access_time veröffentlicht 21.12.2016

DSD - Geschlechtervarianten

Dr. iur., LL.M. Mirjam Werlen, Bern

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DSD - Geschlechtervarianten

21.12.2016

Die stellvertretende Einwilligung der Eltern für ihr urteilsunfähiges Kind kann grundsätzlich dann als Rechtfertigung für einen Integritätseingriff gelten, wenn dieser v.a. dem gesundheitlichen, auch langfristigen Interesse des Kindes entspricht.

Die medizinische Indikation ist ein solcher Rechtfertigungsgrund. Was als medizinische Indikation [1] verstanden wird, ist z.B. in Leitlinien festgehalten.

Gilt auch eine alleinige psychosoziale Indikation als Rechtfertigung für die Einwilligung der Eltern in einen irreversiblen Eingriff in die Integrität des Kindes (z.B. Klitorisreduktion), wenn keine medizinischen Probleme vorliegen (keine medizinische Indikation i. e. S.)?

Es lässt sich begründen, dass zwar die medizinische Indikation i. w. S. die psychosoziale Indikation (Beachtung der psychosozialen Lebenswelt des Patienten, z.B. die Eltern-Kind-Beziehung) beinhaltet. Letztere ist aber nicht alleiniges Kriterium; der Mensch soll nicht als nur körperliches Wesen gesehen werden.

Die psychologische Unterstützung der Eltern nicht vergessen

Der Arzt soll also in seine Empfehlungen die psychosoziale Indikation miteinbeziehen, aber nicht mit medizinisch-chirurgischen Mitteln ein Problem lösen, das im Kern nur psychosozialer Natur ist. Jedoch ist das psychosoziale Problem bei schweren Virilisierungen (z.B. Prader IV/V) erheblich. Deshalb stellt sich die Frage nach psychologischer Unterstützung der Eltern vor und nach der Geburt [2]. Aus der Perspektive des kleinen Patienten sind v.a. sein Selbstbestimmungsrecht und insgesamt die Verhältnismässigkeit des Eingriffs entscheidend, weshalb ohne medizinische Indikation i.e.S. ein offengehaltenes Entscheidungsrecht, seinen "seelischen Eigenraum" und spätere Lebenssituationen betreffend, gelten muss.

*DSD (Disorders of Sex Development/Störungen der Geschlechtsentwicklung gelegentlich Differences of Sex Development. Die Leitlinie u.a. der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) spricht nun von Varianten der Geschlechtsentwicklung, siehe AWMF-Register Nr. 174/001 vom Juli 2016, Klasse: S2k. Vorzuziehen wäre VSD (Variations of Sex Development).

Hinweise:

Bitte beachten Sie dazu den Artikel von Mirjam Werlen zum Thema DSD, der in Ausgabe 32 der Schweizerischen Ärztezeitung erschienen ist.

Empfohlen wird ausserdem ein Beitrag von Kraft/Hersperger/Herren, "Diagnose und Indikation als Schlüsseldimensionen der Qualität", der in Ausgabe 41 des Jahres 2012 in der Schweizerischen Ärztezeitung erschienen ist.

Lesen Sie dazu einen Artikel (kostenpflichtig) im Jusletter vom August 2016.

Referenzen:

1 z. B. Dörries Lipp, Medizinische Indikation, 2015; Kraft/Hersperger/Herren, Grundlagenpapier der DDQ, SÄZ 2012/41, S. 1485-9.

2 insb. sozialversicherungsrechtliche Leistungen; vgl. Werlen/Shaha/Streuli, Unterstützung der Eltern nach IVG bei Geschlechtsvarianten (DSD/VSD – ‹Intersexualität›), Jusletter 29. August 2016).

Die Meinung der Gastautorinnen und -autoren muss nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

 

 

Dr. iur., LL.M. Mirjam Werlen

, Bern

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