access_time veröffentlicht 26.11.2020

«Als Frau in einer Führungsposition bin ich in einer Vorbildfunktion»

Dr. med. Yvonne Gilli, Neue FMH-Präsidentin

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«Als Frau in einer Führungsposition bin ich in einer Vorbildfunktion»

26.11.2020

Mit Yvonne Gilli hat die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH zum ersten Mal eine Frau zur Präsidentin gewählt. Werden nun vermehrt Frauen in der Medizin Karriere machen können?

 

Das Interview führte: Julia Rippstein, Redaktorin Print Online

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der SÄZ-Ausgabe Nr. 49 am 2. Dezember erschienen ist.

 

Frau Gilli, es ist nun ein Monat her, dass Sie zur ­FMH-Präsidentin gewählt wurden: Was hat die Wahl bei Ihnen ausgelöst?

Freude und Dankbarkeit für das Vertrauen, das mir die Delegierten der Ärztekammer sowie auch meine Kollegen und meine neue Kollegin im Zentralvorstand entgegengebracht haben. Mit den Gesprächen und Vor­bereitungen für die Übergabe des Präsidiums wächst das Gefühl für die Verantwortung. Dieses ist nicht ­unbeschwert und macht mich auch bescheiden. Erfolge werden wir nur kollektiv und gemeinsam erreichen können. Es braucht ein starkes Kollegium im ­Zentralvorstand, Expertenwissen in den Abteilungen und engagierte Kolleginnen und Kollegen in den Mitgliederorganisationen.

Sie wurden mit 123 von 163 Stimmen gewählt. Hatte Sie dieses klare Ergebnis überrascht?

Ja, dieses starke Resultat hat mich überrascht. Es ist gut zu wissen, dass ich im politischen Gegenwind auf diese Unterstützung zählen darf. Den Interessen der Delegierten als repräsentative Vertretung der Ärzteschaft in der Schweiz werde ich in den kommenden vier Jahren zusammen mit dem Zentralvorstand verpflichtet sein.

Wie werden Sie sich als Frau, Mutter von drei Kindern, «höchste Ärztin der Schweiz» und ehemalige ­Politi­kerin dafür einsetzen, Karrieren von Frauen in der Medizin zu fördern?

Als Frau in einer Führungsposition bin ich zusammen mit anderen Wegbereiterinnen in einer Vorbildfunktion und setze mich im Rahmen meiner Kompetenzen dafür ein, dass systemische Hindernisse für Frauenkarrieren beseitigt werden. Dazu gehört die frühe ­Förderung des Interesses an Naturwissenschaften. Wichtig sind weiter Arbeitsbedingungen, welche es erlauben, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. In weit grösseren Dimensionen hat das Kamala Harris, die gewählte Vizepräsidentin der USA, in einem Satz zusammengefasst: «Ich bin die erste Frau in dieser ­Position, aber ich werde nicht die letzte sein.»

Die meisten Medizinabsolventen sind inzwischen Frauen, doch Führungspositionen werden nach wie vor überwiegend von Männern besetzt – was sich auch im FMH-Zentralvorstand widerspiegelt. Wie fühlt es sich an, die erste Frau zu sein, die die Verbindung der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz führt?

Es ist ein Gefühl der Gewissheit, dass es heute möglich ist. Im Zentralvorstand arbeiten heute zwei Frauen! Das ist eine Steigerung um 100%. In Zukunft wird der Frauenanteil im ZV weiter steigen. Im Übrigen denke ich, dass die Entwicklung zu mehr Gendergerechtigkeit eine gemeinsame Aufgabe von Frauen und Männern ist. Auch die jungen Ärzte haben heute das Bedürfnis nach einer guten Balance zwischen Familie, Privatleben und Beruf.

Sie waren acht Jahre lang Nationalrätin: Wie ­werden Ihre politischen Erfahrungen Ihre Tätigkeit bei der FMH beeinflussen?

Diese Erfahrung ist mir wichtig. Es ist ein grosser ­Vorteil, die Kultur unter der Bundeshauskuppel zu verstehen. Mit vielen aktiven Politikerinnen im National- und Ständerat sowie auch im jetzigen Bundesrat habe ich direkt zusammengearbeitet. Durch die Möglichkeit, während der letzten vier Jahre auch die behörd­liche Arbeit in Arbeits- und Expertengruppen zu unterstützen, hat sich mein Horizont nochmals erweitert. In einem gewissen Sinn ist die politische Sprache eine ­kodierte Sprache. Man muss zwischen den Zeilen lesen können. Und in einem sogenannten «Haifischbecken» ist es für alle Beteiligten wichtig zu wissen, wem man vertrauen kann.

Wo sehen Sie die grössten politischen Herausforderungen in der kommenden Legislaturperiode?

In der täglichen Arbeit erfahren wir, wie politische Rahmenbedingungen sich direkt auf die Qualität der medizinischen Versorgung und auf die berufliche ­Zufriedenheit auswirken. Heute besteht die Gefahr, dass aus einer rein ökonomischen und kurzsichtigen Perspektive heraus Fehlanreize geschaffen werden. Dazu gehört zum Beispiel das Globalbudget. Unter dem verharmlosenden Titel von Zielvorgaben oder de­gressiven Tarifen verschlechtert diese Massnahme die ­Patientenversorgung und rationiert die medizinischen Leistungen gerade für die schwächsten Patienten mit Mehrfacherkrankungen und komplexen Krankheitsbildern. Solche unüberlegten Massnahmen müssen wir verhindern und aufzeigen, welchen Beitrag die Ärzteschaft leisten kann, damit die Gesundheitsversorgung gut und bezahlbar bleibt. Ein Beispiel dafür ist die Tarifpartnerschaft, welche TARDOC geschaffen hat. Als weiteres Beispiel können wir die einheitliche Finanzierung nennen, welche Fehlanreize zwischen stationären und ambulanten Behandlungen beseitigt.


 

Dr. med. Yvonne Gilli

Neue FMH-Präsidentin

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