access_time veröffentlicht 18.02.2021

«Bergsteigen hat mich gelehrt, vorsichtig zu sein»

Monika Brodmann Maeder, Präsidentin des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF)

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«Bergsteigen hat mich gelehrt, vorsichtig zu sein»

18.02.2021

Monika Brodmann Maeder ist seit dem 1. Februar an der Spitze des SIWF. Als Notfall- und Gebirgsärztin bringt sie Erfahrungen mit, die ihr im neuen Amt zugutekommen werden.

 

Das Interview führte: Julia Rippstein, Redaktorin SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der SÄZ-Ausgabe Nr. 9 am 3. März erschienen ist.

 

Frau Brodmann Maeder, Sie sind seit dem 1. Februar 2021 die höchste Verantwortliche für die ärztliche Weiter- und Fortbildung in der Schweiz. Wie fühlen Sie sich dabei?

Ich freue mich sehr, die Nachfolgerin von Werner Bauer zu sein und die Spitze des SIWF übernehmen zu dürfen. Umso mehr, weil das Wahlverfahren aufgrund der Corona-Lage sehr lange dauerte und meine Ernennung mich selbst überrascht hat. 

Sie engagieren sich schon lang für die Weiter- und Fortbildung. Weshalb?

Mein Interesse an der Wissensvermittlung fing bereits während der Assistenzzeit an – zuerst mit Vorträgen, dann mit vielen praktischen Kursen, vor allem im Bereich der Notfallmedizin. Sehr schnell merkte ich, dass es mir wichtig ist, einerseits klinisch tätig zu sein und andererseits die gesammelte Expertise an andere weitergeben zu können – und dies nicht nur im ärzt­lichen Bereich, sondern auch interprofessionell. Mit dem Master of Medical Education gelang mir eine Professionalisierung dieses Tätigkeitsfeldes. 

Welche anderen Erfahrungen und Kompetenzen können Sie beim SIWF einbringen?

Meine 30 Jahre klinischer Tätigkeit decken ein breites Spektrum ab: Ich arbeitete in der Inneren Medizin, Chirurgie, Anästhesie, Rehabilitation, im ambulanten Bereich sowie in der universitären Notfallmedizin. In Bezug auf Weiterbildung hat mich die Notfallmedizin am meisten geprägt, da hier die verschiedensten Spezialistinnen und Spezialisten aufeinandertreffen. Gehört die Vorderarmfraktur in den Bereich der Orthopädie oder der Handchirurgie? Die Diskushernie eher zur Neurochirurgie oder Orthopädie? Diese Überlappungen werden mich auch als SIWF-Präsidentin ­beschäftigen. 

Sie haben sich in der Rettungs- und Bergmedizin spezialisiert. Weshalb? 

Als Bergsteigerin war das Interesse an der Bergmedizin eine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig habe ich mich auch für Notfallmedizin interessiert. Damit war der Weg zur Spezialisierung in der Gebirgsnotfallmedizin – immer im Rahmen meines Facharzttitels für Allgemeine Innere Medizin – eine logische Folge. 

Gibt es Erfahrungen aus diesen Bereichen, die in Ihrem neuen Amt nützlich sein werden?

Mein Ziel ist es sicher nicht, alles von einem Tag zum anderen umzukrempeln. Ich werde am Anfang viel ­beobachten und Fragen stellen. Wie in den Bergen kommt man nicht immer direkt zum Ziel. Es gibt immer wieder Hindernisse, die Umwege erfordern. Man muss auch die Ruhe bewahren können, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Durch meine Erfahrungen in den Bergen und in der präklinischen Notfallmedizin habe ich zudem gelernt, flexibel zu reagieren. Rettungssituationen erfordern viel Improvisation. Als SIWF-Präsidentin ist es mir wichtig, nicht einfach irgendeiner unrealistischen Vision zu folgen, sondern zu versuchen, möglichst viel aus dem Vorhandenen zu machen und immer wieder Neues einzubringen. Schlussendlich hat mich die Bergwelt Respekt und Wertschätzung gelehrt. Ich durfte mit Menschen aus verschiedenen Berufen, Kulturen und Lebenshintergründen zusammenarbeiten, beispielsweise mit Sherpas oder Bergführern aus Nepal. Für eine gute Zusammenarbeit und konstruktive Diskussionen braucht es gegenseitigen Respekt. 

Haben Sie in Ihrer Position eine Vorbildfunktion für junge Frauen? 

Ja, das sehe ich als eine wichtige Aufgabe. Frauen in Kaderpositionen wie Yvonne Gilli, Anne Lévy vom BAG und ich müssen Vorbilder sein, um jüngeren Ärztinnen zu zeigen, dass sie so etwas auch können. Wir Frauen müssen genug selbstbewusst sein, um uns zu trauen, die gewünschte Karriere einzuschlagen. Einige Ärztinnen brechen während der Weiterbildung ihre Laufbahn ab, weil es an den nötigen Rahmenbedingungen fehlt, die beispielsweise Teilzeitpensen erlauben. Teilzeitarbeit und fundierte Weiterbildung müssen vereinbar sein. Dazu braucht es ein Umdenken von bloss einer bestimmten Anzahl Weiterbildungsjahren hin zu Kompetenzen. 

Können Sie das konkretisieren? 

Die Kompetenzorientierung ist ein zentraler Aspekt, den ich rasch in Angriff nehmen möchte. Es geht darum, vom heutigen Ansatz «ich muss so und so viele Jahre absolvieren, um den Facharzttitel zu bekommen» wegzukommen. Künftig werden Ärztinnen und Ärzte zeigen müssen, dass sie über die Kompetenzen verfügen, die für einen bestimmten Facharzttitel definiert sind – egal, ob sie dafür 5, 8 oder 10 Jahre brauchen. Zudem sollten wir ein Kontinuum von der Aus- bis zur Weiterbildung anstreben. Die ärztliche Grundausbildung wurde vor fünf Jahren in dieser Richtung neugestaltet. Die Lernziele wurden in Entrustable Professional Activities, sogenannte EPAs, aufgeteilt: Kompetenzen, die an Komplexität kontinuierlich zunehmen.

Welche Ziele haben Sie sich für die Anfangsphase gesteckt? 

Momentan bin ich noch in der Einarbeitungsphase. Ich muss mir zuerst einen guten Überblick verschaffen, um zu sehen, was innerhalb des SIWF gut läuft und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Zudem nehme ich Kontakt mit den Leuten auf, die eng mit uns zusammenarbeiten. Ich möchte aber auch die Kontakte nutzen, die ich in all meinen Jahren in der Klinik und in der Bildung aufgebaut habe. Mir ist es wichtig, nah an den Basisorganisationen, sprich der klinisch tätigen Ärzteschaft, zu bleiben. Und ich werde versuchen, immer ein offenes Ohr zu haben.

 

Weiterführende Links: 

Die Unerschütterliche, Artikel erschienen im TagesAnzeiger, Juni 2017

Bergmediziner tagen nächstes Jahr in Interlaken, Artikel erschienen im Berner Oberländer, Juni 2020

 

 

Monika Brodmann Maeder

Präsidentin des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF)

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