access_time veröffentlicht 03.11.2021

«50% der Spitäler könnten ihren Umwelt-Fussabdruck halbieren»

Matthias Stucki, Studienleiter "Green Hospital", Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW

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«50% der Spitäler könnten ihren Umwelt-Fussabdruck halbieren»

03.11.2021

Die Studie «Green Hospital» untersucht erstmals den Umwelt-Fussabdruck des Schweizer Spitalwesens. Wie dieser Sektor umweltfreundlicher werden kann, weiss Matthias Stucki, Studienleiter und Experte für Ökobilanzierung.

 

Das Interview führte: Julia Rippstein, Redaktorin SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der SÄZ Nr. 45 am 10. November erscheinen wird.

 

Matthias Stucki, Sie haben diese Studie während vier Jahren begleitet: Worum geht es und was untersucht sie genau?

«Green Hospital» ist ein Forschungsprojekt des Nationalen Forschungsprogramms «Nachhaltige Wirtschaft» NFP 73, welches durch den Schweizerischen Nationalfonds gefördert und unterstützt wird. Die Studie setzt sich zum Ziel, umfassendes Wissen zu Ressourcenbedarf und Ressourceneffizienz bei Schweizer Spitälern aufzubauen und die entscheidenden Faktoren bezüglich Umweltbelastung im Spitalsektor aufzuzeigen. Auch geht sie die Frage an «Wo können wir ansetzen, um etwas zu verändern?» und erarbeitet in diesem ­Zusammenhang eine Liste von umweltfreundlichen Best Practices für hiesige Spitäler.

Sie haben den Fokus auf Spitäler gesetzt. Was ist der Grundgedanke dahinter? 

Auslöser war eine Studie vom Bundesamt für Umwelt, an der ich mitarbeitete. Diese Arbeit zeigte, wie stark verschiedene Konsumbereiche die Umwelt belasten. Ernährung, Mobilität und Wohnen hatten dabei den grössten Umwelteinfluss. Auf Platz vier kam bereits die Gesundheit. Dies weckte meine Aufmerksamkeit: Obwohl das Gesundheitswesen zum Fussabdruck wesentlich beiträgt, gab es kaum Forschungsprojekte zu diesem Thema. Insbesondere die Spitäler machen einen wichtigen Teil des Gesundheitssektors aus. Deshalb ­sahen wir einen grossen Bedarf, diesen Bereich überhaupt einmal zu untersuchen und das Verbesserungspotenzial zu bestimmen. Als wir das Projekt vor vier Jahren starteten, waren wir in der Schweiz fast die Einzigen, die auf diesem Gebiet forschten.

Wieso gibt es so wenige Studien über das Thema?

Diese Frage haben wir nicht untersucht, aber ich kann ein Stück weit spekulieren. Im Gegensatz zu den Supermärkten gibt es in der Gesundheit keinen Druck von der «Kundschaft» in Sachen Nachhaltigkeit. Für den ­Patienten resp. die Patientin steht die optimale medizinische Versorgung verständlicherweise im Vordergrund. Ein Spital wird nicht aus Nachhaltigkeitsgründen gewählt, sondern aufgrund seiner guten medizinischen Leistungen. Zudem stellen die Komplexität und die Verschiedenartigkeit der Prozesse im Spital einige Herausforderungen. Und es gibt die Befürchtung, dass es ­einen Konflikt zwischen Nachhaltigkeit und medizinischer Qualität geben könnte: Gesundheit ist die oberste Priorität und Nachhaltigkeit darf dabei nicht einschränken. Erfreulicherweise gibt es viele Bereiche, in denen keine Konflikte bestehen und beide Ziele gut vereinbar sind.

Können Sie das präzisieren?

Viele umweltfreundliche Massnahmen lassen sich problemlos umsetzen. Öko-Stromprodukte haben beispielsweise keinen Einfluss auf medizinische Leistungen. Schwieriger wird es, wenn Massnahmen mehr Kosten verursachen oder mehr Personal erfordern. Wenn Nachhaltigkeit zu einem Wettbewerb um Ressourcen führt, dann kann es zu Konflikten kommen. Aber eben: Ganz viele Best Practices kosten wenig oder können sogar Kosteneinsparungen bewirken.

Können Sie die Resultate zusammenfassen?

Die Energieversorgung, also Wärme und Strom, der Verpflegungsbereich der Hotellerie und die Gebäudeinfrastruktur sind die wichtigsten Bereiche hinsichtlich Umweltbelastung in Spitälern. Damit entsprechen die Konsumbereiche mit den grössten Auswirkungen auf unsere Umwelt im Spital denen im privaten Umfeld. Konkret macht die Wärmeversorgung 26% der Treibhausgasemissionen der Spitäler aus, die Verpflegung 17% und die Gebäudeinfrastruktur 15%. Auf Platz vier sind Pharmazeutika, gefolgt vom Strom, der Produktion von betrieblichen Verbrauchsmaterialien wie zum Beispiel Reinigungsmitteln und medizinischen Produkten wie Masken. Dann kommt Abfall bzw. Abwasser, gefolgt von elektronischen Geräten, der Wäscherei, den Textilien und der Herstellung von medizinischen Grossgeräten. 

In einem zweiten Schritt wurde die Ressourceneffizienz vom Institut für Wirtschaftsstudien Basel (IWSB) berechnet. Was war da der Befund?

Es hat sich herausgestellt, dass die Ressourceneffizienz unabhängig von der Spitalgrösse ist. Man kann nicht sagen, dass kleinere Spitäler ökologisch effizienter sind als grössere oder umgekehrt. Die Berechnung hat gezeigt, dass die Hälfte der Spitäler ihre Emissionen um rund 50% vermindern könnten, ohne dass ihre Leistungen weniger würden. Da gibt es ein enormes ­Potenzial. Das grösste liegt in der Wärmeversorgung. Ob ein Spital erneuerbare oder fossile Energien verwendet, macht einen beträchtlichen Unterschied. Spitäler, die ihre Energie mit Fernwärme bereitstellen, schneiden in der Ökobilanz deutlich besser ab. Auch Infrastruktur ist ein entscheidender Faktor: Alte ­Gebäude sind oft weniger energieeffizient. 

Wie können Spitäler umweltfreundlicher werden? Wie sieht ein nachhaltiges Spital aus?

Das fängt schon beim Bau an, beispielsweise mit der Verwendung von nachhaltigen Materialien wie einheimischem Holz. Das Gebäude sollte mit erneuerbarer Energieversorgung ausgerüstet werden. LED kann zum Beispiel für die Beleuchtung verwendet werden. Ein anderer Bereich, wo schnell und einfach Massnahmen umgesetzt werden können, ist die Verpflegung: Am Kantonsspital Graubünden sind nun die Eintritt-­Menüs fleischlos, Fleisch gibt es aber immer noch im Angebot. Zudem laufen die Bestellungen neu elektronisch, was zu weniger Foodwaste führt. Wir haben festgestellt, dass 9% der Gerichte ohne Bestellung unangerührt geblieben waren, mit Bestellung waren es lediglich 2%. Das Spital kann entsprechend weniger ­Lebensmittel kaufen und spart so Kosten ein. Solche Massnahmen vermindern Emissionen, ohne dass die Qualität der Versorgung leidet. Eine nachhaltige Medikamentenbeschaffung ist auch ein wichtiger Hebel für ein nachhaltiges Spital. Viele Prozesse verursachen nicht direkt im Spital Umweltauswirkungen, sondern vielmehr in der vorgelagerten Lieferkette, zum Beispiel beim Einkauf von Textilien, Medikamenten oder Elektronik. 

 

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Matthias Stucki

Studienleiter "Green Hospital", Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW

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