access_time veröffentlicht 14.08.2019

Weshalb in Zukunft unser Bett schon vor uns weiss, dass wir krank werden

Maneesh Juneja

Weshalb in Zukunft unser Bett schon vor uns weiss, dass wir krank werden

14.08.2019

Über die Herausforderungen, welche die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit sich bringt, und in welchen Bereichen die Schweiz eine führende Rolle übernehmen könnte.

Das Wichtigste in Kürze:

 

 

 

Interview geführt von Julia Rippstein

 

Maneesh Juneja, Sie definieren sich selbst als «Digital Health Futurist». Was muss man sich unter dieser Berufsbezeichnung vorstellen?

Meine Arbeit besteht darin, zu analysieren wie Trends in verschiedenen Bereichen wie Technologie, Politik, Gesellschaft, Kultur oder Wirtschaft zusammenkommen, um abzuschätzen, welche Auswirkungen sie auf den Gesundheitssektor haben könnten. Genauer gesagt, analysiere ich, was die verschiedenen Entwicklungen für den Durchschnittsmenschen bedeuten, indem ich das gesamte Spektrum der Bedürfnisse der Verbraucher betrachte - wo auch immer sie leben. Ich stelle sicher, dass der Mensch immer im Mittelpunkt der Diskussion steht.

Welche Trends beobachten Sie zurzeit und wie wirken sie sich auf das Gesundheitswesen aus?

Seit einiger Zeit erleben wir Konsumenten die Digitalisierung vor allem in Bereichen wie Reisen, Einzelhandel und Finanzen. Erst kürzlich haben wir begonnen, darüber nachzudenken, welchen Nutzen die Digitalisierung bei Gesundheitsfragen bringt: Wie führen wir Patientenakten? Wann müssen wir noch physisch zum Arzt gehen oder wann reicht eine online-Beratung? Wie kann ich Bedingungen mit Hilfe von Alltagstechnologien wie Smartphones und tragbaren Sensoren langfristig besser managen? Dafür besteht grundsätzlich in jedem Land ein Potential, hauptsächlich aber in Asien und Afrika. In diesen Regionen herrscht nämlich vielerorts ein extremer Ärztemangel und die Gesundheitsversorgung ist für grosse Teile der Bevölkerung nicht leicht zugänglich. Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass die Menschen in einigen dieser Länder den Umgang mit künstlicher Intelligenz für ihre gesundheitlichen Bedürfnisse sehr schätzen, da sie somit lange Wartezeiten beim Arzt vermeiden können. Solche Technologien ermöglichen diesen Menschen einen "erschwinglichen und sicheren" Zugang zu Gesundheitseinrichtungen. Grundsätzlich kann die fortschreitende Digitalisierung der Gesundheitsversorgung dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung in reichen und armen Ländern billiger, sicherer und zugänglicher zu machen.

In welchen weiteren Gesundheitsbereichen sehen Sie das grösste Entwicklungspotenzial?

In einigen Ländern können Patienten bereits heute ihre eigene Krankenakte herunterladen oder auf ihrem Handy einsehen. Zudem werden Gesundheitsdaten von Krankenhäusern, Zahnärzten und Allgemeinmedizinern zusammengeführt. So kann man einen Gesamtüberblick über die Gesundheit einer Person erhalten.
Ein weiterer Bereich mit grossem Potenzial sind digitale Therapeutika. Damit werden klinisch validierte Apps, die unter anderem auf Mobiltelefone heruntergeladen werden können, bezeichnet. Sie können vom Arzt zur Ergänzung, oder sogar zum Ersatz medikamentöser Therapien, beispielsweise bei der Behandlung bestimmter Erkrankungen wie Angststörungen oder Schlaflosigkeit, eingesetzt werden. Digitale Therapeutika bieten einen Weg, Menschen ohne mögliche Nebenwirkungen, die bei der Einnahme von Arzneimitteln auftreten können, zu behandeln. Unsere Gesundheitsdaten werden zudem vermehrt ausserhalb des Gesundheitssystems gesammelt. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Autos dank Sensoren unseren Gesundheitszustand während der Fahrt überwachen. Sensoren, die in Alltagsgegenstände wie Betten, Stühlen oder Kühlschränken integriert sind, sammeln künftig wohl ebenfalls Informationen über uns - wie viel wir schlafen, was wir essen usw. und auch im Büro werden die Mitarbeitenden überwacht, damit das Unternehmen Massnahmen zu deren Gesunderhaltung ergreifen kann.

Überwacht zu werden, wo immer wir hingehen und was immer wir tun, geht das nicht zu weit?

Die Möglichkeit, Gesundheitsdaten zu sammeln, um zu erkennen, ob sich die Gesundheit einer Person verändert, ist eine grosse Herausforderung. Es bedarf definitiv rechtlicher Rahmenbedingungen, dank denen der Datenschutz und die Einwilligungserklärung zur Datennutzung klar geregelt werden. Eine 24-Stunden-Gesundheitsüberwachung sollte niemals gegen uns verwendet werden, indem unsere Leben kontrolliert und unsere Freiheit, wie wir unser Leben führen wollen, eingeschränkt wird. Die grösste Aufgabe ist es, diese Technologien vertrauenswürdig, ethisch korrekt und verantwortungsbewusst einzusetzen. Dies erfordert eine Zusammenarbeit zwischen Verbrauchern, Behörden, Industrie und Gesundheitsdienstleistern wie Ärzten und Krankenhäusern.

Welche Länder sind bei Innovationen führend?

Im Bereich der Innovationen sind die USA führend. Die Vereinigten Staaten sind nicht nur die grösste Volkswirtschaft. Sie stellen auch erhebliche Mittel und Investitionen für digitale Startups und Lösungen für das Gesundheitswesen bereit.  Hinsichtlich der Einführung von Anwendungen im Alltag übernehmen jedoch Länder wie China und Indien meistens die Führung, da sie nach neuen Technologien suchen, dank denen die Gesundheitsversorgung grosser Populationen abgedeckt werden kann und das erst noch möglichst günstig. Die EU setzt den Schwerpunkt auf den Austausch von Gesundheitsdaten über die Landesgrenzen hinweg. So kann sich beispielsweise jemand aus Finnland, während seinem Urlaub in Kroatien oder Italien eine elektronische Verschreibung aus seiner Heimat senden lassen.

In welchem Bereich sehen Sie das grösste Potenzial für die Schweiz?

Aufgrund der starken Pharmaindustrie, renommierten Universitäten und Forschungseinrichtungen könnte die Schweiz zu einem führenden Zentrum für die Entwicklung, Prüfung und Validierung von digitalen Gesundheitsprodukten werden, bevor diese auf den internationalen Markt kommen. Angesichts des hohen Stellenwerts der Privatsphäre könnte die Schweiz zudem als vertrauenswürdige Drehscheibe für den Austausch medizinischer Daten dienen. Maneesh Juneja zur Ethik und künstliche Intelligenz in der Gesundheit

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