access_time veröffentlicht 05.11.2020

«Ein wichtiger Bestandteil gelebter Integrierter Versorgung»

Prof. Dr. Christian Eissler, Studiengangsleiter «MSc Pflege», Berner Fachhochschule

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«Ein wichtiger Bestandteil gelebter Integrierter Versorgung»

05.11.2020

Der Fachkräftemangel in der Grundversorgung und Pflege stellt insbesondere die Versorgung chronisch Kranker und multimorbider Patienten vor grosse Herausforderungen. Ein zentraler Lösungsansatz ist die Integration neuer Berufsgruppen, unter anderem Nurse Practitioner.

 

Das Interview führte: Matthias Scholer, Chefredaktor SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der SÄZ-Ausgabe Nr. 46 am 11. November erschienen ist.


In welchen Bereichen finden die Nurse Practitioner nach dem Studium hauptsächlich Arbeitsstellen?

Der grösste Bedarf an solchen Spezialistinnen und Spezialisten besteht bei der Versorgung chronisch Kranker oder multimorbider Patientinnen und Patienten. Der Vorteil der NPs ist, dass sie ihre Patientinnen und Patienten über eine lange Zeit, häufig bis zu deren Tod, begleiten. Folglich bieten sich NPs vor allem Einsatzmöglichkeiten in der Grundversorgung, in Heimen und der Spitex. 

Inwieweit besteht während dem Studium die Möglichkeit, praktische Erfahrung zu sammeln?

Bei uns ist die Verbindung zwischen Theorie und Praxis von zentraler Bedeutung. Studierende absolvieren während der Ausbildung 50 Praxistage, parallel zum Unterricht, in Hausarztpraxen sowie anderen geeigneten Institutionen. 

Sind es eher jüngere Ärztinnen und Ärzte, die sich bereit erklären, NPs während der Ausbildung Einblicke in den Praxisalltag zu gewähren?

Das lässt sich so nicht generalisieren. Das Alter ist nicht der entscheidende Faktor, sondern die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen. Generell ist die Bereitschaft NPs eine Praktikumsstelle anzubieten bei Ärztinnen und Ärzte höher, die während ihrer eigenen Karriere, beispielsweise in Skandinavien oder im angelsächsischen Raum, bereits mit NPs zusammenarbeiteten. Sie kennen den Nutzen solcher Kollaborationen aus erster Hand. 

In der Schweiz steht die Implementierung von Nurse Practitioners im Gesundheitswesen noch am Anfang. Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen?

Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen auf nationaler Ebene an die neuen Bedürfnisse der verschiedenen Berufsbilder angepasst werden. Dies betrifft einerseits die Abrechnung der Leistungen der Nurse Practitioners und andererseits die Möglichkeiten, dass NPs Medikamente verschreiben. In der Romandie ist dies in gewissen Kantonen bereits der Fall. Parallel dazu besteht grosser Informationsbedarf hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten, nicht nur der NPs, sondern auch weiterer, für die Schweiz neuen Berufsgruppen. Wir hören häufig seitens der Hausärzte, dass sie keine Nurse Practitioner benötigen, da sich ihre MPA bereits in einer Weiterbildung befindet. Dabei sind dies zwei grundlegend verschiedene Berufe.

Aber NPs sind keine «Ärztinnen light»?

Nein, sondern gut ausgebildete Pflegefachkräfte und Teamplayer. Es geht bei der Integration von NPs auch nicht darum, sich gegenseitig Kompetenzen und Tätigkeiten streitig zu machen. Die NPs sind schlussendlich nur eine von mehreren neuen Berufsgruppen, mit deren Integration wir gemeinsam die wachsenden Herausforderungen der Betreuung von chronisch Kranken und multimorbiden Patientinnen und Patienten effizient meistern können. Sie alle sind ein wichtiger Bestandteil gelebter Integrierter Versorgung.

 

 

Prof. Dr. Christian Eissler

Studiengangsleiter «MSc Pflege», Berner Fachhochschule

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