access_time veröffentlicht 15.02.2017

Nationale Verschreibungsrichtlinien

Karin Wäfler, Gesamtprojektleiterin StAR, BAG
Homa Attar Cohen, Leiterin Humanmedizin StAR, BAG

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Nationale Verschreibungsrichtlinien

15.02.2017

Eine von zahlreichen Massnahmen zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenz

Das Wichtigste im Überblick:

  • Der Bundesrat verabschiedete Ende 2015 die Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen StAR.

  • Für die Umsetzung verantwortlich sind die Bundesämter für Gesundheit (BAG), für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), für Landwirtschaft (BLW) und für Umwelt (BAFU). 

  • One-health Ansatz: Zur Eindämmung der Antibiotikaresistenz braucht es eine Zusammenarbeit der Human- und Veterinärmedizin, Landwirtschaft und Umweltwissenschaften.

  • Eine der zentralen Massnahmen in der Humanmedizin ist die Ausarbeitung nationaler Verschreibungsrichtlinien.

 

 

Die Umsetzung der StAR läuft nun schon bald ein Jahr. Können Sie bereits eine kurze Zwischenbilanz ziehen?

Karin Wäfler: Im Rahmen von StAR wurden insgesamt 35 Massnahmen zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen definiert. Die Vielzahl der Massnahmen macht ein gestaffeltes Vorgehen nötig. Bislang konnte bereits bei zwei Dritteln der Projekte mit der Umsetzung begonnen werden. 

Welche Massnahmen sind im Humanmedizinbereich geplant? 

Karin Wäfler: Zu den wichtigsten Massnahmen gehört sicherlich die Ausarbeitung nationaler Verschreibungsrichtlinien. Diese werden zurzeit von einem Gremium bestehend aus Experten der Fachgesellschaft für Infektiologie, der Gesellschaft für Mikrobiologie und Swissnoso erarbeitet. Als flankierende Massnahmen werden von den Experten auch so genannte Stewardship Programme erarbeitet. Mit diesen soll nachhaltig sichergestellt werden, dass Antibiotika sachgemäss verschrieben und angewendet werden, um das bestmögliche Behandlungsergebnis sicherzustellen.

In welcher Form sollen die Verschreibungsrichtlinien publiziert werden? 

Homa Attar Cohen: Wir wollen nicht ein Papier für die Schublade produzieren. Das Ziel ist vielmehr, ein internetbasiertes Tool aufzubauen, welches den verschreibenden Personen erlaubt, nachzuschauen, welche Wirkstoffe zur Behandlung bestimmter Infektionskrankheiten empfohlen werden. Da sich das Resistenzmuster lokal unterscheidet, muss dieser Faktor mitberücksichtigt werden. Essentiell ist auch, dass wir diese Datenbank dauernd an die sich stets wechselnden Resistenzlage anpassen und schrittweise erweitern. Für den Start möchten wir Richtlinien für die häufigsten Indikationen erstellen.  

Es sind also Empfehlungen und keine vom Bund verordneten Vorschriften?

Homa Attar Cohen: Genau. Die Richtlinien sollen eine Hilfestellung bei Antibiotikaverschreibungen darstellen und auf Expertenwissen basierte Informationen liefern, welche Wirkstoffe aus Sicht der Resistenzproblematik indiziert, aber auch welche kontraindiziert sind. Eine breite Akzeptanz dieser Richtlinien ist wichtig, wenn wir die Resistenzproblematik nachhaltig entschärfen wollen. 

Viele Antibiotika werden im ambulanten Sektor verschrieben. Inwieweit haben Sie die Hausärztinnen und Hausärzte ins Boot geholt?

Karin Wäfler: Erstens waren Vertreter der HausärztInnen bereits bei der Ausarbeitung von StAR involviert. Zweitens werden sie auch in der Ausarbeitung der nationalen Verschreibungsrichtlinien einbezogen – sei es in Arbeits- oder Autorengruppen. Uns ist aber auch bewusst, dass wir der Basis den Sinn und Zweck von StAR noch näherbringen müssen. Dafür planen wir in diesem Jahr einen entsprechenden Informationstransfer im Rahmen verschiedener Gesundheitsveranstaltungen.  

Bei vielen Pharmakonzernen ist die Entwicklungspipeline für Antibiotika ausgetrocknet. Fehlt der Umsetzung von StAR damit nicht ein zentraler Pfeiler?

Karin Wäfler: Tatsächlich wurde die Neuentwicklung antibiotischer Präparate in den letzten Jahren vernachlässigt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, ist die Pharmaindustrie zwischenzeitlich zu einem wichtigen Treiber bei der Bekämpfung der Resistenzproblematik geworden. So entschlossen sich am WEF 2016 führende Konzerne eine entsprechende Deklaration auszuarbeiten, die zwischenzeitlich von über 100 Firmen unterzeichnet und von der UN Vollversammlung aufgenommen wurde. Das Problem ist damit definitiv auf dem globalen Radar präsent.

Wir dürfen also in der nahen Zukunft mit neuen Wirkstoffen rechnen?

Karin Wäfler: Es geht nicht nur darum, neue Wirkstoffe oder Abwehrstrategien bei bakteriellen Infektionen zu finden. Die Bemühungen laufen auch dahin, „alte“ Wirkstoffe neu aufzuarbeiten, zu optimieren und wenn möglich miteinander zu kombinieren.

Wir haben nun die Seite des Angebots besprochen. Was ist auf Seite der Nachfrage geplant? Sind es nicht vielfach die PatientInnen, die zum Beispiel bei einem hartnäckigen Husten vom Arzt eine Antibiotikaverschreibung verlangen?

Karin Wäfler: Das hört man viel. Aber ist dem wirklich so? Untersuchung in Holland zeigen, dass die ÄrztInnen tatsächlich davon ausgehen, dass PatientInnen häufig eine Antibiotikatherapie erwarten. Tatsächlich konnte dies in der Studie nicht bestätigt werden. Also stellt sich hier die Frage, ob zuerst das Huhn oder das Ei war. 


 

 

Anm. d. Red: Vielleicht erhalten wir zur Situation in der Schweiz an dieser Stelle über die Kommentarfunktion einige Feedbacks von den ÄrztInnen  – es wäre interessant, mehr über die Erwartungshaltung der PatientInnen bezüglich Antibiotika-Verschreibungen hierzulande zu erfahren.   


Karin Wäfler

Gesamtprojektleiterin StAR, BAG

Homa Attar Cohen

Leiterin Humanmedizin StAR, BAG

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