bereitschaft im Gesundheitswesen hohe Preise zu bezahlen attraktiv. Die Devise lautet: Program or be programmed.

David Bosshart

Leiter des Gottlieb Duttweiler Instituts

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