access_time veröffentlicht 17.04.2017

Wofür setzt ein Assistenzarzt wieviel Zeit ein?

Dr. med. Nathalie Wenger, Cheffe de clinique, Dép. de Médecine Interne, CHUV

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Wofür setzt ein Assistenzarzt wieviel Zeit ein?

17.04.2017

Dank einer Zeitstudie konnten am CHUV bereits wichtige Verbesserungen eingeführt werden.

Das Wichtigste im Überblick:

  • Von Mai bis Juni 2015 fand auf der Abteilung für Innere Medizin am CHUV in Lausanne eine Zeitstudie statt, bei welcher der Tagesablauf von 36 Assistenzärztinnen auf die Minute genau vermessen wurde. 

  • Die wichtigsten Eckwerte: Durchschnittliche Schichtlänge betrug 11.6 Stunden und damit deutlich mehr als die vorgesehen 10 Stunden.

  • 28% der Arbeitszeit setzten die Assistenzärzte für direkten Patientenkontakt und 52.4% mit indirektem Patientenkontakt ein. Bei durchschnittlich acht Patienten auf der Abteilung verbrachten die Ärzte somit täglich rund 15 Minuten mit einem einzelnen Patienten.

  • Die am Computer verbrachte Zeit (5,2 h/d) betrug das Dreifache der Zeit mit Patientenkontakt, wobei das Führen der Patientenakten rund 110 Minuten pro Tag in Anspruch nahm.

Frau Wenger, was war der Grund für diese Studie? 

Insbesondere im Bereich der Inneren Medizin nahm in den letzten Jahren die Komplexität der Fälle laufend zu. Damit einhergehend veränderte sich der Tagesablauf der AssistenzärztInnen fundamental. Weitere Faktoren wie Arbeitszeitbegrenzung, die Einführung elektronischer Patientenakten, die Menge klinischer Daten und administrative Aufgaben verstärkten diese Tendenz. Bislang gab es nur wenige Studien, welche die Zeitverteilung zwischen Arbeiten am Computer und direktem Patientenkontakt untersuchten. Zudem stammen die meisten Studien aus den Vereinigten Staaten. Deshalb haben wir uns nach der Einführung der elektronischen Patientenakte entschlossen, eine solche Untersuchung selber durchzuführen. 

Inwieweit hat die Einführung der elektronischen Patientenakten die Situation verändert? Hatten vor deren Einführung die Assistenzärzte mehr Zeit für direkten Patientenkontakt?

Im Vergleich zu den ersten vergleichbaren Studien aus den Jahren 1961 und 1971 verbringen die Assistenzärzte heute in Etwa dieselbe Zeit am Patientenbett. Früher nahmen Tätigkeiten wie beispielsweise der Gang in die Radiologie, um sich Bilder anzusehen, Berichte ausdrucken und einordnen und ähnliche Aufgaben viel Zeit in Anspruch. Heutzutage nimmt in Folge der Zunahme der Komplexität der Fälle die Bewirtschaftung der elektronischen Patientenakten und damit verbundene administrative Arbeiten sehr viel Zeit in Anspruch. 

Am CHUV müssen die Ärzte nun weniger administrative Arbeiten selber erledigen.

Diese Studie gab bei uns den Impuls, etwas zu ändern. So haben wir letzten Sommer sogenannte ‚resident’s assistants’ eingestellt, welche die Ärzte im administrativen Bereich entlasten. Dies ermöglicht den Medizinern, sich vermehrt und in Ruhe ihren Patienten und deren Behandlung zu widmen. Bisher sind alle Beteiligten mit der neuen Lösung zufrieden.  

Ihre Assistenzärzte kritisierten das hauseigene IT System zur Erfassung der elektronischen Patientenakten. Wurde dieses System nicht zuerst in einer Vorversion auf seine Praktikabilität hin geprüft?

Die IT- Abteilung wählte dieses System 2009 aus und wir mussten damit arbeiten. Leider gibt es weltweit noch kein solches System, welches alle Bedürfnisse abdeckt. Im Zuge unserer Studie wurde eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet, welche Vertreter der Ärzteschaft und Informatiker zusammenbringt. Ausgewählte Assistenzärztinnen bilden seither eine Schnittstelle zwischen Klinik und Systementwicklern. Damit konnten bereits die ersten Verbesserungen erzielt werden.

Welche Empfehlungen können Sie nach dieser Studie Ihren Kollegen in anderen Spitälern geben?

Zeitstudien sind die beste Methode, um objektiv zu erfassen, wieviel Zeit jemand für welche Aufgaben einsetzt. Ich kann anderen Spitälern nur empfehlen, eine solche Evaluation auch bei sich durchzuführen. Insbesondere, wenn strukturelle Änderungen anstehen. Dies erlaubt, eine Vorher-Nachher-Analyse. In absehbarer Zeit werden wir die Studie wiederholen, um den Nutzen unserer bisherigen Anpassungen objektiv evaluieren zu können.
Es wäre interessant unsere Resultate mit anderen Institutionen zu vergleichen. Im Mai stellt das Spital Baden seine Resultate am Kongress der Inneren Medizin vor. Ich bin auf deren Resultate sehr gespannt. 

 

Weiterführende Links:

Die Studie im Detail

Dr. med. Nathalie Wenger

Cheffe de clinique, Dép. de Médecine Interne, CHUV

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